"Kriegslicht" von Michael Ondaatje In den Falten von Landkarten

Sein Klassiker "Der englische Patient" spielte im Zweiten Weltkrieg. Nun erzählt Michael Ondaatje im Roman "Kriegslicht" von einem Teenager im London nach 1945, von Spionen, Wahlverwandten und einer Frau mit Geheimnissen.

St. Pauls Cathedral in London am 11.Mai 1941
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St. Pauls Cathedral in London am 11.Mai 1941

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In jenen Nächten war London dunkelst, die Themse schwarz. Bis auf gedimmtes Orange an Brücken, bis auf die Bomben- und Schrapnellblitze, die die Deutschen aus der Luft herabwarfen. Manche Brücken waren Attrappen, eine Ablenkung. Um unsichtbar Nitroglyzerin wegzuschaffen.

In diesem Kriegslicht traut man weder Schein noch Schatten. Die Spione und die anderen spurlosen Silhouetten von damals, sie bleiben davon angeleuchtet, auch wenn der eigentliche Krieg längst vorbei ist. Sie sehen die Welt in Kriegslicht getaucht: Ihre Augen haben sich daran gewöhnt.

"Die meisten großen Schlachten werden in den Falten von Landkarten ausgetragen", hat Michael Ondaatje seinem neuen, seinem achten Roman "Kriegslicht" als Epigraph vorangestellt, quellenlos. Nach seinem ewigen Bestseller "Der Englische Patient" wieder ein Roman, der 1945 einsetzt, mitten in der Falte des 20. Jahrhunderts. Im Schummer wie in den Falten: Das Hirn ergänzt, was fehlt, damit Sinn macht, was das Auge sieht. Egal ob diese Schlachten im Krieg oder im eigenen Leben ausgefochten werden. Oder beim Lesen.

Autor Michael Ondaatje
imago/ ZUMA Press

Autor Michael Ondaatje

Das merkt Nathaniel, der Erzähler, schon mit 14, als er sich mit seiner Schwester Rachel allein in London wiederfindet, umgeben von einer losen Gruppe aus dem Untermieter seiner Eltern, Hausfreunden, Wahlverwandtschaften. Eines Tages, der Krieg war gerade vorbei, verkündeten die Eltern, sie seien dann mal weg. In Asien, für "ein Jahr" etwa, "also nicht für allzu lange Zeit, aber doch für eine Weile".

Die ersten Zeilen, und wupp, die Präzision von "ein Jahr" ist unscharf. Hier wird angetäuscht, auf Sicht gefahren. So heißen die Figuren, die sich um die zwei gruppieren, "Der Falter" (klingt im Original mit "The Moth", die Motte, zu Recht zwielichtiger), "Der Boxer" oder "Agnes" nach einem Haus in der Agnes Street. "Ein Fisch, der sich im Schatten tarnt, ist nicht mehr ein Fisch, sondern bloß Teil einer Landschaft, als hätte er eine andere Sprache, so wie es für uns manchmal wichtig ist, dass man uns nicht kennt", heißt es einmal. Treffender lassen sie sich kaum fassen, die multiplen, dynamischen Identitäten im Werk des in Sri Lanka geborenen Kanadiers.

Zudem baut der 74-Jährige so viel Historisches ein, dass er in der Danksagung zwei Seiten lang nur Quellen aufzählt. Ein Spiel mit unserer Wahrnehmung, um die Horizontlinie zum Erfundenem im Dämmerlicht verschwimmen zu lassen. Und so ist es Initiationsgeschichte wie Spionagestory, Nachkriegsdrama wie, vor allem: Porträt einer freien Frau.

Ein Erzählrhythmus wie im Jazz

Denn Nathaniels Mutter verschwand in einer solchen Falte: weg, ohne tot zu sein, nicht in Asien. Und so sammelt er, der Erzähler, die Schnipsel, die er hat, und füllt den Rest aus: zu einem Leben als internationale Agentin. Zum Leben einer Frau, die keine Lust hat auf die Identität als Mutter.

Es ist bewegend, wie behutsam Ondaatje all diese letztlich solitären Figuren über fünf Buchteile wachsen lässt, den erwachsen werdenden, erkennenden Blick von Nathaniel spiegelt. Und wie wenig er dafür braucht. Wie auf einer Bühne, wo zum ersten Aufzug, dem Familienbild zu viert, nach und nach Requisiten, Landschaften, Räume vom Schnürboden gesenkt werden. So angestrahlt, dass hinter halbverschatteten Schemen auf einmal ausgeformtes Leben, Kontext erkennbar ist.

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Michael Ondaatje:
Kriegslicht

Übersetzt aus dem Englischen von Anna Leube

Hanser Verlag, 320 Seiten, 24 Euro

Ondaatje macht uns Hotelküchenarbeiter, Windhundrennenbetrüger, Kleinfarmer vertraut. Beiläufig, wie einer am Rosmarin zupft, daran riecht, ihn einsteckt. Der Roman hat nur gut 300 Seiten, aber wirkt erfüllend wie ein Epos, der das Wesen einer Ära einfängt. Jedes Geschwurbel über den Literaturnobelpreis, eh geschenkt, zudem gab's ja den goldenen Bookerpreis. Aber. Aber!

Die blindgefalzten Kartenfalten, der Kriegslichtschein, die Fischtarnung, das Zitat ohne Quelle: das Verborgene hinterm Sichtbaren, damit führt uns Ondaatje in einen sich steigernden Rausch. Es ist ein Erzählrhythmus, der an Jazz, an seine - leider in Deutschland eher unbekannten - Gedichte erinnert, an Mischformen wie sein Debüt "Buddy Boldens Blues".

"Während ich all dies Jahre später aufschreibe, fühle ich mich manchmal als schriebe ich bei Kerzenlicht", hält Nathaniel fest. "Als könnte ich nicht sehen, was im Dunkel jenseits der Bewegung dieses Stifts geschieht." Er hat sich stets Familie, Heimat, Identität gewählt. Und so füllt er dieses Dunkel mit Schummer und Flackern und Leuchten aus. Seine Freiheit. Alleine.

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