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Erfolgreichster Autor der Slowakei

"Der Westen ist osteuropäisiert worden"

Der Mord an dem Journalisten Ján Kuciak rückte Medien und Macht in der Slowakei in den Blickpunkt. "Troll", der neue Roman von Michal Hvorecky, handelt von Manipulationen und Propaganda.

Ein Interview von Günter Keil

AP

Kerzen für den ermordeten Journalisten Ján Kuciak und seine Lebensgefährtin

Donnerstag, 06.09.2018   18:16 Uhr

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SPIEGEL ONLINE: Herr Hvorecky, der im März zurückgetretene slowakische Ministerpräsident Robert Fico nannte Sie einen "Krawallmacher" und "Unruhestifter". Verletzen Sie solche Äußerungen noch?

Hvorecky: Nein. Das ist der übliche Ton gegenüber Intellektuellen in Osteuropa. Meine Kollegen und ich sind daran gewöhnt - wir wurden auch schon als "dreckige Huren" bezeichnet. Jeder, der sich Protestbewegungen anschließt, Kritik äußert oder Machtstrukturen aufdeckt, wird als Verräter diffamiert. Das war schon zu sozialistischen Zeiten so: Künstler galten als Feinde der Nation, und die Rechten von heute haben das erfolgreich übernommen. Viele slowakische Politiker bezeichnen uns abwertend als "Caféhaus Bratislava" - soll heißen: Die Intellektuellen sitzen nur rum, arbeiten nicht und bereiten den Umsturz vor. Bei der Bevölkerung kam das lange Zeit gut an, aber ich glaube, diese Masche funktioniert nun nicht mehr in diesem Ausmaß.

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SPIEGEL ONLINE: Was hat sich verändert?

Hvorecky: Der Mord an dem Journalisten Ján Kuciak im Februar dieses Jahres war ein großer Schock für das ganze Land. Kuciak hatte massive Korruption und mafiöse Strukturen aufgedeckt; dass er dafür sterben musste, hat Zigtausende Bürger auf die Straße getrieben. Diese neue Bürgerbewegung gibt nicht Ruhe und setzt immer wieder Zeichen für Zivilcourage. Auf ihren Druck hin sind der Premierminister, der Innenminister und der Polizeipräsident zurückgetreten. Das Bewusstsein, dass sich etwas ändern muss, ist generell gestiegen. Doch die Gesellschaft ist tief gespalten, und die Demonstranten werden diskreditiert.

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SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Roman "Troll" wird der Hass gegenüber Künstlern und Kritikern staatlich gelenkt und technisch verstärkt. Tausende Trolle stiften in den sozialen Medien gezielt Unruhe und verbreiten Lügen. Wie realistisch ist dieses Szenario?

Hvorecky: Es ist schon jetzt Realität. Als ich 2015 angefangen habe zu schreiben, dachte ich, dies sei eine Zukunftsvision, ein fantastischer Roman. Inzwischen liegt die Handlung jedoch leider sehr nah an der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit hat die Science-Fiction überholt, sagt einer meiner Protagonisten. Und tatsächlich: Die Slowakei und ganz Osteuropa befinden sich mitten im Informationskrieg.

SPIEGEL ONLINE: Was verstehen Sie darunter?

Hvorecky: In den vergangenen Jahren gab es unzählige Beweise für bezahlte Kampagnen, vor allem von russischer Seite. Zuvor hatten auch schon die slowakischen Christdemokraten und die sogenannten Sozialdemokraten versucht, mit massenhaft gekauften Kommentatoren die öffentliche Meinung zu manipulieren. Aktuell sitzen in den Botschaften Russlands in Prag und Bratislava zahlreiche Agenten, die sich Trolle mieten, Hunderte Fake-Profile erstellen, erfundene News senden, falsche Webseiten aufbauen und manipulative Inhalte viral verbreiten.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Zweck verfolgen sie damit?

Hvorecky: Die strategischen Hauptziele sind, die Gesellschaft tief zu verunsichern und den Westen als Feind zu stilisieren. Russland wird als großer Freund und slawischer Bruder dargestellt, Putin als herausragender, verlässlicher Staatsmann. Damit verbunden ist auch die Beschönigung und Manipulation der gemeinsamen Vergangenheit. Der Austritt aus EU und Nato soll auf diese Weise den Bürgern schmackhaft gemacht werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagiert die Öffentlichkeit auf diese Einflussnahme?

Hvorecky: Leider unterschätzt die breite Öffentlichkeit dieses Problem. Viele User haben keine Ahnung, dass sie Fake-News lesen und bewusst desinformiert werden. Sie sind zu naiv und überfordert. Die neue Propaganda, auch gegen Flüchtlinge oder andere Randgruppen, ist unglaublich kompliziert und komplex - dagegen waren die Manipulationen zur Sowjetzeit leicht zu durchschauen. Trolle stiften große Verwirrung, Uneinigkeit und Chaos. Sie wollen, dass die Menschen glauben, es gebe keine Wahrheit. Das schwächt unsere Demokratie und die Zivilgesellschaft enorm, und man muss die Leute darüber aufklären, sie davor warnen. Ich meine: Jeder hat ein Recht auf seine eigene Meinung, aber nicht jeder hat das Recht auf seine eigenen Fakten.

SPIEGEL ONLINE: Im Roman "Troll" schreiben Sie, dass die Begriffe von Wahrheit und Lüge im Osten und Westen eine andere Bedeutung haben. Gibt es wirklich diesen Unterschied?

Hvorecky: Noch vor drei Jahren hätte ich diese Frage klar mit Ja beantwortet. Inzwischen hat jedoch eine Osteuropäisierung des Westens stattgefunden: Viele der Tendenzen aus Ungarn, Polen, Tschechien und der Slowakei kann man nun auch in Österreich oder Bayern beobachten.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Hvorecky: Nehmen Sie die Flüchtlingspolitik: Es ist unfassbar, dass etwa Horst Seehofer Viktor Orbán als großen Politiker lobt und seine Partei gegen Migranten Politik macht, um von echten Problemen abzulenken. Das ist eigentlich typisch für die osteuropäische Politik der vergangenen Jahre - bei uns gibt es kaum Migranten, aber sie müssen als Sündenböcke für alles herhalten, was schiefläuft. Apokalyptische Propaganda ersetzt die Realität.

SPIEGEL ONLINE: Die Slowakei hat also Ihrer Meinung nach gar kein Problem mit Einwanderung?

Hvorecky: So ist es. Vielmehr hat sie ein riesiges Problem mit Auswanderung. 250.000 Bürger haben die Slowakei in den vergangenen zehn Jahren verlassen, wohingegen in diesem Jahr bis jetzt nur eine einzige Person Asyl bekommen hat. Eine einzige Person! Und trotzdem werden bei uns Einwanderungsängste geschürt und die imaginäre Gefahr beschworen, dass uns die Massen überrollen werden. Wie in meinem Roman trifft die Stimmungsmache aber nicht nur Migranten, sondern auch Schwule, Juden oder Roma.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich die Propaganda konkret aus?

Hvorecky: Das Misstrauen gegenüber Politik, Demokratie und Justiz steigt. Umfragen zeigen, dass das Vertrauen in Politiker und Polizisten in der Slowakei noch nie so gering war wie zurzeit. Das ist sehr beängstigend. Noch ein aktuelles Beispiel: Soziologen haben vor Kurzem eine neue Studie über Vorurteile gegenüber Juden veröffentlicht. Vor acht Jahren gab jeder zehnte Slowake an, keinen Juden als Nachbarn haben zu wollen - heute sind es 30 Prozent. Wie konnte das passieren, bei einem Bevölkerungsanteil von Juden von 0,01 Prozent? Die Antwort liegt auf der Hand: Es sind die Kampagnen und Verschwörungstheorien, die Wirkung zeigen. Auf die klassischen Medien Osteuropas ist auch kein Verlass mehr: Sie befinden sich zunehmend in der Hand von Oligarchen. Die Folge ist letztlich, dass unsere Zugehörigkeit zur freien Welt auf dem Spiel steht.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt klingen Sie ziemlich pessimistisch.

Hvorecky: Ich habe aber durchaus Hoffnung. Die neue Bürgerbewegung zeigt, dass wir etwas bewirken können. Die Menschen müssen allerdings zur Wahl gehen, und sie müssen ihre Meinung kundtun. Es gibt zwei neue Parteien in der Slowakei, die den Versuch wagen, eine andere Politik zu machen. Und es gibt seit drei Jahren "Dennik N", eine unabhängige, per Crowdfunding gegründete Tageszeitung, die online und gedruckt gut ankommt. In Tschechien entsteht gerade ein ähnliches Medienprojekt. Das sind spannende Entwicklungen, die mir Mut machen.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren 13 Jahre alt, als die Samtene Revolution Ihre Heimat komplett veränderte. Inwiefern hat Sie dieser Umbruch geprägt?

Hvorecky: Das war das Allerwichtigste, das Allerschönste für mich. Die Revolution war die Rettung meines Lebens. Ich bin ja am Stacheldraht aufgewachsen; Bratislava lag an der Staatsgrenze zu Österreich, das war Sperrgebiet, fast so wie an der Berliner Mauer. Meine Mutter hätte nie zu träumen gewagt, einmal nach Wien reisen zu können, obwohl es so nah war. Der Wandel hat dann die Welt für uns geöffnet, und ich habe mich bei den großen Demonstrationen nach dem Mord an Ján Kuciak an diese wunderbare Zeit erinnert. Ich dachte allerdings auch daran, dass danach, in den Neunzigerjahren, auch schon vieles schieflief und wir erste Erfahrungen mit Rechtspopulisten gemacht haben. Daraus hätten wir lernen sollen. Nun müssen wir alles tun, um die Demokratie zu stärken.

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