Bestsellerautor Michel Faber über Trauer Zehn Zeilen am Tag, mehr ging nicht

Während Michel Faber an seinem neuen Buch arbeitete, erkrankte seine Frau an Krebs. Die Diagnose veränderte sein Leben - und brachte einen großen Roman über Liebe, Trauer und Verlust hervor.

Michel Faber
Michaela Danelova

Michel Faber

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Michel Faber wirkt wie jemand, der nichts darstellen und niemandem etwas beweisen will. Die grauen Haare des 58-Jährigen hängen in die Stirn, wie bei einem Teenager aus den Neunzigerjahren. Unter einem schwarzen Kapuzenpullover spannt eine Kugel, die er selbst seinen Schmerbauch nennt. An seiner Schulter baumelt eine ausgebeulte Sporttasche, aus der die Ohren eines goldfarbenen Dürerhasen aus Plastik schauen.

2002 war Faber der Autor der Stunde. Damals erschien "Das karmesinrote Blütenblatt", ein tausend Seiten starker Historienroman über eine Prostituierte im viktorianischen London. Das Buch verkaufte sich weltweit 1,4 Millionen Mal. Eine Steilvorlage für eine Karriere als Bestsellerautor historischer Romane. Doch Faber hatte bald genug davon, ein Literaturstar zu sein. Er zog sich mehr und mehr zurück, machte kaum noch Lesungen, gab selten Interviews - und begann mit der Arbeit an einem Science-Fiction-Roman, der Geschichte eines Geistlichen, der von einem gesichtslosen Megakonzern auf einen fremden Planten geschickt wird, um sich dort um das Seelenheil der Aliens zu kümmern.

Zehn Jahre arbeitete er an "Das Buch der seltsamen neuen Dinge", das nun auf Deutsch erschienen ist. Sechs Jahre bevor der Roman fertig wurde, erkrankte seine Frau Eva Youren, mit der er 26 Jahre verheiratet war, an Krebs. Sie starb wenige Monate bevor das Buch erschien.

SPIEGEL ONLINE: Herr Faber, es wurde schon viel darüber philosophiert, wie Kunst und Leben einander bedingen. In Ihrem Fall scheinen das Schreiben des Romans und der lange Abschied von ihrer Frau untrennbar verbunden zu sein.

Michel Faber: Als ich angefangen hatte, das Buch zu schreiben, war Eva noch nicht krank. Es gab besorgniserregende Symptome, aber noch keine Erklärung. Zu diesem Zeitpunkt sollte Peters Reise zu dem fremden Planeten symbolisch sein für den Künstler, der in sein Reich verschwindet, um mit der unendlichen Herrlichkeit künstlerischen Schaffens zu kommunizieren, während seine Partnerin den Klempner anrufen muss, weil das Klo verstopft ist.

SPIEGEL ONLINE: Eine klare Rollenverteilung. Wie war das bei Ihnen und Ihrer Frau?

Faber: Eva war eine sehr kreative Person, sie war eine sehr talentierte Fotografin und Künstlerin, eine vielversprechende Autorin. Vieles davon hatte sie auf Eis gelegt. Zum Teil, weil sie zwei Kinder aus ihrer ersten Ehe hatte und für sie da sein wollte. Aber eben auch, weil sie sich für mich um eine Menge Dinge kümmerte, damit ich in meinem "geheiligten Arbeitszimmer" sein und Kunstwerke produzieren konnte.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nicht, als wären sie die Art von Schriftsteller, die morgens eine Stunde joggen geht und dann zwei Stunden schreibt.

Faber: Nein, ich bin die Art von Schriftsteller, die morgens aufsteht, Jogginghosen anzieht - und dann zum Computer geht, um dort den ganzen Tag bis in die Nacht zu sitzen. Bis seine Frau sagt: Es ist spät geworden, meinst du nicht, dass es Zeit ist, etwas zu essen?

SPIEGEL ONLINE: Mit der Krankheit Ihrer Frau änderte sich das?

Faber: Mein ganzes Leben änderte sich. Ironischerweise wurde ich, während ich dieses Buch über einen Mann schrieb, der für seine geheiligte Mission alles zurücklässt, derjenige, der sich um Eva kümmerte. Für einen sehr kranken Menschen zu sorgen ist ein Full-Time-Job. Das machte es sehr schwer, das Buch zu schreiben. Aber wir haben es gemeinsam hinbekommen.

SPIEGEL ONLINE: Veränderte sich auch das Buch?

Faber: Als Eva krank wurde, ging es bald um sehr viel mehr als einen Schriftsteller und seine Arbeit. Plötzlich war es eine Geschichte über große Liebe, abgrundtiefe Trauer und Verlust.

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Michel Faber:
Das Buch der seltsamen neuen Dinge

Kein & Aber Verlag; 688 Seiten; 25 Euro

SPIEGEL ONLINE: Wie konnten Sie sich in dem Wissen, dass Ihre Frau sterben wird, auf das Schreiben konzentrieren?

Faber: Eine Zeit lang war es unmöglich. Ich habe mir jeden Tag Sorgen gemacht. Und ich trauerte, weil wir wussten, dass es ein unheilbarer Krebs ist und sie sterben würde. Etwa ein Jahr bevor sie starb, sagte ich zu Eva: "Ich weiß, du möchtest, dass ich dieses Buch zu Ende schreibe. Das wird nicht passieren. Es tut mir leid."

SPIEGEL ONLINE: Nun liegt es vor uns.

Faber: Eva sagte: Ich möchte unbedingt wissen, wie es ausgeht. Es ist ein gutes Buch, du musst es zu Ende schreiben. Wie wäre es, wenn du mir versprichst, nur zehn Zeilen am Tag zu schreiben? Das tat ich. Und für eine lange Zeit schrieb ich nicht mehr als zehn Zeilen am Tag. Und es war eine Qual. Ich hatte neuneinhalb Zeilen und ich dachte, wenn ich nur noch acht Worte schaffe, habe ich meine zehn Zeilen. Und dann kann ich Eva sagen, dass ich es heute geschafft habe. Das machte ich eine lange Zeit so, bis das Schreiben wieder leichter wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Faber: Irgendwann war da diese Spannung und Vorfreude, jedes Mal, wenn ich ein Kapitel beendet hatte und es Eva zeigen konnte. Sie las es, sagte mir, was sie davon hielt. Wie bei allem, was ich geschrieben habe, brachte sie auch hier ihren ungeheuren Sachverstand für das Erzählen von Geschichten ein.

SPIEGEL ONLINE: Mochte sie das Buch?

Faber: Sehr. Eva war nur in Sorge, dass diese Geschichte mit Außerirdischen nicht die Menschen erreichen würde, die es vielleicht am meisten lieben könnten.

Das wäre schade. Denn "Das Buch der seltsamen neuen Dinge" ist ein durch und durch besonderes Buch und eine ungeheuer intensive Leseerfahrung. Ein spannendes Abenteuer, das ohne böse Charaktere auskommt. Und eine wahrhaft universelle Liebesgeschichte, die sich nicht darin erschöpft, die Klischees der romantischen Liebe wiederzukäuen, sondern von der echten handelt. Von der komplizierten Liebe, die Arbeit, Reflektion, Demut und manchmal große Opfer verlangt. Von der Liebe zu allen Wesen und Dingen, egal wie vertraut oder fremd sie sind, wie nah oder unendlich fern. So wird die Reise zu den merkwürdigen Wesen auf dem weit entfernten Planeten Oasis zu einer Reise zu dem merkwürdigen Wesen in uns selbst.

Als er 2014 "Das Buch der seltsamen neuen Dinge" in Großbritannien veröffentlichte, irritierte Michel Faber mit der Ankündigung, dass dieses Buch sein letzter Roman sein würde. Es klang wie ein weiterer großer Abschied. Und es ist dabei geblieben. Verstummt ist Faber dennoch nicht: Mit "Undying" erschien ein berührender Band mit Gedichten über den Tod seiner Frau. Derzeit arbeitet er an einer Abenteuergeschichte für Kinder und an einem Sachbuch über Musik. Vor zwei Jahren lernte er seine neue Partnerin, die Schriftstellerin Louisa Young, kennen.

Als er im Interview davon erzählt, klingt es, als dürften wir uns Michel Faber als einen glücklichen Menschen vorstellen.

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ulrichnass 30.06.2018
1. Enttäuschung
die Besprechung hatte mich neugierig gemacht.Leider habe ich bei der Lektüre kein 'besonderes Buch' entdecken können.Als Science Fiction ist der Plot völlig unstimmig und uninspiriert.Die Liebesgeschichte wird nicht wirklich tiefgründig beschrieben. Das erzählerische und sprachliche Potenzial des Autors repräsentiert Mittelmaß. Gänzlich oberflächlich und fast ärgerlich sind die Betrachtungen zu Gott und Religion.Mich hat das einfach genervt.Das Buch ist etwas für Anhänger vom 'Das Wort Zum Sonntag' oder Margot Käßmann. Schade ulli nass
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