Autor Michel Houellebecq "Selbstmord europäischer Gesellschaften"

Eine Auszeichnung "für herausragende Leistungen zum Verstehen unserer Zeit": Michel Houellebecq erhielt am Montagabend den Frank-Schirrmacher-Preis. Zum Dank sprach er über Islam, Intellektuelle und Prostitution.

Michel Houellebecq (Archivbild aus dem Juni 2016)
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Michel Houellebecq (Archivbild aus dem Juni 2016)


Mitunter werde er betrachtet wie eine Art Prophet, sagte Michel Houellebecq bei einer Rede im Berliner Haus der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und spielte damit darauf an, dass sein Roman "Unterwerfung" in Frankreich am Tag des Anschlags auf "Charlie Hebdo" erschienen sei, aber auch ein Interview, in dem er über die islamistische Gefahr sprach, am 11. September 2001 erschien. Doch das seien nur tragische Koinzidenzen gewesen.

Worin Houellebecq allerdings tatsächlich für sich in Anspruch nimmt, zumindest "ein Prophet im halben Sinne des Wortes, ein Prophet, dessen Vorhersagen sich nur sehr langsam realisieren", zu sein, das führte er in seiner Dankesrede zur Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises weiter aus.

In "Unterwerfung" habe er "die Machtergreifung eines moderaten Islams, dem sich ein Europa, das seinen Werten abgeschworen hat, die ihm im Grunde nicht mehr passen, unterwerfen würde", vorhergesagt. Derzeit sei zwar nicht zu bemerken, wie sich in Europa der gemäßigte Islam manifestiere. Vielmehr sei das Auftreten des Djihadismus zu beobachten, "eines Islams, der Attentate durchführt und die ganze Welt mit Bürgerkrieg überzieht".

Doch in einer historischen Volte zieht Houellebecq Parallelen zwischen den Gewalttaten im Namen der Französischen Revolution und den Djihadisten: "Neben den französischen Revolutionären erscheinen die Menschen des 'Islamischen Staates' beinahe zivilisiert." Mit einem Schlag habe aber das revolutionäre Gemetzel einst ein Ende genommen. Darum, warum nicht: "Vielleicht wird einfach so, ohne wirklichen Grund, auf konfuse Weise und wenig spektakulär auch der 'Islamische Staat' enden."

Aber das Vordringen des Islams beginne gerade erst, so Houellebecq, "denn die Demografie ist auf seiner Seite". Europa habe sich, "indem es aufhört, Kinder zu bekommen, in einen Prozess des Selbstmords begeben". Mitverantwortlich für diese Entwicklung macht der Schriftsteller eine Politik, die sich gegen die Prostitution richtet. "Die Prostitution abschaffen, heißt, eine der Säulen der sozialen Ordnung abzuschaffen." Denn ohne die Prostitution als Korrektiv werde "die Ehe untergehen und mit ihr die Familie und die gesamte Gesellschaft".

Laudatorin Necla Kelek und die "Sehnsucht des Publikums"

Michel Houellebecq erhielt den mit 20.000 Schweizer Franken dotierten Preis für "herausragende Leistungen zum Verstehen unserer Zeit". Er erinnert an den 2014 verstorbenen "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher. Houellebecq folgt als Schirrmacher-Preisträger auf Hans Magnus Enzensberger.

Die Laudatio auf Houellebecq hielt die Soziologin Necla Kelek, die den Preisträger als einen "Autor der Gemeinschaft der Einsamen" charakterisierte. Sie entnehme seinen Büchern, dass "Religion, gleich welche, auch nur Ideologie und vergebene Liebesmüh" sei. Dass die Theaterfassung seiner "Unterwerfung" auf deutschen Bühnen so erfolgreich sei, habe - neben der schauspielerischen Leistung von Edgar Selge - mit "einer Sehnsucht des Publikums, das sich wünscht, dass im Theater so ein wichtiges Thema vorkommt" zu tun.

Kelek, eine prominente Islamkritikerin, nutzte die Gelegenheit für einen Seitenhieb auf "den Polit-Kitsch des Agitationstheaters" etwa im Berliner Maxim-Gorki-Theater, wo die westliche Welt und die bürgerliche Identität "als grundlegend verdächtig, schuldig angesehen" werde.

Houellebecq und die Linken

In eine ähnliche Opferposition stellte sich auch Michel Houellebecq zu Beginn seiner Rede. Während er zu "Referenzblättern" wie "El Pais", "Corriere della Sera" oder der "FAZ" gute Beziehungen habe, sei sein Verhältnis zur französischen Tageszeitung "Le Monde" nur mit dem Wort "Hass" treffend zu beschreiben. Houellebecq versuchte 2015 gerichtlich, eine Artikelserie in "Le Monde" über sich zu verhindern - vergeblich. Die öffentliche Debatte in Frankreich bezeichnete er als "Hexenjagd" und begründetet dies damit, dass die linken Medien, ja, die Linke in Frankreich allgemein "allem Anschein nach dabei sei zu sterben" - und wie ein Tier in Todesangst gefährlich werde.

Konkret bezog sich Houellebecq auf einen Essay von 2002, in dem der Ideenhistoriker Daniel Lindenberg ihn gemeinsam mit anderen Schriftstellern und Intellektuellen als "neuen Reaktionär" bezeichnete. Das Buch, das seinerzeit eine heftige Debatte auslöste, wurde unlängst neu aufgelegt - mit einer Banderole versehen, auf der es als "vorhersehend" bezeichnet wird.

Houellebecq nahm nun für sich und seine von Lindenberg ebenfalls angegriffenen Schriftstellerkollegen in Anspruch, die französischen Intellektuellen "aus der Zwangsjacke der Linken" befreit zu haben.

Anfang September hatten in Frankreich die Erinnerungen des frankophilen schottischen Houellebecq-Übersetzers Gavin Bowd für Aufsehen gesorgt. Er beschreibt in seinem Buch eine absinth- und rotweinselige Nacht in Paris, in der Houellebecq angekündigt haben solle, ein Interview geben zu wollen, in dem er zum Bürgerkrieg gegen den Islam in Frankreich und für die Wahl von Marine Le Pen aufrufen wolle. Eine Begleiterin habe aber Bowds Erinnerungen nach gewarnt: "Mit solchen Aussagen wirst du nie den Nobelpreis kriegen."

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