TV-Interview Houellebecq verteidigt sich gegen Islamophobie-Vorwurf

In einem TV-Interview hat sich Michel Houellebecq zu seinem umstrittenen Buch "Unterwerfung" geäußert. Den Vorwurf, er sei ein Feind des Islam, weist er ebenso zurück wie die Vereinnahmung durch die Rechte.

Canal+

Paris - Auch Michel Houellebecq, der nach seinem Roman "Unterwerfung" neuerlich umstrittene Schriftsteller, hat sich nach dem Anschlag auf die französische Satirezeitung "Charlie Hebdo" der Solidaritätswelle unter dem Motto "Je suis Charlie" angeschlossen. Dies bekräftigte er in einem Fernsehinterview mit dem Journalisten Antoine de Caunes, das der Sender Canal+ am Montagabend ausstrahlte. Besonders die Ermordung des Wirtschaftswissenschaftlers Bernard Maris ging Houellebecq sichtlich nahe: "Es ist das erste Mal, dass ich jemanden kenne, der erschossen wurde."

Das Interview wurde schon am Mittwoch, am Abend nach dem Überfall auf die Redaktionsräume des Wochenblatts, aufgezeichnet, doch angesichts der folgenden Ereignisse verzichtete die Canal+-Sendung "Le Grand Journal" zunächst auf die Ausstrahlung.

Am Donnerstagabend gab Michel Houellebecq dann bekannt, dass er sein jüngstes Buch vorerst nicht bewerben werde. "Unterwerfung" spielt im Jahr 2022: Um einen Sieg Marine Le Pens vom rechtsextremen Front National (FN) bei den Präsidentschaftswahlen zu verhindern, unterstützen Sozialisten und Konservative einen gemäßigten muslimischen Kandidaten, der daraufhin gewählt wird (lesen Sie hier unsere Rezension des Werks).

"Null Grenzen"

In dem nun ausgestrahlten Interview (hier in voller Länge und auf Französisch zu sehen) weist Houellebecq den Vorwurf, sein Roman könne zur Islamophobie beitragen, zurück: "Nein, denn das Buch ist nicht islamophob", selbst eine oberflächliche Lektüre gebe diesen Eindruck nicht her.

Eine Verantwortung des Autors für eventuelle Folgen seines Werkes in der Realität lehnt Michel Houellebecq ab. Er könne sich nicht sagen lassen: "Sie sind frei, aber seien Sie verantwortungsbewusst." Die Redefreiheit kenne keine Grenzen, so Houellebecq: "Null Grenzen."

Zu Versuchen der extremen Rechten, sein Buch für ihre Positionen zu vereinnahmen, gibt sich der Schriftsteller kämpferisch: "Derjenige, der es schafft, mich zu vereinnahmen, ist noch nicht geboren", sagt Houellebecq allgemein, und speziell zu Marine Le Pen: "Soll sie es doch versuchen." Und, auf Englisch: "Let's try!"

Michel Houellebecq empfing den Interviewer allem Anschein nach in seinen eigenen Räumlichkeiten. An der Wand lehnen gerahmte Karikaturen. Der Schriftsteller urteilt auch über die "Charlie Hebdo"-Titelseite, die am Tag des Attentats erschien und ihn selbst zeigt: "Die Karikatur ist nicht übel." Desweiteren sind im Bildhintergrund Vinyl-Schallplatten (von der dänischen Sängerin Agnes Obel und der englischen Band Jungle) zu erkennen, sowie Buchrücken, unter anderem von einem Berlin-Reiseführer.

Lesung in Köln geplant

Nach Deutschland will Houellebecq, der sich nach der Aufzeichnung des Interviews aus Paris zurückzog, tatsächlich reisen. Am Montag, dem 19. Januar, soll er den Roman "Unterwerfung" bei einer Lesung in Köln vorstellen.

Die Sicherheitsmaßnahmen im "Depot 1" des Kölner Schauspiels würden voraussichtlich strenger sein als zunächst geplant, sagte eine Sprecherin seines deutschen Verlages DuMont. Der Veranstalter Lit.Cologne klärt derzeit nach Aussage seiner Sprecherin die Sicherheitsanforderungen.

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feb/dpa

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
herzblutdemokrat 13.01.2015
1. ...
Ich werde mir das Buch kaufen. Die Geschichte interessiert mich einfach unglaublich und ich denke es wird mir zu denken geben.
altmannn 13.01.2015
2. Das Buch
kenne ich nicht. Aber wenn es dem inhaltlich dem nahe kommt, was in den Feuilletons dargestellt wurde, wird völlig unaufgeregt der weitere politische und gesellschaftliche Weg Frankreichs beschrieben, wie er stattfinden könnte. Ein Roman wie Orwells 1984. Sonst nichts.
bonngoldbaer 13.01.2015
3. Niedriger hängen
Das Buch ist nicht mehr als ein Gedankenspiel. Bei 9% Muslimen, von denen viele so unreligiös sein dürften wie die Mehrheit der Franzosen, ist es ausgeschlossen, dass der Kandidat einer muslimischen Partei bei der Präsidentschaftswahl Platz 2 belegt. Folgen des Buchs in der Realität wird es daher wohl kaum geben. Houellebecq versucht anscheinend, der französische Christian Ditfurth zu werden. Er schreibt allerdings viel besser als sein deutscher Kollege.
IronSky 13.01.2015
4.
na und, dann ist man halt ein feind des islam. was ist so schlimm daran? kann ja wohl jeder selbst entscheiden. das buch ist gekauft.
JaWeb 13.01.2015
5. Soumission?
Er will doch nur spielen. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass sein Land in einen "Führerinnenstaat" abgleitet, wahrscheinlicher ist als eine soumission.
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