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Michel Houellebecqs Vision: Wenn sich Frankreich dem Islam unterwirft

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Der dekadente Westen im Niedergang: In Michel Houellebecqs neuem Roman "Unterwerfung" wird Frankreich von einem islamischen Präsidenten und seiner Muslimbruderschaft beherrscht. Kreativer Tabubruch - oder einfach nur rassistisch?

Schriftsteller Michel Houellebecq: Eine Entwicklung verdichtet Zur Großansicht
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Schriftsteller Michel Houellebecq: Eine Entwicklung verdichtet

Wir schreiben das Frühjahr 2022: Frankreich befindet sich im Griff der regierenden "Islamischen Bruderschaft". Der Sozialist François Hollande ist nach seiner zweiten Amtszeit nicht mehr angetreten, rechte und linke Volksparteien haben sich mit der muslimischen Partei gegen den Vormarsch der Front-National-Chefin Marine Le Pen verbündet und den Präsidenten Mohamed Ben Abbès in den Elysée befördert. Jetzt stellt der charismatische Führer die säkulare Republik auf den Kopf, installiert islamische Bildung, Scharia und Vielweiberei.

So Michel Houellebecqs Entwurf einer nahen Zukunft. Ab Mittwoch liegt er mit einer Startauflage von 150.000 Exemplaren in Frankreichs Buchläden aus, am 17. Januar erscheint die deutschsprachige Übersetzung. Schon zuvor hat das Werk für Polemik gesorgt - Wirbel und Werbung zugleich für den sechsten Roman des Autors, der seit dem Erscheinen seines ersten Bestsellers ("Elementarteilchen") stets für publizistische Provokationen gut war.

Mit "Soumission" hat der bekennende Nihilist und "letzte Rockstar der französischen Literatur" erneut zugeschlagen. Der Titel seines Romans ist Programm: "Unterwerfung" heißt die Geschichte und bezieht sich damit auf eine Übersetzung des Wortes "Islam" - die völlige Hingabe der Gläubigen unter Allah und die Unterordnung der Nichtgläubigen unter den Gott der Muslime.

Deren Machtübernahme wird in Houellebecqs Vision aus der Perspektive eines seiner typischen Protagonisten erzählt: François, Mitte Vierzig, ist ein vorzeitig alternder Alkoholiker, ein Literaturwissenschaftler mit einer Vorliebe für Prostituierte. Nach dem Machtwechsel fliegt er von der Universität.

Karikatur eines schreibenden Agent Provokateur?

Am Ende - der Erzähler steht kurz vor dem Übertritt zum Islam - entdeckt er die Vorteile der Polygamie für seine Sexualität und stellt hinfort seinen verschleierten Kursteilnehmerinnen nach: "Die muslimischen Frauen waren hingebungsvoll, unterworfen - im Grunde genommen genügte das, um Vergnügen zu bescheren."

Kreativer Tabubruch eines vielfach ausgezeichneten Autors, rassistisch intonierte Karikatur eines schreibenden Agent Provokateur oder eine von Islamphobie getriebene Kampfansage?

Kritiker rügen, die Phantasmen über eine Herrschaft des Islam könnten als hässlicher Versuch der Ausgrenzung von Frankreichs Muslimen instrumentalisiert werden. Selbst Präsident François Hollande schaltete sich in die Debatte ein: "Was man oft als literarisches Wagnis beschreibt, ist nur eine Wiederholung: Es gibt immer, seit Jahrhunderten, diese Versuchung der Dekadenz, des Niederganges und eines zwanghaften Pessimismus, dieser Notwendigkeit an sich selbst zu zweifeln."

Der Autor ein Wiederholungstäter? Schon 2001 hatte er bei Erscheinen seines Romans "Plattform" im Literaturmagazin "Lire" für Polemik gesorgt: "Die dämlichste Religion ist auf jeden Fall der Islam. Wenn man den Koran liest, dann bricht man zusammen…" Und im "Figaro" hatte der Autor seine Einschätzung unterstrichen: "Die Lektüre des Koran ist ekelerregend. Sobald der Islam entsteht, macht er durch seinen Willen zur Unterwerfung der Welt auf sich aufmerksam. Seine Natur besteht darin zu unterwerfen. Es handelt sich um eine kriegerische, intolerante Religion, die die Menschen unglücklich macht."

"Beschleunigung der Geschichte"

Heute gesteht Houellebecq ein: "Der Koran ist besser, als ich dachte, jetzt, wo ich ihn gelesen habe." Im Interview mit der jüngsten Ausgabe der US-Literaturzeitschrift "Paris Review" verteidigt er sich gegen den Vorwurf, seine Vision sei eine Kriegserklärung. Stattdessen beschreibt der Autor sein Romanszenario als "Beschleunigung der Geschichte": "Nein, ich kann nicht sagen, dass es eine Provokation ist, da ich nicht Dinge sage, die ich für fundamental falsch halte, nur um zu nerven. Ich verdichte eine Entwicklung, die meiner Meinung nach im Bereich des Wahrscheinlichen liegt."

Angenommen, den Muslimen gelänge ein Zusammenschluss, so der Autor, "dann würde es gewiss mehrere Jahrzehnte dauern", bis sie in Frankreich die Regierungsmacht erreichen würden. "Ich versuche mich nur an die Stelle eines Muslims zu versetzen und bin mir klar geworden, dass sie sich in Wahrheit in einer völlig schizophrenen Lage befinden. Was kann ein Muslim machen, der wählen will? Er ist überhaupt nicht vertreten", sagt Houellebecq. Und folgert: "Es wäre falsch zu sagen, dass eine Religion keine politischen Konsequenzen hat. Ergo ist meiner Meinung nach eine Partei der Muslime eine Idee, die geboten ist."

Offen bleibt dabei dennoch, ob der Schriftsteller mit der Vivisektion einer tief demoralisierten Republik gesellschaftlich zündeln will oder sich im Bereich ironischer Kopfgeburten bewegt. "Ich bin kein Intellektueller", kokettiert der mehrfach ausgezeichnete Autor, "ich beziehe keine Stellung, ich verteidige kein Regime." Aber Houellebecq sagt auch: "Die Phobie vor dem Islam ist keine Art des Rassismus."

Immerhin räumt er ein, dass seine Politfabel ein Spiel mit Ängsten sei. Man wisse dabei nicht, wovor man Angst habe, vor den Rechtsextremen oder den Muslimen. Houellebecq bleibt die Antwort schuldig: "Das alles bleibt im Schatten."

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