Michel Houellebecqs "Unterwerfung" Gespenstische Aktualität

Michel Houellebecqs neuer Roman "Unterwerfung" ist nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" das Buch der Stunde. Ein Schreckensszenario von einer islamischen Herrschaft über Frankreich aber zeichnet es nicht.

AFP

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Es kommt selten vor, dass sich Regierungschefs zu Roman-Neuerscheinungen äußern: "Frankreich, das ist nicht Houellebecq", sagte der französische Ministerpräsident Manuel Valls kurz nach dem Attentat auf die Redaktion von "Charlie Hebdo".

Tatsächlich hat Michel Houellebecqs neuer Roman "Unterwerfung" eine gespenstische Aktualität erlangt: Er erschien in Frankreich am Tag des Terroranschlags, Houellebecq als Karikatur war zudem auf dem jüngsten Titel von "Charlie Hebdo" zu sehen. "Die Schüsse auf die Redaktion von 'Charlie Hebdo' galten auch Houellebecq", schreibt die "FAZ".

Die Nachfrage ist dementsprechend: Nicht nur in Frankreich, auch in Deutschland, wo das Buch erst am 16. Januar erscheint, steht der Titel derzeit auf Platz eins des Amazon-Verkaufsrankings. "Unterwerfung" ist das Buch der Stunde.

Es scheint in einer Reihe mit den blasphemischen Mohammed-Karikaturen von "Charlie Hebdo" zu stehen. Noch kurz vor dem Attentat wurde es im französischen Fernsehen als "islamophob" kritisiert. Auch hat sich Houllebecq in der Vergangenheit vielfach verächtlich über den Islam geäußert und in seinem Roman "Plattform" bereits vor dem 11. September 2001 einen verheerenden islamistischen Terroranschlag geschildert. Und doch ist "Unterwerfung" kein Buch, das, wie es in den "Tagesthemen" am Mittwoch hieß, ein "Schreckensszenario" von einer islamischen Herrschaft über Frankreich entwirft. Sondern ein Houellebecq-typisches Spiel mit Denkmustern und literarischen Verweisen.

Marine Le Pen in der Stichwahl

Die "Agonie der Sozialdemokratie" und die der von ihr geprägten westeuropäischen Gesellschaften ist in "Unterwerfung", wie schon in Houellebecqs früheren Romanen "Ausweitung der Kampfzone" und "Elementarteilchen", zentrales Thema.

Im Mittelpunkt steht der Ich-Erzähler mit dem vielsagenden Namen François, Literaturwissenschaftler an der Pariser Sorbonne. Wie es sich für eine männliche Houellebecq-Figur gehört, hat er ein Alkoholproblem und zudem häufig wechselnde Beziehungen zu Frauen, die - wie es sich für weibliche Houellebecq-Figuren gehört - meist im Minirock auftreten, mitunter auch in Strapsen und natürlich auch mal ohne Höschen.

Während der Misanthrop François in den ersten drei Teilen von "Unterwerfung" aus seinem Leben berichtet, spitzt sich im Hintergrund die politische Lage zu. In den Vorstädten gibt es Unruhen, in Paris sind Schüsse zu hören. Nach zwei Amtszeiten von François Hollande ist der Sozialist Manuel Valls bereits in der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen des Jahres 2022 ausgeschieden. Eine wenig schmeichelhafte Darstellung, die dem derzeitigen Premier, der sich gern als Erfolgstyp und Macher darstellt, wenig gefallen dürfte - und mit seiner Kritik an Houellebecq durchaus in Verbindung stehen könnte.

In der entscheidenden zweiten Runde kommt es zur Stichwahl zwischen der rechtsextremen Marine Le Pen und Mohammed Ben Abbes von der Bruderschaft der Muslime. Weil ihn die bürgerlichen Parteien und die Sozialisten unterstützen, wird er schließlich Präsident.

Höfliche Salafisten

Houellebecq beschreibt Mohammed Ben Abbes als Vertreter einer Partei, die "Wert darauf legte, moderate Positionen zu vertreten", als "wohlgenährt und heiter, den Journalisten gegenüber um keine Antwort verlegen". Kurz: "Er wirkte wie einer dieser guten, alten tunesischen Händler um die Ecke."

Der so geschilderten Bonhomie des neuen, islamischen Präsidenten entspricht sein vergleichsweise zurückhaltendes politisches Programm. Noch nicht einmal der Escortservice wird verboten. Houellebecqs Erzähler weiß das zu schätzen: Er lässt sich - "angesichts der politischen Gesamtsituation reizte es mich sehr" - eine Muslima kommen.

Jenseits dieser Frau, sie ist Tunesierin, treten muslimische Migranten in "Unterwerfung" kaum in Erscheinung. Houllebecq zeichnet eben keine Hassprediger-Karikaturen, bietet nur wenige, ausgesucht höfliche Salafisten - die entscheidende muslimische Figur des Romans ist konvertiert. Und zudem aus Belgien. Ein kleiner Scherz, der in Frankreich, wo Belgier etwa den Rang genießen, den die Österreicher in Deutschland haben, gut ankommen dürfte. Der deutlich größere Witz aber ist, dass dieser muslimische Belgier, der François schließlich nahelegt, zum Islam zu konvertieren, ein ehemaliger Vordenker einer speziell französischen Strömung der extremen Rechten ist: der sogenannten Identitären.

Die Auseinandersetzung mit ihnen ist für das Buch ebenso wichtig wie François' Beschäftingung mit Joris-Karl Huysmans (1848-1907). Der Schriftsteller, im französischen Sprachraum deutlich bekannter als hierzulande, galt als Hauptvertreter der Dekadenzliteratur, als katholisch-heterosexuelle Variante von Oscar Wilde - und ging dann ins Kloster.

In einer Art Überschreibung von Huysmans' Lebensgeschichte zieht sich auch François von der Welt zurück, nähert sich schließlich aber nicht dem Katholizismus, sondern dem Islam. Dem kann er schnell einen Vorzug abgewinnen, der sich mit seinen alten Vorlieben vereinbaren lässt: die Vielweiberei.

Der Untergang des Abendlandes ist bei Houllebecq eben gar nicht so schlimm. Und Rechte wie Linke, Atheisten und Muslime sind gleichermaßen verkommen.

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