Wiederentdeckung "Midnight Cowboy" Ach, riefe doch einer "Es wird alles gut!"

Er war ein Star der US-Literatur in den Sechzigern. Doch eine Verfilmung von "Midnight Cowboy" wurde zum Fluch für James Leo Herlihy. Nun erscheint der Roman in einer griffigen Neuübersetzung.

Jon Voight und Dustin Hoffman in "Asphalt Cowboy"
ddp images/ Hans Werner Asmus

Jon Voight und Dustin Hoffman in "Asphalt Cowboy"


Mitte der Sechzigerjahre war er einer der begabtesten jungen Schriftsteller Amerikas. Als 1965 sein zweiter Roman "Midnight Cowboy" erschien, wurde er damit praktisch über Nacht zum Star: James Leo Herlihy, Jahrgang 1927, der sich die Fesseln des Detroiter Arbeitermilieus, in dem er aufwuchs und an dem er litt, mit Schreiben wegsprengen wollte.

Schon mit seinem 1960 veröffentlichten Romandebüt "All Fall Down" hatte Herlihy ein erstes Ausrufezeichen gesetzt. Und als fünf Jahre später seine Geschichte herauskam über den aus Albuquerque stammenden naiven Narziss Joe Buck, der mit Hut, Lederjacke und Cowboystiefeln ins dunkle Herz New Yorks aufbricht, um zwischen Times Square, Broadway und Freiheitsstatue sein Glück als Stricher zu machen, schien sein Vorhaben geglückt: Das Buch machte Herlihy über Nacht berühmt - und der junge Autor galt plötzlich neben Größen wie Carson McCullers oder J. D. Salinger als literarisches Versprechen.

Herlihy, schwul und seit Collegezeiten eng mit Tennessee Williams befreundet, stand auf einmal unter Beobachtung, und die Frage lautete: Was wird er als nächstes schreiben? Kann er sein in "Midnight Cowboy" mehr als nur angedeutetes Potential voll ausschöpfen?

Die Frage ist schnell beantwortet: Nein. Herlihy strauchelte, verlor seine Stimme. Denn als vier Jahre später John Schlesingers mitreißende Verfilmung seiner negativen Tellerwäscherlegende in die Kinos kam (in Deutschland unter dem Titel "Asphalt Cowboy"), und Newcomer wie Dustin Hoffman und Jon Voight zu Protagonisten des neuen Hollywoodkinos jener Jahre avancierten, deckten die Filmbilder seine Romanvorlage schlagartig umfassend zu.

Sein Name verblasste, Herlihys langer trauriger Flug in den Untergang begann. Schlesinger heimste 1970 drei Oscars für seinen Film ein, Dustin Hoffman, der in der Rolle des verschlagenen Kleinbetrügers Enrico "Ratso" Rizzo brillierte, setzte zur Weltkarriere an. Da kämpfte Herlihy, inzwischen 43, längst mit Depressionen und Alkohol, zerrissen von Selbstzweifeln und Selbstmordfantasien.

James Leo Herlihy
Getty Images

James Leo Herlihy

"Mein Menschsein voll auszuschöpfen war mir immer wichtiger, als Schriftsteller zu sein", äußerte er später trotzig. Tatsächlich aber hatte er nichts wirklich Bedeutsames mehr zu Papier gebracht, und seine einstigen schriftstellerischen Ambitionen inzwischen endgültig im verbissenen Kampf für die Rechte der Schwulen und Lesben begraben.

Herlihy starb 1993 66-jährig an einer Überdosis Schlaftabletten. Er tat es im Ruch des sogenannten "One-Shot-Author", der, ähnlich wie Joseph Heller, Schöpfer des Romans "Catch 22", oder der Verfasser des wahrscheinlich besten Boxerromans "Fat City", Leonard Gardner, bis auf die traurige Legende vom gutaussehenden Dummkopf Joe Buck nichts wirklich literarisch Bleibendes schuf. Die Selbstrettung, die Herlihy sich lange vom Schreiben erhofft hatte, war ihm nicht geglückt.

Armeen von Einzelgängern

Jetzt ist sein Roman in einer zeitgemäßen Neuübertragung des Berliner Essayisten und Übersetzers Daniel Schreiber wieder erschienen, nachdem das Buch 1968 unter dem eher uninspirierten Titel "Rodeo der Nacht" beim List Verlag publiziert worden war. Und es zeigt sich, über welch exquisites schreiberisches Talent James Leo Herlihy verfügte, sodass man sich fragt: Was hätte dieser in die Obsessionen und Selbstrettungsfantasien der kleinen Verlierer Amerikas Vernarrte wohl noch zu Papier gebracht, wäre ihm der Fluch der Verfilmung seines Romans mit all ihren für ihn negativen Folgen erspart geblieben?

Denn wie nur wenige in seiner Erzählergeneration hatte Herlihy einen genauen, mitfühlenden und dabei kitschfreien Blick auf jene in den Schluchten der Großstädte Abgestürzten, die der Amerikanische Traum allnächtlich in Form schmerzhafter Nachtmahrfantasien heimsucht.

In der Figur des abgewrackten, hinkenden Schlitzohrs Ratso Rizzo, das den urbanen Don Quichotte Joe Buck getreu auf seinen großstädtischen Windmühlenkämpfen begleitet, hat er dem Typus des amerikanischen Kleinverlierers literarischen Ausdruck verliehen. Sein Protagonist Joe Buck erlebt am Beispiel seiner Großmutter Sally, die sich wahllos immer neuen Männern hingibt, die Austauschbarkeit menschlicher Gefühle. Dass Herlihy mit dieser Figur auch ein veritabler Familien- und Entwicklungsroman geglückt ist, fand in seiner früheren Rezeption wenig Beachtung.

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James Leo Herlihy:
Midnight Cowboy

Aus dem Amerikanischen und mit einem Nachwort von Daniel Schreiber

Blumenbar-Verlag, Berlin 2018; 316 Seiten; 20 Euro

So versetzt uns Herlihys Roman noch einmal zurück in jenes neurotische New York der Sechzigerjahre, in dem Armeen von Einzelgängern, umgetrieben von kruden Heils- und Selbsterlösungsphantasien, über den Times Square irren auf der Suche nach einer mitfühlenden Seele, die ihnen zuruft: "Es wird alles gut!" Joe Buck ist auf seine Weise einer von ihnen.

Warum uns seine Geschichte heute noch etwas angeht? Weil das, was sie verhandelt, uns unverändert umtreibt, nämlich Lebenshunger, Angst, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Rebellion und Desillusionierung. Die Figur des Joe Buck hat nichts von ihrer Faszination eingebüßt, weil sie unverändert das ist, was Bob Dylan in einem seiner Songs einmal "Jedermanns Sohn und Bruder" nannte.

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