Milieu-Roman "Arabboy" Berliner Elendsgesichter

Gewaltvideos, sexuelle Übergriffe, Drogen: In ihrem Roman "Arabboy" verarbeitet die ehemalige Sozialarbeiterin Güner Balci ihre Erfahrungen mit Jugendlichen in Berliner Problembezirken. Ihr kindlicher Kiezkönig Rashid A. ist ein moderner Franz Biberkopf.

Von Anjana Shrivastava


Über dem Himmel von Berlin streckt sich alle paar Jahrzehnte eine literarische Figur, die so etwas wie den Sündenfall an sich symbolisiert, die dem Sündenfall quasi ein Berliner Gesicht verleiht. 1929 kam der Mitläufer Franz Biberkopf auf dem Alexanderplatz zur Welt. Und 1979 tauchte Christiane F. wie Botticellis Venus unter den heroinsüchtigen Kindern vom Bahnhof Zoo auf. Während Alfred Döblin in "Berlin Alexanderplatz", das kleinkriminelle Verderben schilderte, beschrieb Christiane F. mit Hilfe der "Stern"-Journalisten Kai Hermann und Horst Rieck in "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" ihre Junkie-Apokalypse. Beide Bücher wurden Welterfolge.

Cover von "Arabboy": Kiez-"Megachecker" - verlorener Triebmensch

Cover von "Arabboy": Kiez-"Megachecker" - verlorener Triebmensch

Nun folgt der Roman "Arabboy". Das Elendsgesicht des zeitgenössischen Berlin ist zwar kaum noch so prägnant wie das, das seine berühmten Vorgänger gezeichnet haben, doch was die Berliner Journalistin und frühere Sozialarbeiterin Güner Balci in ihrem 286-seitigen Roman beschreibt, steht dennoch direkt in der Berliner Tradition von Biberkopf und Christiane F.

"Arabboy" ist die Chatroom-Bezeichnung der ebenso fiktiven wie realitätsnahen Figur Rashid A.: Ein heranwachsender Kiez-"Mega-Checker," Pornofilmchenvertreiber, Zuhälter in spe. Auch er lebt – wie seine literarischen Vorgänger - als verlorener Triebmensch mitten in der Berliner Freiheit, mit der er eigentlich nichts anzufangen weiß.

Als Kleinpatriarch wächst Rashid im Problembezirk Neukölln zu dem heran, was man heute "Intensivtäter" nennt. Als sei er soeben aus der Bibel entsprungen, richtet er über Freund und Feind, brutal etabliert er sein Faustrecht und macht kurzen Prozess mit allen, die ihm in die Quere kommen. In seiner Kindheit ist er zunächst nur Zaungast, später dann Mitläufer und Mittäter im Rotlicht- und Drogenmilieu.

"Ey, du Judensau"

Schon als Schüler dreht er sein erstes Gewaltvideo. Die unfreiwillige Hauptrolle spielt Jakub, ein syrisch-christlicher Mitschüler, den Rashid als selbsternannter Richter per SMS zu einer Art öffentlichem Gerichtstermin auf den Supermarktparkplatz bestellt. "Ey, du Judensau, senk deinen Blick, wenn du vor mir stehst!", begrüßt Rashid sein Opfer - als wäre er Pontius Pilatus. Der Junge sackt vor Angst innerlich zusammen, noch bevor er ins Kreuz getreten wird und tatsächlich zu Boden geht. Rashid, der Aggro Rap hört und gerne harte amerikanische Ghetto-Dramen wie "Menace II Society" schaut, hält mit der Kamera eifrig auf die demütigende Szene drauf, bis er seine Aufnahme gnädig und großtuerisch abbricht.

Über den weiteren Verlauf seines eigenen Schicksals entscheidet er allerdings weniger souverän. Als er sich endgültig als Kiezkönig im Rollbergviertel im Zentrum Neuköllns wähnt, erzwingt er in einem Keller, weit weg von allen öffentlichen Blicken, seine erste sexuelle Erfahrung: Er missbraucht den kleinen Bruder seines eben niedergestreckten Feindes.

Das alles ist schwer zu ertragen – und umso notwendiger, es schonungslos und detailgenau zu erzählen. Es ist deshalb bedauerlich, dass die Autorin Balci sich für eine Kolportage, nicht für eine Reportage entschieden hat. Ihre Figur Rashid A. setzt sich aus dem Leben von mehreren Menschen zusammen, deren Schicksal Balci als Sozialarbeiterin erlebte.

Die Mischung von Wahrheit und Fiktion wurde bisher eher für historische Romane verwendet. Um die Probleme von Neukölln in ihrer ganzen Brisanz zu erfassen, ist das Kolportage-Genre allerdings nur bedingt geeignet. Denn die Einführung eines Stellvertreterverbrechers wie Rashid lässt die ganze Romankonstruktion zu einer Art literarischem "Profiling" verkommen. Während die Reportage den Berichterstatter durch die Nähe zur faktischen Wahrheit zur Nuance zwingt, hat Balci einen Schauerroman geschrieben - mit aufklärerischem Impetus und einer unablässig, bis zum absoluten Tiefpunkt fortschreitenden Handlung.

Wegschauen ist keine Lösung

Rashid ist bald ständig high vom Betäubungsmittel Tilidin. Was sein brutales Leben aber tatsächlich so leicht macht, ist weniger die Droge als die ihn umgebende Welt, der es offenbar schwerfällt, über Typen wie ihn ein klares Urteil zu fällen. Deutschland erscheint als Gesellschaft, die im Betäubungsrausch der eigenen Toleranz vor sich hin dämmert.

Als ältere Schüler entführen Rashid und seine Freunde das Mädchen Devrim, das Rashid seit seinen Kindergartentagen kennt. Von ihrer Peinigung im Auto dreht Rashid ebenfalls ein Video mit seinem Handy. Nach einer Routinekontrolle landet das Handy auf dem Tisch des Schuldirektors, wo das einschlägige Video, das inzwischen im Internet kursiert, entdeckt wird. Devrim jedoch wagt keine Anzeige oder Aussage bei der Polizei. Sie bekommt schulfrei, Rashid wird von der Schule verwiesen - und beginnt nun erst recht seine kriminelle Karriere.

"Sie hatte sich zurückgezogen in ihren Körper, was außerhalb dessen passierte, erreichte sie kaum noch" beschreibt Balci, die als Sozialarbeiterin unter anderem in einem Neuköllner Mädchenprojekt tätig war, den Zustand des malträtierten Mädchens. Balcis Wut gilt einer deutschen Gesellschaft, die gar nicht so genau wissen will, was in einigen Milieus passiert.

Arabische Herrschaftsideologie - prügelnde Väter

Balci ist wie viele ihrer Figuren im Rollbergviertel aufgewachsen, als Sozialarbeiterin stellte sie für viele Jugendliche die einzige Brücke zur Außenwelt dar. Vier Jahre arbeitete sie ehrenamtlich im Jugendtreff der "Waschküche", so lange, bis ein Junge ihre Kollegin erwürgen wollte. Balci ging dazwischen, dann hörte sie auf, dort zu arbeiten - das war ein Jahr, bevor die "Waschküche" sowieso geschlossen wurde.

Als ausgebildete Erzieherin teilte sie einst die hehren Ideale der Sozialarbeiter, doch die haben sich längst gehörig abgeschliffen. Dennoch weiß sie unendlich viel über den Ehrenkodex und das totalitäre Familienleben eines Jungen wie Rashid. Gerade deswegen vermisst man schmerzlich, dass sie kaum Erklärungen über das liefert, was wirklich ausschlaggebend gewesen sein könnte für den erbärmlichen Niedergang von Raschid A.: der Bürgerkrieg im Libanon, der schon seine Eltern prägte, die arabische Herrschaftsideologie in Form des ewig prügelnden Vaters, die notorische Bildungsarmut oder die zur Unverletzlichkeitswahn führende Droge Tilidin.

Balcis erzählerischer Gestus wirkt somit wie zur Buchform erstarrtes Mitleid. Sie erzählt wie über einen ihr nahestehenden, aber missratenen Cousin, Trauer und Wut vermischen sich gegenseitig. Als Nachwort zu Balcis ratlos machender Geschichte könnte dennoch - oder gerade deswegen - Döblins endreimender Schluss aus "Berlin-Alexanderplatz" dienen: "Wir wissen, was wir wissen, wir habens teuer bezahlen müssen. Es geht in die Freiheit, die Freiheit hinein, die alte Welt muß stürzen…. dem einen geht's grade, dem anderen gehts krumm, der eine bleibt stehen, der andere fällt um, der eine rennt weiter, der andere liegt stumm, widebum, widebum."


Güner Balci: Arabboy. S. Fischer Verlag; 286 Seiten; 14,90 Euro



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