"Millennium People" Satire auf den Selbsthass

Das Werk von J. G. Ballard ist nicht gerade für seinen Humor bekannt. Der nun auf Deutsch erschienene Roman könnte das ändern. Er wirft einen amüsiert-erstaunten Blick auf die westliche Zivilisation.

Der Autor JG Ballard
DPA/ HarperCollins

Der Autor JG Ballard


Hätte der 2007 gestorbene Medienphilosoph Jean Baudrillard Romane geschrieben, sie wären gewesen wie die von J.G. Ballard. Oder, andersherum: Ballards Romane wie "Crash" oder "High-Rise" lassen sich auch als Fiktionalisierungen von Baudrillards zentralen Thesen über unser Zeitalter der Simulation lesen, in der die Zeichen referenzlos geworden sind und auf eine Hyperrealität verweisen, die an die Stelle der Wirklichkeit getreten ist.

Was nicht heißen soll, dass Ballard keine eigenen Ideen hatte - im Gegenteil. Das von seinem Namen abgeleitete Adjektiv "ballardian" hat es sogar in den "Collins English Dictionary" geschafft und beschreibt so viel wie die Beschäftigung mit den dystopischen Tendenzen des modernen Lebens und den psychologischen Effekten technologischen und sozialen Fortschritts.

In deutschen Kompendien sucht man bislang vergebens nach der Entsprechung "ballardesk". Anders als in Großbritannien, wo Ballard seit Jahrzehnten undüber seinen Tod 2009 hinaus Musiker von Joy Division bis John Foxx, Schriftsteller wie Martin Amis oder Zadie Smith und Kulturwissenschaftler wie Mark Fisher beeindruckt und beeinflusst, wurde er hierzulande weitgehend ignoriert. Der Züricher/Berliner Verlag Diaphanes versucht aktuell, das zu ändern. Nachdem dort bereits "High-Rise" und "Betoninsel" wieder zugänglich gemacht wurden, liegt jetzt mit "Millennium People" eine deutsche Erstveröffentlichung aus Ballards Spätwerk vor.

Nah-Zukunfs-Thriller im Gewand einer Detektivgeschichte

Der Roman aus dem Jahr 2003 gehört zu einer losen Trilogie von formal ähnlichen Werken, die den Konventionen von Detektivgeschichten folgen, aber eigentlich Nah-Zukunfts-Thriller sind, die einen amüsiert-erstaunten Blick (Ballard war kein Warner oder Weltverbesserer) auf die Irrungen und Wirrungen der westlichen Zivilisation werfen - die er mit anarchischem Vergnügen an den Rand des Untergangs schreibt.

In "Millennium People" macht Ballard den Psychologen David Markham, der seine Ex-Frau bei einem Anschlag auf den Flughafen Heathrow verloren hat, zu seinem Detektiv. Wie jeder gute Ermittler ist auch Markham ein Sinnsucher, in der Hoffnung, die kontingente Realität in Konsistenz zu überführen. Seine Queste führt ihn zu dem desillusionierten Kinderarzt Richard Gould, der in der gehobenen West-Londoner Mittelklasse-Siedlung Chelsea Marina einen Aufruhr anzettelt.

Während die potenziellen Revolutionäre - Banker, Anwälte und Medienvertreter - sich zunehmend radikalisieren, erschüttert eine Anschlagserie London. Die Ziele: vor allem Einrichtungen des Bildungsbürgertums, darunter eine Kinemathek und die Tate Modern. Markham wird unter dem Einfluss Goulds vom Beobachter zum Teil der Widerstandsbewegung, bis er am Ende eigentlich gegen sich selbst ermittelt.

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J.G. Ballard:
Millennium People

Aus dem Englischen von Jan Bender

Diaphanes; 352 Seiten; 20 Euro

Ballard hat den Roman unter dem Eindruck des Attentats auf das World Trade Center fertiggestellt, und man kann ihn als hellsichtige Vision von unserer Gegenwart lesen, in der Attentate fast schon zum Alltag gehören. "Chelsea Marina war die Blaupause für die sozialen Proteste der Zukunft, für sinnlose bewaffnete Aufstände und im Scheitern begriffene Revolutionen", reflektiert Markham am Ende von "Millennium People". Ob er das als Segen oder Fluch empfindet, weiß er selbst nicht mehr so genau, alle seine Gewissheiten sind erschüttert.

Im Zentrum des Romans steht ein Paradoxon, die Aufhebung von Ursache und Wirkung und die daraus abgeleitete Erkenntnis, dass "die sinnlose Tat die einzige ist, die irgendeine Bedeutung hat". Für Gould und immer mehr auch für Markham ist der moderne Mittelklasse-Mensch in einer Unzahl von unauflösbaren Widersprüchen verwickelt: "Wir tolerieren alles, aber wir wissen, dass die liberalen Werte dazu bestimmt sind, uns passiv zu machen. Wir glauben an Gleichheit, aber hassen die Unterschicht. Wir sind ein Zufall der Natur, aber wir denken, wir seien das Zentrum des Universums."

Satire auf den Selbsthass und die Abstiegsängste der Mittelschicht

Trotz aller ausschweifenden Theorie, die manchmal dem Lesefluss entgegensteht, und trotz des sich gelegentlich einschleichenden Gefühls, eine Art "Best of Ballard" zu lesen: "Millennium People" fügt dem Werk des Autors, der einmal gesagt hat, Schriftsteller sollten wie Wissenschaftler sein, die einen Kadaver sezieren, eine bis dahin fast unbekannte Dimension hinzu: Humor.

Der Roman - für Ballard-Neulinge ein idealer Einstieg - ist eine böse und streckenweise rasend komische Satire auf den Selbsthass und die Abstiegsängste der Mittelschicht, auf eine seelenlose Konsumgesellschaft, in der sich alle Träume erfüllt haben, aber niemand dadurch Erfüllung erfährt. Eine Welt, in der Frauen und Männer in Hermès und Prada gekleidet, Molotowcocktails aus Burgunderflaschen bauen, ihre feinen Vorhänge zu Protesttransparenten umfunktionieren, ihre eigenen Häuser und Autos zerstören und sich als neues Proletariat gerieren.

Sinnlose Akte planloser Gewalt und treffende Bilder für eine Welt, in der sich Zeichen und Bezeichnetes unwiderruflich voneinander entfernt haben. Sehr, sehr ballardesk.

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ambulans 27.07.2018
1. für
die, die an sowas ("crash" ist und bleibt unübertroffen) interesse haben, einen tipp: christopher brookmyre (of glasgow), "wer andern eine bombe baut" (dt. köln 2018; engl. 2001) ...
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