"Minecraft"-Roman führt SPIEGEL-Bestsellerliste an Da staunt man Klötzchen

Pause für Schirach, Moyes, Lunde: Auf Platz eins der aktuellen Bestsellerliste steht "Die Schmahamas-Verschwörung" von Paluten. Wer das ist? Fragen Sie Ihre Kinder - oder lesen Sie hier weiter.

Irina Zinner/ Bastei Lübbe

Paluten bekommt eine Einladung auf die Schmahamas, und General Dieter rät dazu, sie anzunehmen. Weshalb er Banani und Bananu einpackt und an Bord des Schiffes von Kapitän Schmierhose geht, das vor Dorfd vor Anker liegt. Auf der Fahrt trifft er dann auf Haie mit abgerundeten Zähnen, die sogenannten sympathischen Haie, um dann auf Schmahamas die Schmalamas zu retten.

Was wirr klingt, bleibt es auch.

Bringen wir es gleich hinter uns: "Die Schmahamas-Verschwörung" ist kein gutes Buch, wirklich nicht. Es liest sich wie ein bemüht lustiger Deutschaufsatz, der glaubt, dass alberne Namen schon für ausreichend Lacher sorgen. Holprige Sätze, keine Spur von Sprachwitz oder griffigen Formulierungen, über platte Beschreibungen kommt das Buch selten heraus.

Das macht ihm aber nichts aus, schließlich sind Menschen, die gern Bücher lesen, nicht unbedingt die angepeilte Leserschaft. Zumindest nicht die Menschen, die mit dem Namen Paluten oder mit "Minecraft" wenig anfangen können. Auf dem Spiel basiert die Geschichte nämlich. Eigentlich also wäre das Buch ein Fall für die unzähligen Fan-Fiction-Seiten im Netz, bestenfalls noch für den Eigenvertrieb gedacht.

Und doch steht "Die Schmahamas-Verschwörung" an der Spitze der SPIEGEL-Bestsellerliste, in der prestigeträchtigen Kategorie Belletristik-Hardcover zudem. Verlegt wird das Buch von Community Editions, was wiederum zu Bastei Lübbe gehört und sich als Verlag für Social Media Influencer bezeichnet. Paluten ist so ein Influencer, also jemand, von dem Werbetreibende glauben, dass er viele Menschen in ihrem Sinn beeinflussen kann.

Phänomen "Minecraft"

Paluten ist nämlich nicht nur der kistenköpfige Protagonist in "Die Schmahamas-Verschwörung", sondern auch Co-Autor des Buches und im echten Leben ein YouTube-Star. Paluten heißt eigentlich Patrick Meyer und betreibt einen der erfolgreichsten deutschen YouTube-Kanäle für Gamer mit rund 2,5 Millionen Abonnenten.

Seine Spezialität sind sogenannte Let's Plays. Das sind Videos, in denen jemand ein Videospiel spielt und die Ereignisse im Spiel mehr oder weniger geistreich kommentiert. Eine Form der Games-Berichterstattung, die bei Menschen über 25 meist ein Kopfschütteln auslöst, die aber für viele Jugendliche Fernsehen, Spielezeitschriften und auch das Spielen selbst ersetzt hat.

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"Die Schmahamas-Verschwörung": Ein Buch zum Signieren

Der große Vorteil der Let's-Play-Videos: Man muss das Spiel nicht selbst spielen und kann doch mitreden. Das ist etwas, was gerade auf dem Schulhof für große Informationsvorsprünge sorgt. Zudem - so beschreiben es viele Jugendliche - fühlt es sich für sie so an, als ob ein großer Bruder sie an die Hand nimmt, ihnen die neuesten Spiele zeigt, erklärt, was cool ist - und warum. Paluten ist einer dieser großen Brüder. Er kümmert sich in seinen Videos um "GTA V", um "Fortnite" oder - am erfolgreichsten - um "Minecraft".

"Minecraft" ist ein weiteres Phänomen, ohne das "Die Schmahamas-Verschwörung" kein Erfolg geworden wäre. Ein Spiel, das auf den ersten Blick wenig hergibt und sich doch mehr als 144 Millionen Mal verkauft hat. Die Grafik wirkt, als sei sie aus den Neunzigerjahren importiert worden, Handlung gibt es nicht bis kaum.

Dafür aber ist "Minecraft" ein Baukasten, mit dem alles möglich ist. Vor allem das Bauen von Welten. Weshalb "Minecraft" inzwischen in Schulen am Unterricht eingesetzt wird und es auch rund neun Jahre seit seinem ersten Auftreten immer noch extrem erfolgreich ist. Eltern von Kindern, die sich am Ende ihrer Grundschule befinden, wissen, dass man dem Spiel eigentlich nicht entgehen kann.

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Paluten, Klaas Kern:
Die Schmahamas-Verschwörung

Ein Roman aus der Welt von Minecraft Freedom

Community Editions; 160 Seiten; 12,00 Euro

In "Minecraft" baut sich Paluten eine eigene Welt namens "Minecraft Freedom" und denkt sich amüsante bis quatschige Geschichten aus, täglich neue. Das funktioniert, weil die Episoden kurz sind und selbst der gröbste Unfug irgendwie durchgehen kann.

Ein weiterer Teil einer Merchandising-Kette

Im Buch funktioniert das nicht. Da werden kleine Episoden aneinandergesetzt, die vielleicht als Insiderwitz im Schulhofgespräch amüsant sind. Eine längere Erzählung aber tragen sie nicht. Zu platt ist die Geschichte, zu holzschnittartig sind Figuren und Umgebung beschrieben. Spannung - es geht immerhin um eine Verschwörung - entsteht hier nie.

Vielleicht aber darf man das Buch gar nicht unter diesen Aspekten betrachten. Es ist im Grunde ein Service für die Fans von Paluten, etwas, was man sich bei einer Autogrammstunde signieren lassen kann - ein weiterer Teil einer Merchandise-Kette, der sich einreiht zwischen T-Shirt, Tasse und Turnbeutel, macht sich prima im Schulranzen.

Dass "Die Schmahamas-Verschwörung" die Bestsellerliste anführt, hat deshalb vor allem etwas mit einer treuen Fanbasis zu tun. Und auch wenn das die meisten Erwachsenen nicht verstehen werden: Seine Berechtigung hat das Werk trotzdem, weil es - wie vieles, was Ältere nicht verstehen - identitätsstiftend ist. Wer darin ein weiteres Zeichen für den Niedergang des Abendlandes sieht, kann sich wenigstens mit einer Sache trösten: Jugendliche nehmen endlich wieder ein Buch in die Hand.

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