Roman-Autorin Mirna Funk "Übergriffe habe ich selbst erlebt"

Die Berliner Jüdin Mirna Funk hat mit "Winternähe" ihren Debüt-Roman vorgelegt. Was hat die 34-Jährige mit ihrer Protagonistin gemein? Und warum zog die Autorin nach Tel Aviv?

Ein Interview von

Naama Alex Levy

Zur Person
Mirna Funk ist Journalistin und Autorin. Sie wurde 1981 in Ostberlin geboren und lebt derzeit meistens in Tel Aviv. Ihr erster Roman heißt "Winternähe".
SPIEGEL ONLINE: Frau Funk, in Ihrem Roman "Winternähe" zieht die junge deutsche Jüdin Lola nach Tel Aviv, auch weil sie den Antisemitismus im gegenwärtigen Berlin nicht mehr erträgt. Erzählen Sie Ihre persönliche Geschichte?

Funk: Der größte Teil der Handlung ist fiktiv, aber all die antisemitischen Sprüche und Übergriffe, unter denen Lola leidet, habe ich tatsächlich selbst erlebt. Das war mir beim Schreiben wichtig. Damit nicht am Ende jemand sagt: Das ist alles erfunden, das gibt's in Wirklichkeit nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihnen passiert?

Funk: Zwei Beispiele, die auch im Roman stehen: Auf einer öffentlichen Veranstaltung haben zwei Bekannte, die von meinen jüdischen Wurzeln wussten, einen Hitlerbart auf ein großes Foto meines Gesichts gemalt. Und in einer Umzugs-Konferenz in einem Büro saß ich einmal dabei, als jemand ganz offen gesagt hat: Der jüdische Vermieter zeige eine "typisch jüdische" Eigenschaft - Gier.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind im vergangenen Jahr aus Berlin nach Tel Aviv übergesiedelt. Was hat den Ausschlag gegeben?

Funk: Ich bin am 15. Juli 2014, vor ziemlich genau einem Jahr, in den Flieger nach Tel Aviv gestiegen, um den Israel-Teil meines Romans zu schreiben. Zur "Aliyah", der Emigration nach Israel, habe ich mich erst vor Ort entschieden. Es war die Zeit des Gaza-Krieges - und ich war wirklich erschrocken über die deutschen und europäischen Reaktionen. Der latente Antisemitismus ist offen zutage getreten: in den professionellen Medien, aber vor allem auf Twitter und in meinem Facebook-Feed. Also durchaus bei Menschen, die ich persönlich kenne.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie dort gelesen?

Funk: Problematisch fand ich vor allem die Begrifflichkeiten. Die Menschen behaupteten, Gaza sei ein "Getto", dort finde ein "Genozid" statt, die Israelis würden mit den Palästinensern dasselbe machen "wie die Nazis mit den Juden". Es war offensichtlich, dass es um mehr ging als um eine normale Kritik an einer politischen Situation.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft sind Sie heute noch in Berlin?

Funk: Im vergangenen Jahr war ich nur alle sechs Wochen hier, aus beruflichen Gründen: Ich schreibe auf Deutsch, mein Hebräisch ist noch ganz schlecht. In den kommenden Monaten werde ich vorübergehend sogar komplett in Berlin bleiben, zusammen mit meinem israelischen Verlobten: Ich habe viele Termine wegen des Romans - und ich bin schwanger. Es wäre zu anstrengend, die ganze Zeit hin und her zu fliegen. Anfang des Jahres gehen wir aber mit dem Baby zurück nach Tel Aviv.

SPIEGEL ONLINE: Andere junge Israelis gehen den umgekehrten Weg und ziehen nach Berlin: Rund 20.000 sollen es inzwischen sein.

Funk: Man sollte vorsichtig sein, daraus Schlüsse zu ziehen: Berlin ist eine Metropole, die junge Menschen aus der ganzen Welt anzieht, und zu diesen jungen Menschen gehören eben auch Israelis. Wohnen ist in Berlin noch immer wahnsinnig preiswert, viel preiswerter als in Tel Aviv.

LITERATUR SPIEGEL auf Facebook

Anzeige

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.