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Zum Tode Ray Bradburys: Ganz von dieser Welt

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Er war der Moralist und Poet unter den Science-Fiction-Autoren: Ray Bradbury verstand es, in höchst unterhaltsamer Form menschliche Grundfragen zu behandeln - unter den Sci-Fi-Schreibern machte ihn das zu einer Ausnahme. Jetzt ist er im Alter von 91 Jahren gestorben.

Ray Bradbury: Gigant der amerikanischen Science Fiction Fotos
REUTERS

Es war Jack Arnold, der mich mit Ray Bradbury bekannt machte. Nicht persönlich, natürlich. Und auch nicht bewusst: Arnold gehörte in den fünfziger Jahren zu den Serientätern unter den Sci-Fi-Filmemachern, und das Drehbuch zu seinem "Gefahr aus dem Weltall" von 1953 stammte von Bradbury.

Ich sah den Film als Kind, lange bevor ich mich für Drehbuchschreiber interessierte. Auf den ersten Blick war "Gefahr aus dem Weltall" eine der üblichen B-Movie-Schmonzetten, in denen bedrohliche Außerirdische für Gefahr sorgen. Auf den zweiten Blick fiel das Ende auf: Da lernt der Held des Films, dass es den Aliens keineswegs um eine Invasion ging, sondern dass sie abgestürzt waren und schlicht Hilfe brauchten.

Krieg der Welten? Von wegen: Die suchten einen Mechaniker! Nach erfolgter Reparatur flogen sie friedlich ab, bevor es zur Eskalation kommen konnte. Im ganzen Film kommt absolut niemand zu schaden, und mies und ein wenig blamiert steht am Ende nur die zu Hysterie und Gewalt neigende Staatsgewalt da.

Hallo? Das war nicht ganz das, was man mit der Science-Fiction der fünfziger Jahre verband, in der gerade Amerika eher seine Atom- und Sowjetängste aufarbeitete.

Mir fiel erst viele Jahre später auf, wie außergewöhnlich das alles war. Erst Steven Spielberg brachte satte 25 Jahre später mit "Unheimliche Begegnung der dritten Art" ähnliche Botschaften auf die Leinwand. Arnold und Bradbury hatten einen moralischen B-Film mit mahnender Botschaft gedreht, ein Zeichen für Toleranz und gegen Vorurteile gesetzt. Wenn man so will, war der Film selbst ein Alien.

Kleingeld durch Drehbücher

Ray Douglas Bradbury, geboren am 22. August 1920 in Waukegan, Illinois, galt seit Ende der vierziger Jahre als einer der talentiertesten Science-Fiction-Autoren Amerikas. Im Klartext heißt das, dass die meisten seiner frühen Werke erst einmal in Pulp-Form erschienen: Billig, als Heft gebunden oder als Fortsetzungsgeschichte in Tageszeitungen.

Er publizierte zahlreiche Kurzgeschichten und Novellen, die erst im Nachhinein zu Büchern zusammengefasst wurden, und galt gerade in dieser Disziplin als Meister seines Fachs. Eine Form der Alltags- und Trivialschriftstellerei augenscheinlich: Kurzprosa, Science-Fiction. Wie den zur gleichen Zeit auf ähnliche Weise seine Karriere beginnenden Kurt Vonnegut sah man auch Bradbury anfänglich als Trivialschriftsteller, der sich das nötige Kleingeld als Drehbuchautor dazuverdiente.

Ein Irrtum, den Bradbury sehr bald korrigieren sollte. Trivial war an seinem Schreiben absolut nichts. Bradbury war ein Moralist - und ein Erzähler erster Güte. Berühmt machte ihn "Fahrenheit 451", neben Orwells "1984" und Huxleys "Schöne neue Welt" die vielleicht bekannteste literarische Dystopie des 20. Jahrhunderts. Sinnreich aber waren seine Bücher sogar dann, wenn sie sich als pure Unterhaltung maskierten - auch das hatte Bradbury mit Vonnegut gemein. Doch wo der das Absurde und Satirische zu seinem Mittel machte, setzte Bradbury auf Mythisches und Bedrohliches. Er besah sich auch die dunklen Seiten der Seele.

Ein Poet unter den Science-Fiction-Autoren

Die Themen, die er dort fand: Moralische Dilemmata im Gewand des Abenteuers, grundsätzliche Fragen des Lebens und die Auseinandersetzung mit dem Tod. Viele seiner Geschichten sind phantastisch oder sogar märchenhaft. Da gibt es Hexen und Magie, mit deren Hilfe man in Tierkörper wandert, um die Welt mit anderen Sinnen zu erfahren. Da gibt es schwülstige Szenarien mit einer unterschwelligen, tierhaften Sexualität, die auf Bradburys oft jugendliche Helden als schlimmste aller Bedrohungen wirkt.

"Das Böse kommt auf leisen Sohlen" von 1962 hat nichts mit Sci-Fi zu tun, obwohl es als phantastischer Roman daherkommt: Es ist eine Coming-of-Age-Geschichte, in dem sich das Erwachsenwerden an der Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit festmacht. Ähnlich ist das in "Löwenzahnwein", einer autobiografisch gefärbten Kurzgeschichtensammlung von 1957, in der Bradbury Szenen seiner Kindheit als magisch aufgeladene Schritte eines Bewusstwerdungsprozesses aufarbeitet. Die Astronauten der Apollo-15-Mission ehrten Bradbury, indem sie einen Krater nach diesem Roman "Dandelion" ("Löwenzahn") tauften.

Es waren Bradburys große Themen: Die Untiefen und Grundfragen der Conditio humana. Was macht den Menschen aus? Was beseelt ihn, was ängstigt ihn, woran wächst er? Was ist schlecht, was gut? Solche Grundfragen durchziehen sein Schreiben, egal ob er vermeintliche Abenteuerliteratur wie "Die Mars-Chroniken" verfasste oder das Drehbuch zu "Moby Dick", 1956 von John Huston verfilmt - bis heute eine der besten Verfilmungen des Stoffes.

In "Löwenzahnwein" entwirft Bradbury seine Vision eines guten, zufriedenen Todes am Ende eines erfüllten Lebens. Da verabschiedet sich auf höchst heitere Weise die 90 Jahre alten Urgroßmutter des Protagonisten. Sie schildert ihrem Urenkel darin das Leben als unendlichen Kreislauf und erlebt den dann in ihren letzten Minuten selbst.

Bradbury schrieb: "Vor langer Zeit, dachte sie, träumte ich einen Traum und hatte gerade so viel Freude an ihm, als mich jemand aufweckte, und das war der Tag, an dem ich zur Welt kam." Er beschreibt, wie sie versucht, den Faden dieses 90 Jahre alten Traums wieder aufzunehmen. In ihren letzten Sekunden findet sie ihn wieder, während sie ihre Familie im Untergeschoss reden und arbeiten hört. "Es ist gut", lässt Bradbury sie sagen, "wie alles andere im Leben auch - es fügt sich ein."

Ray Bradbury wurde 91 Jahre alt.

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1. Gesamtwerk
Guy Montag 06.06.2012
Zitat von sysopREUTERSEr war der Moralist und Poet unter den Science-Fiction-Autoren: Ray Bradbury verstand es, in höchst unterhaltsamer Form menschliche Grundfragen zu behandeln - unter den Sci-Fi-Schreibern machte ihn das zu einer Ausnahme. Jetzt ist er im Alter von 91 Jahren gestorben. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,837408,00.html
Ich hoffe, das ist für einen Verlag nochmal ein Anlass, das Gesamtwerk dieses genialen Autors zu veröffentlichen...
2. Alles, was sich Menschen vorstellen können...
pewehh 06.06.2012
...wird irgendwann zuverlässig passieren. Auch das, was sich Ray Bradbury ausgedacht hat. Wie schön!
3. optional
leningraderin 06.06.2012
Ich bin mit seinen Werken aufgewachsen und bin dankbar, dass er mir zeigte was man wirklich unter Menschlichkeit versteht. Es ist erstaunlich (oder doch nicht), dass all die Fragen, die er in den 50-en und 60-en gestellt hat immer noch hochaktuell sind und zum großen Teil unbeantwortet bleiben.
4. Einer der Helden
fumum-vendidi 06.06.2012
meines Jugenduniversums, heimlich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke gelesen. Nimm deinen Platz ein zwischen Heinlein, Dick etc. RIP! Und Danke.. PS: Bücher sind unsterblich!
5.
PublicTender 06.06.2012
Zitat von sysopREUTERSEr war der Moralist und Poet unter den Science-Fiction-Autoren: Ray Bradbury verstand es, in höchst unterhaltsamer Form menschliche Grundfragen zu behandeln - unter den Sci-Fi-Schreibern machte ihn das zu einer Ausnahme. Jetzt ist er im Alter von 91 Jahren gestorben. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,837408,00.html
Danke für die vielen guten Bücher!
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