Mitgefühl als Ritual "Es ist sicher nicht einfach für Sie"

Die Amerikanerin Leslie Jamison spürt in ihrem Essayband "Die Empathie-Tests" dem Wesen des Mitgefühls nach. Dabei stellt sie sich auch die Frage, ob Leid vielleicht mehr als nur ein Aspekt besonders weiblicher Erfahrung ist.

In Leslie Jamisons Essays ist es überwiegend der weibliche Körper, der leidet
Corbis

In Leslie Jamisons Essays ist es überwiegend der weibliche Körper, der leidet

Von Oskar Piegsa


Die Essays der amerikanischen Schriftstellerin Leslie Jamison, die jetzt unter dem Titel "Die Empathie-Tests" erschienen sind, erinnern an die Begegnungen mit Verwandten, die auf Familienfeiern bei dünnem Kaffee und Sahnetorte mit großer Ausdauer ihre Krankenakte rezitieren. Zu den ersten Dingen, die man aus Jamisons Leben erfährt, zählt ihre Abtreibung, es folgt eine gescheiterte Herzoperation, ein Parasit, der sich unter ihrer Haut eingenistet hatte und herausgeschnitten werden musste sowie eine Nasenwiederherstellung nach einem brutalen Raubüberfall.

Leslie Jamison schreibt außerdem von Kathetern, die sich durch ihren Körper bohren, von Schienen, die ihre Knochen richten, und immer wieder von klaffenden Wunden, die sie sich teils selbst in ihren Körper geschnitten hat. Man kann den Titel ihres Buches wörtlich nehmen: "Die Empathie-Tests" zu lesen bedeutet, sich Leid auszusetzen. Das kann zur emotionalen Belastungsprobe werden.

Die Originalausgabe der "Empathie-Tests" zählte in den Vereinigten Staaten zu den literarischen Sensationen des vergangenen Jahres. Dabei sind die meisten Texte in diesem Buch nicht neu, sondern waren bereits in kleinen Literaturzeitschriften veröffentlicht worden, zum Beispiel in "A Public Space" oder in dem von Dave Eggers gegründeten Magazin "The Believer". Seit gut zehn Jahren gibt es in den USA eine Renaissance solcher Zeitschriften. Mit ihnen blüht der Essay als literarische Form, die sich je nach Autor und Ausprägung irgendwo zwischen Kulturkritik, Reportage und Autobiografie bewegt. Wie ihre Kollegen John Jeremiah Sullivan ("Pulphead") und Zadie Smith ("Sinneswechsel") - oder historische Vorbilder wie Susan Sontag und Joan Didion - tendiert Leslie Jamison mit ihren Essays in Richtung mal der einen, mal der anderen Textart.

Schmerzhafte Präzision der Beschreibungen

Sie erzielt dabei unterschiedliche Ergebnisse: Ihr spekulativer Text über Süßstoff und Sentimentalität ("Verteidigung des Süßlichen") zählt sicher nicht zu den Höhepunkten der Kulturphilosophie. Ihre Reisereportagen über Besuche in bolivianischen Silberminen ("La Plata Perdida") oder dem Gangland von Los Angeles ("South Central Sightseeing") sind lesenswert, aber nicht herausragend. Dass "Die Empathie-Tests" in den USA zu einem Bestseller wurde, von vielen Rezensenten gelobt und vereinzelt heftig kritisiert, ist wohl vor allem Leslie Jamisons autobiografischen Essays geschuldet, ihrer schonungslosen Offenheit und der manchmal schmerzhaften Präzision ihrer Beschreibungen.

Die Handlung des Buches beginnt in einem Krankenhaus. "Ich bin Autorin", schreibt Leslie Jamison im ersten und titelgebenden Essay, "und das bedeutet: Ich versuche, nicht ständig pleite zu sein." Also jobbt sie als "Normpatientin": Für 13,50 Dollar Stundenlohn spielt sie Medizinstudenten Symptome vor. Kameras zeichnen diese Begegnungen auf, bei denen die Studenten nicht nur die gespielte Krankheit korrekt diagnostizieren sollen, sondern auch für ihre "laut geäußerte Anteilnahme" benotet werden. Empathie ist riskant, sie hat etwas Übergriffiges, schreibt Jamison. Die Studenten ziehen sich deshalb auf Unverbindlichkeiten zurück. "Es ist sicher nicht einfach für Sie", floskeln sie immer wieder.

Sie spielen Anteilnahme an einem Leiden, das selbst nur gespielt ist. Die Begegnungen mit den Medizinstudenten kontrastiert Leslie Jamison mit ihren Erlebnissen als Patientin einer Kardiologin, die diese Form der routinierten Anteilnahme verinnerlicht hat. Nach jedem Treffen hört Jamison, wie die Ärztin hinter der verschlossenen Tür Stichpunkte zum Leben ihrer Patientin diktiert, die sie bei der nächsten Begegnung mit Fragen aufgreift - als wäre der Arztbesuch ein Party-Small-Talk, der nur kurz durch einen Gang zum kalten Büffet unterbrochen wurde. "Ich fühlte mich eingedampft auf das Format einer Lektürehilfe", schreibt Jamison, "und da in ihrer Stimme keinerlei Freundlichkeit lag, hatte diese mechanische Fragerei auch keinerlei Bedeutung."

Das Leid mag unter den Menschen ungleich verteilt sein

Die gespielte Anteilnahme gerät zu ihrem Gegenteil: Sie erweckt den Eindruck kalter Gleichgültigkeit und Missachtung. Von den Grenzen der Anteilnahme erzählt Jamison auch in "Teufelsköder", ihrem eindringlichsten Essay. Die Rahmenhandlung bietet eine Konferenz von Menschen, die an einer offenbar eingebildeten Krankheit leiden. Überzeugt davon, dass etwas unter ihrer Haut lebt, kratzen sie sich blutig, gehen nicht mehr zu Arbeit, meiden Kontakte zu anderen. Leslie Jamison fragt: "Ist der Begriff Empathie gerechtfertigt, wenn man der Tatsache des Leidens eines Menschen Glauben schenkt, nicht aber der behaupteten Ursache des Leidens?" Es ist eine Frage, die sich in ganz anderem Zusammenhang auch in Deutschland stellt, wo Politiker fordern, man müsse die Sorgen von Menschen ernst nehmen, die überzeugt davon sind, dass Medien gleichgeschaltet sind und unheilvolle Kräfte ihnen ihr Land stehlen wollen.

Apropos Politik - im Buch von Leslie Jamison sind es überwiegend Frauenkörper, die leiden. Unter anderem deshalb ist die Autorin kritisiert worden, sie weise Frauen eine Opferrolle zu, die Emanzipation unmöglich mache. Die Kritik ist zugleich nachvollziehbar und unfair. Jamison hat sie vorweg genommen in ihrem letzten, fragmentarischen Essay mit dem ironischen Titel "Große Universaltheorie über den weiblichen Schmerz". Dort schreibt sie: "Wann immer wir über verwundete Frauen sprechen, laufen wir Gefahr, ihr Leiden nicht als einen Aspekt weiblicher Erfahrung, sondern als konstitutiven Bestandteil von Weiblichkeit an sich zu betrachten - möglicherweise sogar als das raffinierteste Element ihrer Vollendung." Es ist eine Mahnung, weibliches Leid weder zu leugnen noch zu überhöhen.

Ihren Essays hat Leslie Jamison ein Zitat des römischen Dichters Terenz als Motto vorangestellt: "Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches, denke ich, ist mir fremd." Das bedeutet wohl: Das Leid mag unter den Menschen ungleich verteilt sein. Doch es bedeutet Mensch - nicht: Frau - zu sein, Schmerzen empfinden zu können, um Anteilnahme zu ringen und auf Heilung zu hoffen.

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