Auszeichnung: Literaturnobelpreis geht an Chinesen Mo Yan

Der Chinese Mo Yan erhält den Nobelpreis für Literatur. Ausgezeichnet wurde er, weil er "mit halluzinatorischem Realismus Märchen, Geschichte und Gegenwart vereint". Die Wahl des Komitees in Stockholm dürfte für Diskussionen sorgen - dem Autor wird allzu große Nähe zum Regime in Peking vorgeworfen.

Hamburg/Stockholm - Der Literaturnobelpreis geht 2012 an den chinesischen Schriftsteller Mo Yan. Das teilte Peter Englund, der Sekretär der Schwedischen Akademie, in der Alten Börse in Stockholm mit.

Eine große Ehre für den Preisträger - der bescheiden darauf reagierte. "Ich habe mich sehr gefreut, als ich die Nachricht gehört habe", sagte der Autor am Donnerstag der Nachrichtenagentur China News Service. "Doch glaube ich nicht, dass der Preis etwas bedeutet. China hat viele großartige Schriftsteller, die auch dazu befähigt sind, von der Welt anerkannt zu werden." Er wolle sich jetzt zunächst auf seine neue Arbeit konzentrieren. "Ich werde weiter arbeiten." Er werde die weiteren Hinweise und Vorbereitungen des Nobelkomitees abwarten, um zu sehen, "ob ich nach Schweden gehe, um den Preis entgegenzunehmen."

Mo Yan (ein Pseudonym für Guan Moye), geboren 1955, wuchs in Gaomi in der Provinz Shandong im nordöstlichen China auf. Seine Eltern waren Bauern. Während der Kulturrevolution verließ er als Zwölfjähriger die Schule und begann, in der Landwirtschaft zu arbeiten, später in einer Fabrik. 1976 schloss er sich der Befreiungsarmee des Volkes an. In dieser Zeit begann er, Literatur zu studieren und eigene Erzählungen zu verfassen. Eine Literaturzeitschrift veröffentlichte 1981 seine erste Novelle. Seinen Durchbruch erzielte er einige Jahre später mit dem Kurzroman "Touming de hong luobo" (1986, deutsch in Auszügen 1997 unter dem Titel "Trockener Fluss" erschienen).

Zwischen subversiver Kritik und Staatstreue

Wie das Nobelpreis-Komitee in einer biografischen Notiz über den Autor berichtet, gründet Mo Yan seine Erzählkunst auf den Erfahrungen, die er in seiner Jugend und in den Milieus jener Provinz machte, in der er aufwuchs. Dies werde deutlich in seinem Roman "Hong gaoliang jiazu" (1987, deutsch "Das rote Kornfeld" 1993), der 1987 von Zhang Yimou verfilmt wurde. Der Roman "Tiantang suantai zhi ge" (1988, deutsch "Die Knoblauchrevolte" 1997) und die Satire "Jiuguo" (1992, deutsch "Die Schnapsstadt" 2002) seien aufgrund ihrer scharfen Kritik an der zeitgenössischen chinesischen Gesellschaft als subversiv angesehen worden.

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Mo Yan: Zwischen Phantasie und Wirklichkeit
Mit einer "Mischung aus Phantasie und Wirklichkeit, aus historischen und sozialen Perspektiven" habe Mo Yan "eine Welt erschaffen, die in ihrer Komplexität an William Faulkner und Gabriel García Márquez erinnert". Zugleich fuße sie auf der älteren chinesischen Literatur und mündlichen Erzähltraditionen des Volkes. Außer den Romanen veröffentlichte er zahlreiche Novellen und Essays zu unterschiedlichen Themen.

In seinem Heimatland werde er trotz seiner gesellschaftskritischen Haltung als einer der führenden zeitgenössischen Schriftsteller betrachtet, würdigt das Komitee die Arbeit des Ausgezeichneten. Als Mitglied der offiziellen Delegation Chinas bei dem umstrittenen Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse 2009 musste sich Mo Yan allerdings gegen Vorwürfe wehren, nicht genug Distanz zum System zu wahren.

Mo Yans deutscher Verlag Hanser gratulierte dem Preisträger in einer Pressemitteilung und verwies darauf, dass im Frühjahr 2013 der Roman "Wa" ("Frösche") in der Übersetzung von Martina Hasse erscheine.

Zuletzt war der Literaturnobelpreis im Jahr 2000 mit Gao Xingjian an einen chinesischen Autoren gegangen. Der international weitgehend unbekannt gebliebene Xingjian lebt im Exil in Paris und wurde deshalb Frankreich zugeordnet.

Zeremonie am 10. Dezember in Stockholm

Der Nobelpreis für Literatur gilt als die wichtigste literarische Auszeichnung der Welt und wird seit 1901 vergeben. Die Dotierung des von der Schwedischen Akademie vergebenen Literaturpreises ist in diesem Jahr auf acht Millionen Schwedische Kronen (rund 930.000 Euro) gesenkt worden. Bisher erhielten die Preisträger zehn Millionen Kronen (etwa 1,1 Millionen Euro).

Die Auszeichnung wird jeweils am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, in Stockholm überreicht. Stifter des bedeutenden Preises ist der schwedische Industrielle Alfred Nobel (1833-1896). Nach dem Willen des Unternehmers soll ihn derjenige erhalten, "der in der Literatur das Ausgezeichnetste in idealistischer Richtung hervorgebracht hat".

kuz/kha/dpa

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1. Als Murakami-Fan...
robinato 11.10.2012
...bin ich eigentlich froh, dass er es nicht geworden ist. Was bringt der Literaturnobelpreis denn schon, außer einer gigantischen Werbemaschine in Gang? Finanziell nötig hat er ihn auch nicht. Mo Yan kennt natürlich wieder keiner, aber was soll's...
2. optional
mr.brand 11.10.2012
wieder keinNobelpreis für Bob Dylan1
3. Freude in China?
G. Whittome 11.10.2012
Na dann mal sehen, ob man sich diesmal in China darüber freut! Der letzte chinesische Literaturnobelpreisträger, Gao Xingjian, Exilant in Frankreich, wurde ignoriert und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo sitzt seit zwei Jahren im Gefängnis.
4. Mo Yan
flusser 11.10.2012
Ich dachte immer das heisst Yo man!
5. wie bitte? womit?
chuckal 11.10.2012
Zitat von sysopDer chinesische Autor Mo Yan erhält den Nobelpreis für Literatur. Das gab das Komitee in Stockholm bekannt. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/mo-yan-erhaelt-den-literaturnobelpreis-a-860673.html
mit halluzinatorischem Realismus.... achso damit...muss einem doch gesagt werden.
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