Moderne Island-Sagen: Kopf abschlagen, Kopf anschalten

Von Anne Haeming

In isländischen Sagen morden die Helden nach Lust und Laune, doch sie wollen sich auch weiterbilden. Motto: Blut- und Wissensdurst gehören zusammen. Wie wichtig die eigene Geschichte für Bewohner der Insel ist, zeigt die Frankfurter Buchmesse - moderne Autoren erzählen die alten Stoffe aufregend neu.

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Corbis

Wikinger-Festival in Island: Moderne Freude am altertümlichen Gemetzel

Da werden Männer am Schopf gepackt und mit dem Schwert kurzerhand einen Kopf kürzer gemacht. Blutgierig ziehen verfeindete Clans durch die isländischen Weiten, immer fest entschlossen, irgendeine Tat zu rächen. Oder sich einfach nur aus fundamentaler Antipathie ins Gemetzel zu stürzen.

Nichts gegen Vollständigkeit. Fischer hat vier Bände "Isländersagas" auf den Markt gebracht. Aber sich durch diese walfischdicken Klopper mit altspröder Sprache zu wälzen, muss nicht sein, um einen Eindruck von den Sagen und Mythen des diesjährigen Gastlandes der Frankfurter Buchmesse zu bekommen. Enorm modern klingt da etwa Einar Kárasons Saga "Versöhnung und Groll", die er im 13. Jahrhundert spielen lässt. Schon der russisch anmutende Titel macht klar, dass man in ein historisches Clan-Drama hineingezogen wird. Nur blutiger. Sjóns "Das Gleißen der Nacht" zeigt Island 400 Jahre später, ein Aufklärungsroman mit einem jungen Forscher im Zentrum, weniger blutig, aber dennoch brutal. "Der Mordbrand von Örnolfsdalur" bündelt fünf Isländer-Sagas, nacherzählt von "FAZ"-Redakteur Tilman Spreckelsen, phänomenal illustriert von Kat Menschik.

Eine kleine Sagenauswahl, eine dramatisch neu erzählte historische Facette Islands, ein Text über die Zeit der Aufklärung im ehemaligen Schlachtenland: Diese drei jungen Bücher wuchern mit dem historischen Pfund des Landes - und natürlich mit seinem Wetter.

1. Einar Kárason: "Versöhnung und Groll"

Darum geht's: Das Sturlungen-Geschlecht auf der einen Seite, der fiese Gissur auf der anderen Seite: Das ist die Ausgangslage. Doch Gissur, zu Besuch beim norwegischen König, hat auf einmal keine Lust mehr, sich von einem Gemetzel ins andere zu stürzen. Er möchte Versöhnung, verheiratet seinen Sohn mit einer Sturlungen-Tochter. Seine Frau freut sich, endlich ein sicheres Leben. Doch es gibt Nebenspieler, die Gissurs Sinneswandel nicht trauen und endlich selbst ihre Führerqualitäten unter Beweis stellen wollen. Und, Achtung Spoiler, ausgerechnet am Tag der Hochzeit alles in einem Flammenmeer aufgehen lassen. Mit dem Frieden war es das dann für eine Weile.

Das lernt man über Island: Mal abgesehen von der Schlachtengeschichte mit tragischem Ausgang: "Versöhnung und Groll" legt die tiefwurzelnden Verbindungen zu Norwegen offen, indem es die permanenten Gespräche und Verhandlungen mit dem norwegischen König Hakon mit erzählt. Er schickt einen Bischof als Vorhut, um zu missionieren, doch der verschwindet schnell wieder: "Es mag wohl am besten sein, wenn man sie auf ihrer armseligen Insel sich selbst überlässt", findet er.

Der Satz, der alles sagt: "Das habe ich natürlich auch nicht vergessen, obwohl ich wirklich andere Dinge im Kopf habe und nicht dauernd daran denke, wer hier wen vor 20 Jahren umgehauen hat - es ist schwer genug, nicht wahnsinnig zu werden, wenn man an die Schlachten in unseren blutigen Zeiten denkt."

Das taugt's: Es ist unfassbar, wie es Einar Kárasons Sprache schafft, einerseits dem historischen Kontext gerecht zu werden, und es gleichzeitig nicht nach 13. Jahrhundert klingen zu lassen - sicher auch dank der großartigen Übersetzung von Kristof Magnusson. Kárason erzählt die Geschichte multiperspektivisch, lässt in jedem Kapitel einen anderen Protagonisten sprechen und findet damit einen perfekten narrativen Kniff, um die Brüche der einzelnen Figuren aufscheinen zu lassen: Etwa beim Anführer Eyjólfur, der manisch-depressiv durch sein Territorium torkelt, Monate verschläft und bei den anderen Schwergewichten irgendwann nur noch Stirnrunzeln auslöst. Wenn Kárason alle Sagas seiner Heimat so nacherzählen würde - es gäbe keinen Grund, nicht alles in einem Rutsch durchzulesen.

Und nun das Wetter: Schneeregen, Matsch, Hochwasser - die Angreifer und ihre Pferde bleiben mitsamt ihrem Mordanschlag unterwegs stecken. "Das hätte ich ihnen auch vorher sagen können", so der launige Kommentar eines Beinahe-Opfers.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Alles wird verwurstet
Stauss 15.10.2011
Soll wohl wieder mal etwas gehypt werden.
2. .
josifi 15.10.2011
Zitat von StaussSoll wohl wieder mal etwas gehypt werden.
Sie kennen Island vermutlich nicht, oder?
3. Beeindruckend
Innenphilister 15.10.2011
Da prangt die korrekte Bezeichnung groß auf dem Buchtitel und die Autorin schafft es dennoch, immer wieder die falsche zu verwenden. SagA ist etwas völlig anderes als SagE, nämlich eine eigene, endemische, in Island seit frühester Zeit etablierte Literaturgattung. Die beiden Begriffe sind nicht synonym. Im Zweifelsfall hülfe sogar das beliebte Rechercheersatzwerkzeug Wikipedia: https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Altnordische_Literatur#Die_Sagaliteratur Von anderen hippen Sätzen, die gleichermaßen fundierte Information bezeugen, wie dem über das Þing (evtl. mal recherchieren, wie das isl. Parlament heute heißt), dem Unterschied zwischen Mythos und Legende, dem angeblichen "Märchenton" des Erzählers u.ä. ganz zu schweigen. Elitejournalismus, wie man ihn leider von SpOn (und zig anderen großen Namen) gewohnt ist.
4. "Versöhnung und Groll"
baloo55 15.10.2011
muten russisch an, schreibt die Autorin. Muss man jetzt Russisch können, um die Autorin zu verstehen, oder ist "Krieg und Frieden" russisch? Fragen über Fragen. Literaturkritiker eben, überflüssig wie Rating - Agenturen und Wirtschaftsweise.
5. Versöhnung und Groll
Innenphilister 15.10.2011
Russisch muss man nicht können, Isländischkenntnisse der Autorin hätten aber auf jeden Fall geholfen, gerade dem Leser :o) Der isl. Titel des Werks hat übrigens weder etwas mit Tolstoj noch Russland zu tun, sondern ist schlicht "Ofsi", was in diesem Kontext etwa "der Heftige" bis hin zu "der Herrische", "der, der sich nicht beherrschen kann" oder "der Tyrann" bedeutet kann. Frau Haeming würde ich allerdings nicht als Literaturkritikerin bezeichnen. Bei aller berechtigten Skepsis, die diesem Beruf entgegengebracht werden kann, ist dafür normalerweise doch ein Minimum an Wissen, Recherche und Kompetenz im jeweils rezensierten Bereich vonnöten. Im offensichtlichen Gegensatz dazu geht es hier nur um aufsehenerregende Schlagwörter, scheinmoderne, zugängliche "Schreibe" und aus beidem generierte Klicks; Sachfehler spielen da offenbar keine Rolle, zumal es nicht das erste Mal ist, dass SpOn im Kulturbereich derartige Artikel bringt. Schade? Ja. Nein. Bekannt. Erwartet. SpiegelOnline.
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