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"Mohamed" von Abdel-Samad: Religionskritik nach Pegida-Art

Von Daniel Bax

Polemik "Mohamed": Islamhass à la AfD Fotos
DPA

Selbst ein Hitler-Vergleich fehlt nicht: In seinem Buch "Mohamed" beschreibt der Deutsch-Ägypter Hamed Abdel-Samad den Propheten als mordenden Tyrannen, macht den Islam pauschal nieder - und liefert Argumente für den rechten Rand.

Der Prophet Mohammed war, wenn man den Überlieferungen glauben kann, eine spannende Figur: Kaufmann, Prediger, Dichter, Gesetzgeber, Kriegsherr und Eroberer, Religionsstifter und Staatsgründer, Waisenkind und mehrfacher Ehemann. Dank seiner vielen Rollen verehren ihn viele Muslime als Vorbild - als einen Propheten, der eine Ethik für alle Lebenslagen hatte. Seine Vita wird von Heiligengeschichten und Legenden umrankt.

Während Jesus im Islam ebenfalls als Prophet anerkannt wird, tat man sich im christlichen Europa mit einer vergleichbaren Anerkennung Mohammeds schwer. Ganz im Gegenteil: Weil sie den Glauben, den er im 7. Jahrhundert von Mekka und Medina aus verkündete, als Konkurrenz empfanden, machten christliche Theologen Mohammed schon früh zur Zielscheibe einer "vermutlich beispiellosen Gräuelpropaganda", wie der evangelische Theologe Thomas Naumann einmal schrieb. "Keine Sünde, keine moralische Verfehlung, keine sexuelle Abartigkeit, die man ihm nicht zugeschrieben hätte".

Mohammed wurde in Pamphleten wahlweise als Betrüger, Gewalttäter und kranker Mensch beschrieben, der an Epilepsie und Wahnvorstellungen gelitten und deshalb einen Irrglauben verbreitet haben soll. Diese Mohammed-Polemik entwickelte sich vom frühen Mittelalter an zu einem eigenständigen Genre. Erst mit der Aufklärung setzte sich in Europa ein positiveres Mohammed-Bild durch.

Mohammed mit Vaterkomplex und Midlife-Crisis

In seinem Buch über "Mohamed", das den Untertitel "eine Abrechnung" trägt, reflektiert der deutsch-ägyptische Publizist Hamed Abdel-Samad diese europäische Rezeptionsgeschichte nicht. Vielmehr macht er sich den überkommenen Blick zu eigen. Sein Buch fügt sich in die lange Reihe der Negativdarstellung des muslimischen Propheten. Durchaus unterhaltsam erzählt Abdel-Samad die Lebensgeschichte des Propheten nach und würzt sie mit Sex and Crime und mehr als nur einem Schuss Küchenpsychologie, er dichtet Mohammed einen Vaterkomplex, eine Midlife-Crisis und schwere psychische Schäden an.

Ausführlich widmet er sich mutmaßlichen Massakern und Bettgeschichten und zeichnet Mohammed als einen Massenmörder und kranken Tyrannen, der an Kontrollzwang, Narzissmus und Größenwahn, Verlustängsten und Paranoia gelitten haben soll, an einer Stelle vergleicht er ihn sogar mit Adolf Hitler. Seine Krankheiten, so Hamed Abdel-Samad, habe Mohammed an die Muslime von heute "vererbt".

So stempelt er nebenbei 1,5 Milliarden Muslime zu potenziellen Gewalttätern und erklärt Terrorgruppen wie die IS-Milizen und Boko Haram zur logischen, ja zwingenden Folge der Lehre Mohammeds. Das ist in etwa so, als würde man den Ku Klux Klan mit seinen brennenden Kreuzen zur einzigen richtigen Lesart des Christentums erklären.

Hamed Abdel-Samad ist der Sohn eines ägyptischen Imams und soll, wenn man seiner Biografie "Abschied vom Himmel" glaubt, früher mit den Muslimbrüdern geliebäugelt haben, bevor er in Deutschland zu neuen Überzeugungen fand. Mit dem Furor und dem Sendungsbewusstsein des Renegaten verwirft Hamed Abdal-Samad alles, an was er selbst einmal geglaubt haben mag, und wendet sich neuen Gewissheiten zu, die er mit dem gleichen Feuereifer vertritt.

"Zeitgemäße Interpretation des Koran ist keine Lösung"

Er klaubt sich aus den historischen Quellen zusammen, was ihm passt, und was ihm nicht passt, das verwirft er. So ähnlich machen das auch die Salafisten. Eine Abrechnung, etwa aus enttäuschter Liebe, ist häufig ungerecht, und die Wut auf seine Herkunftsreligion ist Hamed Abdel-Samad unbenommen, er wird dafür seine Gründe haben. Sein Publikum sind aber weniger andere Muslime, die er dazu animiert, ihren Glauben einer kritischen Prüfung zu unterwerfen, sondern deutsche Nichtmuslime, die er in ihren Ressentiments gegen Muslime und deren Religion bestätigt.

Selbst eine liberale Auslegung des Islam lehnt Hamed Abdel-Samad ab, er hält den Islam für nicht reformierbar und möchte ihn daher auf den Müllhaufen der Geschichte werfen. "Eine zeitgemäße Interpretation des Koran kann nicht die Lösung sein", schreibt er. Vielmehr müssten Muslime anerkennen, dass der Koran nicht Gottes Wort sei, sondern von Menschen gemacht sei, und Mohammeds Verdienste infrage stellen, kurz: Sie sollten zentralen Glaubenssätzen ihrer Religion abschwören.

Genau so gut könnte er von Katholiken verlangen, die Vorstellung einer unbefleckten Empfängnis und die Trinitätslehre zu verwerfen, oder von Juden, endlich Jesus als letzten Propheten anzuerkennen. Das ist absurd. Aber auf antimuslimischen Hetzportalen wie "pi news" wird Hamed Abdel Samad dafür als "Martin Luther" des Islam gefeiert - wenn, ja wenn der Islam reformierbar wäre, was er für die Islamhasser natürlich per se nicht sein kann.

Die seriösen Medien, die Hamed Abdel-Samad für seine Thesen als Tabubrecher feiern, machen den gleichen Fehler, den sie schon bei Thilo Sarrazin gemacht haben. Selbst wenn sie sich vornehmen, seine Behauptungen kritisch zu diskutieren, bieten sie ihnen doch nur ein Forum. "Darüber wird man doch noch reden dürfen", lautet das unausgesprochene Motto, das noch die krudesten Ansichten salonfähig macht.

Auftritte bei der AfD

Doch man muss nicht über jeden Unsinn diskutieren. Und in diesen Zeiten, in denen rechtspopulistische Parteien in Europa mit antimuslimischer Stimmungsmache eine Wahl nach der anderen gewinnen und nicht nur ein Viktor Orbán die Flüchtlinge aus muslimischen Ländern zu Feinden des christlichen Abendlands stilisiert, ist es leichtfertig und naiv.

Mit der Zahl der Flüchtlinge nehmen auch hierzulande die Ängste vor dem Islam wieder zu, nicht nur bei Pegida und am rechten Rand. Hamed Abdel-Samad heizt sie an, mit Halbwahrheiten und bewussten Verdrehungen. In diesem Sommer trat er in mehreren AfD-Ortsverbänden auf, von Mölln über Berlin bis Bayreuth, wo er ein gern gesehener Gast war.

Bei einer Veranstaltung der AfD-Jugendorganisation in Köln ließ es sich Frauke Petry nicht nehmen, ein Grußwort zu sprechen. Und Hamed Abdel-Samad bekannte dort gut gelaunt, dass er mit Thesen durchkomme, für die ein Thilo Sarrazin "gekreuzigt" würde. Das läge allein daran, dass ihm als Ex-Muslim quasi ein "Islam-Rabatt" gewährt würde: Nur aufgrund seiner Hautfarbe würde ihm keiner vorwerfen, ein Rassist zu sein, gluckste der Publizist. Da ist etwas dran. Und es ist falsch.

Zum Autor
  • privat
    Daniel Bax, Jahrgang 1970, arbeitet als Redakteur für Innenpolitik bei der "taz". Dort schreibt er unter anderem über Migration und Minderheiten. Zuletzt erschien sein Buch "Angst ums Abendland. Warum wir uns nicht vor Muslimen, sondern vor den Islamfeinden fürchten sollten".

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