"Also sprach Metzelder zu Mertesacker": Der Spinner, der in jedem Fan steckt

Von Hans-Jost Weyandt

Die literarische Alternative zu "Waldis EM-Club": In "Also sprach Metzelder zu Mertesacker" beweist Moritz Rinke in schamlos erfundenen Geschichten, dass die kindliche Leidenschaft für Fußballstars nicht blöd machen muss. Nummer fünf der elf besten Bücher zur Fußball-EM.

Buchfigur Christoph Metzelder (hier bei der EM 2008): "Ah, Servus" Zur Großansicht
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Buchfigur Christoph Metzelder (hier bei der EM 2008): "Ah, Servus"

Darum geht's: Was Sie schon immer über das Leben der großen Fußballstars wissen wollten, ohne zu ahnen, wen Sie danach fragen sollten: Moritz Rinke weiß, wie Jogi Löw tickt, was Otto Rehhagel seiner Frau Beate beim Frühstück erzählt, was passiert, wenn Oliver Kahn einen titanischen Sprung in den Swimmingpool riskiert, und wie warm Angela Merkel ums Herz ist, wenn sie einen Liebesbrief an Bastian Schweinsteiger schreibt. Rinke ist als Dramatiker bekannt geworden, in diesen kleinen Gelegenheitstexten, die er in den letzten Jahren für die "Zeit", den "Tagesspiegel" oder "Merian" verfasst hat, schlüpft er in die Figur des kleinen Moritz, der sein Glück kaum fassen kann, den Großen des Fußballs ganz nah zu kommen - und sei es in seinen Phantasien: ein Forrest Gump des deutschen Fußballs, eine Klatschphantasie in vielen kleinen Häppchen. Einmal grüßt ihn Franz Beckenbauer beim Verlassen eines Stadionklos ("Ah, Servus"), und Moritz Rinke ist so ergriffen, dass er sich dort niederlassen muss, wohin auch der Kaiser zu Fuß geht. Die Anekdote von 2006, die das Deutsche um das Wort "Ehrentoilette" bereichert, könnte sogar stimmen. Selbst dann, wenn man weiß, dass Rinke eine haarscharf verschiedene Geschichte schon früher erzählt hat, damals mit Netzer.

Das lernt man: Eigentlich nichts, "das ist ja das Irre" (Rinke). Oder vielleicht doch dies: Wie man sich die kindliche Freude am Spiel und das ehrfürchtige Bestaunen der Stars bewahren kann, ohne blöd wie ein Torpfosten nach Spielschluss dazustehen. Rinkes Strategie ist simpel: dem Spinner, der in jedem echten Fan hockt, kräftig Zucker geben und dabei seine fröhlichen Gespinste auf keinen Fall beschweren mit feuilletonistisch-intellektuellem Gedankenblei. Ein Begeisterungsredner inszeniert sich da, charmant, auch in den kleinen Bosheiten, und mit nie nachlassender Quasselenergie. Wer es vorzieht, die EM allein zu gucken, weil das notorische Dazwischenquatschen einfach nervt, dem lieferte dieses Buch den Beweis, wie vorausschauend die Entscheidung doch war.

Der Satz, der alles sagt: "Lieber Basti! Schmier dir wieder die Arnika-Salbe von Weleda auf die Muskeln und dann zeig', wo's langgeht. Deine Angie"

Das taugt's: Also sprach Werder-Trainer Thomas Schaaf: "Wenn Rinke so spielt, wie er schreibt, würde ich ihn beim nächsten Spiel einwechseln" - und bewies mit den netten Worten sein pädagogisches Geschick, auch nicht ganz so schöne Wahrheiten angenehm zu verpacken. Die schon etwas betagten Zeitungsartikel, eine Art publizistisches Altherrenteam, die Rinke flink zu "lauter Liebeserklärungen" kompiliert hat, taugen eher für die Ersatzbank, für sporadische Joker-Einsätze oder als Alternative zu "Waldis EM-Club".

Und wer wird Europameister? Klose findet das Tor nicht, Gomez ballert drüber, den Torwart befällt gelegentlich ein seltsames Flattern, den Innenverteidigern ist irgendwie mulmig, und Löw sieht leider nur im Laptop, wie prächtig seine Taktik funktioniert: Rinkes Skizzen vom EM-Turnierstart vor vier Jahren klingen überraschend aktuell. Damals stolperte das Team immerhin bis ins Finale.

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