Musiker-Roman Die schöne Schäbigkeit der Welt

Normalerweise singt Markus Berges bei der Band Erdmöbel, jetzt präsentiert er mit "Ein langer Brief an September Nowak" sein Romandebüt. Ein Buch, das die Oberfläche zerkratzt, bis das wahre Leben sichtbar wird.

Matthias Sandmann

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Man wird ja eh nicht umhin kommen, dies zu schreiben, warum also nicht gleich zu Beginn: Erdmöbel, die Band also, deren Sänger Markus Berges ist, hat zeitgleich zum Erscheinen dessen Romans auch ein neues Album herausgebracht. Das Album heißt "Krokus", und es ist sogar ein Lied auf der CD namens "September Nowak" - gedacht wohl als Soundtrack zu Berges erstem Roman "Ein langer Brief an September Nowak".

So. Nun ist es gesagt, und damit wird an dieser Stelle nicht mehr über diese CD geredet werden. Nicht etwa, weil sie nicht gut wäre (sie soll sogar ziemlich gut sein), und auch nicht, weil es endlich einmal um Berges, den Autoren, und nicht um Berges, den Sänger-der-jetzt-auch-ein-Buch-geschrieben hat, gehen soll, sondern aus einem sehr viel profaneren Grund: Ein anderes Erdmöbel-Lied ist nämlich ein noch viel perfekterer Soundtrack.

Bezaubernde Entzauberung

Denn vor einigen Jahren haben Erdmöbel eine CD mit gecoverten Hits herausgebracht, die sie ins Deutsche übersetzt haben. Darunter zum Beispiel Kylie Minogues "Can't get you out of my Head" und Robbie Williams' "The Road to Mandalay". Die Hits sind jeder Elektronik, jedes Starkults, jeder Entrückheit beraubt. Nackt kommen sie einem vor, manchmal albern, manchmal seltsam schlicht. Man glaubt, sie zum ersten Mal so zu hören wie sie wirklich sind. Das ist schrecklich ernüchternd. Und macht gleichzeitig Spaß. Diese alten Lieder sind deshalb der perfekte Soundtrack, weil der Roman von genau dieser bezaubernden Entzauberung handelt.

Betti Lauban will ihre Brieffreundin besuchen gehen. Die Brieffreundin heißt September Nowak. September Nowak wohnt in Monaco, in einem Chateau. September Nowak tanzt Ballett, und verbringt den Winter in Skihütten und den Sommer im Freibad im Yachthafen. September Nowak ist weltgewandt und mondän und aufregend und wahnsinnig anbetungswürdig und bestimmt auch sehr hübsch. Das allerdings kann Betti Lauban nicht so genau wissen, denn September Nowak hat in den langen Jahren der Brieffreundschaft ein striktes Foto-Verbot durchgesetzt. Und als Betti nach einer langen Zugfahrt am Bahnhof ankommt, wartet dort nur eine sehr fette junge Frau, und Betti begreift sehr plötzlich und sehr schmerzhaft, dass September Nowak nur eine Lüge war.

Ihr Leben bleibt Kunstform

Wie bitte? September Nowak hat in Wahrheit nie Ballett getanzt? September Nowak wohnt in einer Wohnung mit Kunststofftischdecke und Plastikstühlen? Robbie Williams hat in Wahrheit so einen Quatsch gesungen? Berges macht den Glamour kaputt. Er zerkratzt die Oberfläche bis man das Gefühl hat, die Welt in ihrer wunderschönen Schäbigkeit zum ersten Mal zu erkennen.

Betti Lauban bricht einfach auf, reist durch den Süden, schwimmt im Atlantik, fährt im Wohnmobil umher, statt auf Yachten zu liegen. Aber ob das nun echt ist, kann man auch nicht sicher wissen. Denn nun wird Betti manchmal zu September Nowak. Erfindet Geschichten, schlüpft in Rollen, wird hypnotisiert, wird fieberkrank, liest Romane. Ist überhaupt keinen Deut authentischer als September Nowak. Auch ihr Leben bleibt so letztlich Kunstform, wenn auch eine gänzlich anders inszenierte. So wie Erdmöbels Cover-Version vom Weg nach Mandalay.



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