Musikerroman Jede Band ist eine Liebesgeschichte

Literatur für alte Männer: Joseph O'Connor hat mit "Die wilde Ballade vom lauten Leben" einen Roman für Herren geschrieben, die gern über Musik von früher reden. Stellenweise recht amüsant.

Joseph O'Connor: Gitarren, Liebe und Verrat
Kathrin Baumbach

Joseph O'Connor: Gitarren, Liebe und Verrat

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Von Mick Jagger erzählt man, wie er eines Tages auf einem Bahnsteig in Dartford stand, 18 Jahre auf dem Buckel, Schallplatten von Muddy Waters und Chuck Berry auf dem Arm. Am gleichen Gleis wartete Keith Richards, um mit dem Zug zur Uni zu fahren. Von Johnny Marr erzählt man sich, wie er Morrissey zum ersten Mal auf einem Konzert von Patti Smith gesehen hat und ihn danach mit Hilfe eines Freundes aufgespürt haben soll.

Keine Bandgeschichte, die man sich gern erzählt, beginnt je mit dem Satz "Naja, ich habe halt diese Annonce aufgegeben..." Jeder gute Gründungsmythos braucht einen Moment des Zufalls und einen Moment des Sich-Erkennens. Darin unterscheiden sich Bandgeschichten kein Stück von der Liebe.

Wo sonst also sollten sich Robbie und Fran in den Pausen zwischen ihren Vorlesungen treffen als in der Fakultät für Theologie, von deren verschmierten Fenstern aus man direkt auf die alte Autofabrik sieht, und wo kaum je jemand ist - außer den Pärchen, so dass man an der Uni von Luton von den Stationen des Kreuzwegs spricht, wenn man erzählt, wie weit man miteinander schon gegangen ist. Da sitzen sie dann mit Gitarren und einer speckigen Ausgabe von "Bert Weedons Monster-Notenbuch".

Von der Fußgängerzone zur Welttournee

Robbie ist der Sohn irischer Arbeiter, der mit der feststehenden Abkürzung LWU für "Leute wie uns" aufgewachsen ist und feststehenden Vorstellungen, was LWUs zu tun hatten. "Die LWUs aßen nicht vegetarisch, fuhren nicht in Skiurlaub, wählten keine Sozialdemokraten, hielten, falls männlich, nichts vom Ballett, falls weiblich, nichts von Sport, machten keine transzendentale Meditation, tauften ihre Kinder nicht nach Nicht-Heiligen oder nach geografischen Gegebenheiten wie zum Beispiel Flüssen, tranken weder Wein noch 'Cocktails', hörten kein BBC 4 Radio, lasen nicht 'The Times' oder andere anspruchsvolle Zeitungen, trugen keine gewöhnlich dem anderen Geschlecht zugeordnete Kleidung, spielten kein Tennis, sahen sich auch keins im Fernsehen an, erwähnten es nicht mal in seiner Gegenwart, und sie gingen in KEIN Theater, das etwas anderes als Weihnachtsstücke darbot, es sei denn, sie arbeiteten an der Garderobe."

Sie taten also nichts, was irgendwie im Verdacht stand, größenwahnsinnig, extravagant oder ausgefallen zu sein. Und Fran - tja, Fran ist wohl der größenwahnsinnigste, extravaganteste und ausgefallenste junge Mann an der gesamten Universität.

Wie aus Robbie und Fran in den Jahren danach eine erst erfolglose, dann erfolgreiche, dann gescheiterte Rockband wird, lässt sich auch als Liebesroman lesen. Ihre Geschichte folgt dem Muster von Beziehungen, inklusive erster nervöser Gespräche, gemeinsamer Rituale, der Eifersucht, dem Zusammenziehen, dem Sich-satt-sehen-Aneinander, dem Sich-auseinander-Leben und schließlich dem Verrat. Sie spielen in Fußgängerzonen, im Gartenschuppen, in Kneipen und schließlich auf internationalen Tourneen. Natürlich geht es um Drogen und Demo-Tapes und Mädchen. Und natürlich heißt ihr Wohnort bald nicht mehr Luton, sondern erst London und dann New York.

"Die wilde Ballade vom lauten Leben" ist der Titel dieser fiktiven Bandgeschichte von Joseph O'Connor, der - Achtung, unnützes Wissen - der Bruder der Sängerin Sinead O'Connor ist und bereits mehrere erfolgreiche Romane geschrieben hat über die große Hungersnot in Irland oder den Vater eines Bankräubers oder darüber, was es heißt, Ire zu sein. Auch "Die wilde Ballade vom lauten Leben" wird seine Leser finden, denn das Buch ist seiner Zielgruppe der älter werdenden Männer auf den weicher werdenden Leib geschrieben. "Die wilde Ballade vom lauten Leben" ist, so könnte man sagen, die Literatur zum "Dadbod"-Trend (der, im wahrsten Sinne des Wortes, Vaterfigur mit Speckbauch).

Er ist geschrieben im Duktus älterer Männer, die über nichts lieber reden als über Musik von früher. Ein gefühltes Drittel des Romans besteht aus Musikreferenzen. Aus Aufzählungen von Bands und Songs, die Robbie und Fran bewundern oder verabscheuen oder covern. Aus Erörterungen, was es heißt, gut zu singen und wie man Songs schreibt. Roy Orbison, Bob Dylan, Pattie Smith, Billie Holiday, Etta James, Johnny Cash, Townes Van Zandt, Tim Hardin, Slaughter and the Dogs, The Clash, Iggy and the Stooges, Motörhead, Nina Simone, Depeche Mode, Meat Loaf, Luther Perkins, die Dead Kennedys. Wohl jeder Künstler von jeder Best-of-CD, die jemals gemacht wurde, findet in diesem Roman Erwähnung.

All das könnte in seinem Musiker-Nerdtum sehr hübsch sein, wenn nicht ein weiteres gefühltes Drittel des Romans aus Sprachbildern bestünde, die schiefer sind als die jeder Schülerband. "Aber sie wissen, was jung sein heißt. Man ist ein Taxi mit leuchtendem Dachschild." Auch da ist der Roman ganz "dadbod". Bei allem Lob des Unperfekten - sich etwas zu verschlanken, hätte ihm zumindest nicht geschadet.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
midastouch 13.05.2015
1. Falsch
Zitat: "Keine Bandgeschichte, die man sich gern erzählt, beginnt je mit dem Satz "Naja, ich habe halt diese Annonce aufgegeben..." " Black Sabbath haben sich genau so gefunden. "Ozzy Zig Needs Gig – has own PA". Siehe http://en.wikipedia.org/wiki/Black_Sabbath
Bug69 13.05.2015
2. Falsch! Da kann ich nur zustimmen!
Denn auch bei Joy Division war es eine Anzeige! http://de.m.wikipedia.org/wiki/Joy_Division
make_it_sexy 13.05.2015
3.
oder bei Metallica.... aber wie viele Menschen haben vorgespielt oder gesungen und sind nichts geworden. Grade diese Geschichten sind ja häufig das Interessante.
adubil 13.05.2015
4.
Wer braucht 'ne fiktive Geschichte über 'ne Band ? Einfach die offiziellen und inoffiziellen Bandbiographien lesen. Sind ja genug auf'm Markt. Da gibt's Fiction satt, noch und nöcher. '
SirRidleyScott 13.05.2015
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Auch Phil Collins kam zu Genesis über eine Anzeige. ;-)
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