Nachwuchstalent Guadalupe Nettel Dies ist kein Liebeslied

Nur auf dem Friedhof entsteht so was wie Nähe: Mit "Nach dem Winter" legt Guadalupe Nettel einen filigranen Großstadtroman vor, in dem sich alle körperlich nah sind - sich aber doch nie zugehörig fühlen.

Guadalupe Nettel
Lisbeth Salas

Guadalupe Nettel

Von Isabel Metzger


Die Autorin Guadalupe Nettel würde ihren Roman "Nach dem Winter" noch nicht einmal als "nett" oder "schön" bezeichnen, sagt sie. Selbst der Schauplatz der Handlung ändert daran wenig: Paris, bei Nettel "kein gastfreundlicher Ort". Sondern eine Stadt, in der Berührung nur beim Drängeln in der Metro stattfindet und sich Sonntagsspaziergänger an den vier Friedhöfen orientieren ("Montmartre im Norden, Père-Lachaise im Osten, Passy im Westen und Montparnasse im Süden").

Die Geschichte: ein zufälliges Tête-à-Tête. Cecilia, eine mexikanische Studentin, und Claudio, ein kubanischer Lektor auf Reisen, treffen sich auf den königlichen Terrassen des Jardin du Luxembourg. Es folgen Gespräche über den Romantiker Honoré de Balzac. Ein Abschied am Grab des Dichters César Vallejo. Ein Wiedersehen in New York. Und damit könnte eine durchschnittliche Schmonzette zweier Elfenbeinturmbewohner auch schon enden.

Aber Nettels Roman ist nicht das, wonach er aussieht; denn die Klischees wirken wie Fremdkörper - dieses Buch ist kein Liebeslied, Liebe beschränkt sich hier auf ein paar Briefwechsel über den Atlantik. Sie ist eine "Wunschvorstellung", sagt Claudio, die sich nur als "Reihe von Abmachungen, Komplizenschaft, gemeinsames Vergnügen" realisieren lasse. Hinter der Oberfläche von Paris und New York werden dagegen Strukturen strikt getrennter Lebenswelten sichtbar.

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Guadalupe Nettel:
Nach dem Winter

Carola Fischer

Karl Blessing Verlag; 352 Seiten, 22 Euro

Cecilia wohnt an der Grenze zwischen XI. und XX. Arrondissement. Auf der einen Straßenseite: Bars und Nobelrestaurants. Auf der anderen: das kulturell durchmischte Arbeiterviertel von Belleville. Von ihren Nachbarn hört sie nur Atemgeräusche - noch. Claudio wohnt in einem Hinterhaus von Manhattan, das einzige Fenster misst dreißig mal dreißig Zentimeter, der Blick fällt auf eine Steinmauer. Romantischen Annäherungen sind in so einer Umgebung Grenzen gesetzt. Cecilia und Claudio leben als Fremde in einer von Mauern abgesteckten Isolation, "vor der Welt geschützt", sagt Claudio. Vor der Gefühlswelt ebenso.

Guadalupe Nettel gilt als eine der vielversprechendsten mexikanischen Nachwuchsautoren. Ihre drei Romane und mehrere Erzählbände wurden in zehn Sprachen übersetzt. Für "Nach dem Winter" bekam sie 2014 den spanischen Literaturpreis "Premio Herralde". Ihr erster Titel "El huésped" (Der Gast) - eine Geschichte über isolierte Kindheit und Erblindung in Mexico City - wurde in Deutschland trotzdem abgelehnt. Kein Verlag mochte das Exposé, sagt sie beim Interview in einem Berliner Café. "Zu schwarz" für den deutschen Buchmarkt, so lautete die Begründung, sprich: zu pessimistisch. Nun also erscheint zum ersten Mal ein Titel in deutscher Übersetzung - mit einem Unterschied: "Dieses Buch ist noch schwärzer", sagt Nettel.

Und angenehm ist die Lektüre ihres Romans beileibe nicht. Es geht um Menschen, die psychisch verkrüppelt sind, im Verlaufe des Romans gibt es mehrere Tote, Traumata werden sichtbar. Es sind pathologische Untersuchungen, die in jeder Hinsicht reizen. Nettel versteht es geschickt, mit Raum und den Perspektiven der Figuren zu spielen. Die beiden Protagonisten lässt sie aus Ich-Perspektive im Wechsel aneinander vorbei erzählen. Claudio und Cecilia kommen sich nie wirklich nah.

Prototyp einer "salad bowl"

Den Leser dagegen lassen die wechselnden Monologe umso tiefer in den Schambereich der Hausmauern vordringen. Claudios Wohnung ist Tabuzone. Selbst beim Telefonieren flüstert er. Dadurch werden die leisen Zeichen des menschlichen Verfalls wahrnehmbar: Durch die Wände dringen schleppende Fußtritte, das Atmen der Nachbarn. "Literatur sollte schwierige Dinge behandeln", sagt Nettel. "Sie ist nicht dazu da, uns zu unterhalten."

Nettel hat selbst für ihr Studium mehrere Jahre in Paris gewohnt. "Das Gefühl von Isolation habe ich miterlebt", sagt sie. "In Mexiko hat niemanden interessiert, wo ich herkomme. In Paris wurde das zur Identitätsfrage." Noch als angehende Schriftstellerin war Nettel Anhängerin einer art pour l'art. "Kunst und Literatur sollten nur Kunst und Literatur sein", kommentierte sie ihren ersten Titel. ´

Mit "Nach dem Winter" hat sich das geändert. Mit ihrem Roman gelingt es ihr, kulturelle Konflikte, und diesen - wie sie sagt - "Mechanismus der Andersartigkeit" auf einer tieferen Ebene auszuloten. Die Geschichte isolierter Lebenswelten funktioniert nirgends so gut wie in New York, die bei Nettel als "salad bowl" kulturelle Identitäten in abgeschlossenen Wohncontainern nebeneinander parkt.

Wirklich zugehörig ist hier niemand, Berührungspunkte gibt es nur am Friedhof. An den Gräbern der Künstler Paul Gustave Doré und Yves Montand, die auch allesamt "in Paris verrückt geworden oder vor Traurigkeit gestorben" seien, zerfließen die Grenzen der Bewohner für einen Moment - auch wenn selbst die körperlosen Seelen der Künstler bei Nettel in Form von rechteckigen Nischen und Blumenarrangements ihr festes Platzlimit auf dem Friedhof von Montparnasse haben.

Für die Protagonisten werden die Grabstätten zu einem eigentümlich versöhnlichen Ort der Sehnsucht. Der Lebenstraum von Cecilias unheilbar krankem Freund Tom: eine Urne in Paris als letzte Heimatstätte. Am Ende erfasst den Leser selbst eine seltsam nüchterne Gelassenheit. Oder, wie Nettel es im Interview formuliert: "Demut": "Wir müssen akzeptieren, dass wir alle Außenseiter sind." 'Misfits', die nicht in diese Gesellschaft hineinpassen.

Und auch die Figuren entwickeln im Verlaufe des Romans eine schicksalsergebene Zuversicht. So sagt es Nettel im Gespräch: "Glücklich sein können, trotz des Schmerzes und der Gewissheit, dass das Leben im Grunde Unmöglichkeit und Schmerz ist."

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silberkoenigin 26.06.2018
1. die ewigen Wälzer
Ich lese lieber Kurzgeschichten zurzeit Kadir s Amulett von Angel Chen Da geht es um einen Flüchtling der mit seiner Tochter hierher kommt aus dem Krieg und am Tag ihrer Einschulung verschwindet das Mädchen spurlos. Das ist spannend.
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