Neues Buch über Migration Gefährliches Hirngespinst

"Bald ein Viertel der europäischen Bevölkerung Afrikaner?": Stephen Smiths Thesen zur Migration werden von vielen Politikern gefeiert und zitiert. Dabei stimmen seine Fakten teils nicht, und seine Rhetorik ist manipulativ.

Afrikanische Flüchtlinge
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Afrikanische Flüchtlinge

Von Joël Glasman


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    Joël Glasman promovierte in Leipzig und Paris. Der Historiker forscht heute an der Universität Bayreuth zur politischen Geschichte West- und Zentralafrikas.

Selbst der französische Präsident Emmanuel Macron meinte, in Stephen Smiths Buch eine "großartige Beschreibung" der Migration aus Afrika finden zu können. Nicht nur wurde Smiths Buch vielerorts zitiert und ausgezeichnet, es wurde sogar in den höchsten Sphären der Macht rezipiert. Diesem Lob konnten sich nicht alle anschließen.

Im vergangenen Juni forderten 500 Wissenschaftler einen "rationalen, realistischen und wissenschaftlich fundierten" Umgang mit dem Thema Migration. Einer der Auslöser war das nun in deutscher Übersetzung vorliegende Buch von Stephen Smith, das trotz - oder vielleicht wegen - der verzerrten Darstellung von Fakten einen großen Erfolg in den Medien feiern konnte.

Smith vertritt die These, das schnelle Bevölkerungswachstum in Afrika werde eine Migrationswelle nach Europa hervorrufen. Innerhalb der nächsten 30 Jahre, so prophezeit er, werden Afrikaner einen wesentlichen Anteil der Bevölkerung Europas ausmachen - Smith spricht von 25 Prozent der Einwohner Europas. Man solle sich besser schon jetzt auf einen regelrechten "Ansturm auf Europa" vorbereiten, denn der sei nicht zu vermeiden: "Das junge Afrika macht sich unerbittlich auf den Weg in den alten Kontinent", schreibt er.

Politische Thesen, die eher rhetorische Strategien sind

Smith legt Wert darauf, dass seine Thesen wissenschaftlich erscheinen. Der Journalist, der auch an der Duke University in den USA lehrt, hat sein Buch mit 157 Fußnoten und einer Vielzahl an Statistiken geschmückt. Ihm gehe es nur darum, objektiv und nüchtern zu informieren und "ein Fundament von Fakten zu liefern". Doch ist sein Buch weit von einer wissenschaftlichen Darstellung entfernt. Vielmehr verkauft Smith hier eine politische These, die er geschickt durch vier rhetorische Strategien als wissenschaftliche Erkenntnis tarnt.

Stephen Smith
e.fT

Stephen Smith

Die erste rhetorische Strategie: Zahlen anführen. Viele Zahlen. Zahlen imponieren, wirken seriös und werden zudem gerne zitiert. Das Problem: Die Zahlen stimmen nach Meinung von Experten nicht immer. Smith, der immer wieder auf die prädiktive Macht der Bevölkerungswissenschaft pocht, nimmt die Arbeit der Bevölkerungswissenschaftler jedoch selbst nicht so genau. In 30 Jahren, schreibt Smith, sollen Afrikaner bis "ein Viertel", vielleicht aber sogar "ein Drittel", der Bevölkerung Europas stellen. Dabei gibt es solide Forschung dazu: Aufgrund der aktuellen Datensätze schätzt der Migrationsforscher Francois Héran, Professor am Collège de France, dass "Subsahara-Afrikaner" höchstens drei bis vier Prozent der europäischen Bevölkerung ausmachen werden. Von Smiths Zahlen ist man hier sehr weit entfernt.

Seine zweite Strategie: Möglichst viele renommierte Wissenschaftler zitieren. Smith versucht den Leser mit einem ständigen Namedropping zu beeindrucken: Gerne zitiert er prestigeträchtige Namen aus der Philosophie (Hannah Arendt), aus der Sozialwissenschaft (Achille Mbembe) und sogar aus den Postcolonial Studies (Edward Said). Problematisch ist aber, dass er viele Autoren für genau das Gegenteil von dem anführt, was sie eigentlich schrieben. Einige der Zitierten wehren sich vehement: Jean Francois Bayart etwa nannte Smiths Buch ein "statistisches Hirngespinst und politische Manipulation". Andere können sich nur in ihrem Grabe umdrehen. Erst in der zweiten Hälfte des Buches wird deutlich, dass sich Smith weniger bei Philosophen inspirieren ließ, als bei weniger prestigeträchtigen Quellen. Afrikanische Autokraten etwa zitiert er gerne (die Drohung von Muammar al-Gaddafi, dass "Europa morgen nicht mehr europäisch sein" würde). Schriftsteller aus der rechtsradikalen französischen Tradition werden auch gern miteinbezogen (Maurice Barrès, Jean Raspail).

Die Willkommenskultur scheint längst vergessen: Die Kanzlerin verschärft ihre Asylpolitik - und kaum einer guckt wirklich hin. Warum ist das so? Warum lernen wir nicht aus früheren Krisen? Fragen an Migrationsforscher Jochen Oltmer.

Smiths dritte rhetorische Strategie: Die Verknüpfung zweier Sachverhalte - das demografische Wachstum Afrikas einerseits, und die Migration nach Europa andererseits. Smiths Aussage zum ersten Sachverhalt stimmt und ist längst bekannt und dokumentiert: Die Bevölkerung Afrikas wächst, und sie wächst sehr schnell. Laut den Statistikern der UNO soll die Bevölkerung des Afrikas südlich der Sahara von 970 Millionen auf 2,2 Milliarden im Jahre 2050 anwachsen. Smiths Behauptung zum zweiten Sachverhalt ist indes haltlos. Denn dieses Wachstum wird keineswegs einen rasanten Anstieg der Migration nach Europa nach sich ziehen. Was sagen die Statistiker? Zunächst, dass Afrikaner nicht mehr, sondern eher weniger als die Bewohner anderer Kontinente migrieren. Obwohl Afrika 16 Prozent der Weltbevölkerung aufweist, bringt der Kontinent nur 14 Prozent der Migranten hervor. Der Grund: Armut verhindert Mobilität.

Smiths vierter rhetorischer Trick: Er setzt geschickt Metaphern ein, um die haltlose Behauptung über die massenweise Migration nach Europa kausal mit der wissenschaftlich fundierten Annahme eines starken Bevölkerungswachstums zu verknüpfen. Zunächst bedient er sich bei dem Vokabular der Hydrologie: Afrika wird als "Ozean des Elends" beschrieben, der eine "gewaltigen Migrationswelle" produzieren soll. Migranten werden "aus den Dörfern in die Städte gespült", während die "nächste Flutwelle der Süd-Nord-Migration, die nun von den weniger entwickelten Regionen ausgehend um den Globus schwappt".

"Die Migration aus Afrika ähnelt einem Springbrunnen mit mehreren überlaufenden Becken" schreibt Smith. Es scheint, als diene der ständige Vergleich der Migration mit "Strömen" und "Flutwellen" vor allem dem Ziel, beim Leser das Gefühl des Ertrinkens auszulösen. Dies ist eine gängige Praxis in Texten über Migration: Die Metaphorik aus dem Bereich der Naturkatastrophen vermitteln einen Eindruck von Unvermeidbarkeit. Es gebe ja schließlich "keine Lösung". Doch bei Smith erfüllt die Hydrologie auch einen anderen Zweck: Seine gesamte These beruht darauf, dass Migration rein mechanisch nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren funktioniert. Das Pochen auf Vokabeln wie "Bevölkerungsdruck" und "Menschenleere" ersetzt somit die fehlende Empirie.

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Das junge Afrika auf dem Weg zum alten Kontinent

übersetzt von Andreas Rostek und Dagmar Engel

edition.fotoTAPETA; 244 Seiten; 17,50 Euro

Smith hat Recht, wenn er sagt, dass die Bevölkerung Afrikas sehr schnell wächst. 2050 wird einer von fünf Menschen auf der Erde Afrikaner sein. Der Rest seines Arguments ist gefährliches Hirngespinst. Die afrikanische Mobilität ist kein Sonderfall, sondern sollte mit den üblichen Mittel der Mobilitäts- und Migrationsforschung beobachtet und diskutiert werden: rational, realistisch und wissenschaftlich fundiert.



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dasfred 22.10.2018
1. Jedem Land seinen Sarrazin
Ein Buch für Menschen, die nach Bestätigung ihrer zusammenfantasierten Ängste suchen. Da begrüße ich sehr, wie dieses Buch hier zerlegt wurde. Die Leichtgläubigkeit in der Gesellschaft braucht einen fundierten Gegenpart.
stagama1 22.10.2018
2. Keine Widerlegung seiner Thesen
Der gesamt Artikel kritisiert eher den Stil seines Buches. Die Fakten sehe ich absolut nicht widerlegt. Da hätte sich der Autor ein wenig mehr Mühe geben müssen, um mit Fakten zu antworten. Ein netter, aber leicht zu durchschauender Versuch das Buch ins falsche Licht/Ecke zur rücken..
Dengar 22.10.2018
3. Und wenn Smith doch recht hat?
Bisher hat keine der UN-Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung der Realität standgehalten, sondern musste fortwährend korrigiert werden - und zwar nach oben. Die aktuell 11,2 Milliarden zum Ende des Jahrhunderts gehen ja optimistisch (zu optimistisch mE) von sinkenden Geburtenzahlen aus und dürften demnächt wieder korrigiert werden - und wieder nach oben. Kommt dann noch der im Dezember 2018 zu beschließende Migrationspakt hinzu, der ua. auch den Geldtransfer aus den wohlhabenden Staaten in die armen erleichtern soll, werden sich eine ganze Menge mehr Menschen auf den Weg machen (können), als man sich das heute noch vorstellen mag. Nach der Gallupstudie von 2016 tragen sich 710 Millionen Menschen weltweit mit Auswanderungswünschen, davon immerhin 39 Millionen nach godd ol' Germany. Augen zukneifen wird nicht helfen, das Problem sollte ganz oben auf der Tagesordnung stehen, und statt Wanderungen zu erleichtern, gehört der Geburtenkontrolle die oberste Priorität eingeräumt. Eine Uno, die auf diesem Gebiet so eklatant versagt, brauchen wir jedenfalls nicht. https://news.gallup.com/poll/211883/number-potential-migrants-worldwide-tops-700-million.aspx
hansa_vor 22.10.2018
4. Liest sich gut.
Könnte auch ein beliebiges Buch von Herrn Dietz sein. Eigentlich ganz auf SPON Linie.
eulenspiegel2k17 22.10.2018
5. Schade
Ich hätte mir eine fundierte Gegenantwort gewünscht. Stattdessen wurde das Buch mit ohne stichhaltigen Argumente niedergemacht. Also, wieviele Menschen leben in Europa insgesamt, wieviele mit afrikanischem Hintergrund und wie sehen die gegenwärtigen Veränderungen aus. Und schon könnte man als Leser die Diskussion einordnen. Das kann doch nicht so schwer sein.
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