Nachkriegsliteratur Günter Grass kritisiert "revanchistischen Unterton"

Während sich sein neues Buch "Im Krebsgang" offenbar zum Verkaufsschlager entwickelt, beklagt Günter Grass die Versäumnisse der deutschen Nachkriegsliteratur. Die Schriftsteller hätten die Leiden der deutschen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg frühzeitiger aufgreifen müssen.


Autor Grass: "Ich schließe mich da nicht aus"
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Autor Grass: "Ich schließe mich da nicht aus"



Hamburg - Die Themen Flucht und Ausweisung aus den früheren deutschen Ostgebieten seien in der DDR tabuisiert und im Westen einzig den Vertriebenenverbänden überlassen worden, oft mit revanchistischem Unterton, kritisierte Grass am Dienstag in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. "Das ist ein Versäumnis der Literatur gewesen, ich schließe mich da nicht aus," sagte Grass.

In seinem neuen Buch, das an diesem Mittwoch bundesweit in die Buchhandlungen kommt, greift Grass die Versenkung des deutschen Passagierschiffes "Wilhelm Gustloff" am 30. Januar 1945 durch ein russisches U-Boot in der Ostsee auf. Etwa 9000 Menschen starben, darunter viele Zivilisten, aber auch Soldaten, die an Bord waren. Grass kritisierte, dass in ersten Rezensionen über das Versenken eines ausschließlichen "Flüchtlingsschiffs" berichtet werde.




Deutsches KdF-Schiff "Wilhelm Gustloff": Flüchtlinge neben Flakgeschützen
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Deutsches KdF-Schiff "Wilhelm Gustloff": Flüchtlinge neben Flakgeschützen

Dabei mache die Novelle klar, dass die Gustloff außer Flüchtlingen auch über tausend U-Boot-Rekruten, Soldaten und 370 Marinehelferinnen an Bord und zudem Flakgeschütz montiert gehabt habe. "Es ist die Verantwortung von Großadmiral Dönitz gewesen, ein so gemischt belegtes Schiff auf die Reise zu schicken."

Grass geht es auch um eine erweiterte Perspektive des Weltkriegsgeschehens im Ausland. "In Polen hat das schon angefangen, und wir sollten heute offener darüber reden, aber bitte nicht durch Aufrechnen. Es darf nicht vergessen werden, dass wir Deutsche zuallererst das Unrecht in die Welt gesetzt haben. Mit Vertreibungen, mit Totschlag, mit Konzentrationslagern, mit millionenfachem Mord. Dann ist dieses Unrecht rückläufig geworden, auf uns zurückgekommen."

"Im Krebsgang" stößt auf erhebliches Leserinteresse. Es gebe eine große Nachfrage, hieß es bei einer Umfrage der dpa am Dienstag übereinstimmend in führenden Großstadt-Buchhandlungen. Bei der Hamburger Thalia-Buchhandlungskette ging die Zahl der georderten Exemplare in die Tausend, Düsseldorfs größte Buchhandlung bestellte "mehrere hundert Exemplare". Das seien deutlich mehr als sonst bei Literatur, aber natürlich weniger als bei Harry Potter, sagte eine Mitarbeiterin. Viele Kunden hätten das Buch vorbestellt.



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