Zum Tode Yoram Kaniuks Dem Erinnern eine Sprache gegeben

"Grauen und Gelächter": Immer wieder fand Yoram Kaniuk ungewöhnliche Tonlagen, um über das deutsch-jüdische und das deutsch-israelische Verhältnis zu schreiben. So wurde er zu einem der wichtigsten Schriftsteller des Landes - und auch für junge Israelis zum Vorbild.

Ein Nachruf von Joachim Schlör

Schriftsteller Yoram Kaniuk: Neubeginn und Fortleben zusammengedacht
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Schriftsteller Yoram Kaniuk: Neubeginn und Fortleben zusammengedacht


Yoram Kaniuk ist gestorben. Der israelische Schriftsteller, Jahrgang 1930, erlag in seiner Geburtsstadt Tel Aviv einer Krebserkrankung, an der er vor einigen Jahren schon einmal beinahe gestorben wäre - die damalige wundersame Heilung und der daran anschließende überraschende Riesenerfolg des letzten Buchs, "1948", hätten wohl aus einem seiner wunderlichen Romane stammen können.

Obwohl beide Eltern aus dem östlichen Europa kamen, fühlte sich Yoram Kaniuk als Kind der deutsch-jüdischen Kultur, dem Leben der 'Jeckes' in Israel näher verbunden als dem israelischen Sabra-Kult der im Lande Geborenen und erfand sich selbst eine Zeugung "zwischen Heidelberg und Buchenwald" und eine Geburt in Berlin. Der Vater, Moshe Kaniuk, war Mitarbeiter von Karl Schwarz am Jüdischen Museum in Berlin, das ausgerechnet am 24. Januar 1933 eröffnet wurde. Zusammen mit Schwarz kam er bald darauf nach Tel Aviv, um das erste Kunstmuseum der Stadt im Haus des langjährige Bürgermeisters Meir Dizengoff aufzubauen. So wurde die Kunst zur ersten Konstante in Yorams Leben - die zweite war der Krieg.

Als junger Mann schon Mitglied der Elitetruppe Palmach, begegnete Kaniuk auf den Schiffen, die von Europa her, und gegen den Willen der Mandatsmacht Großbritannien, Überlebende des Holocaust nach Palästina brachten, seinem späteren Lebensthema: Der Entstehung Israels aus dem Zusammentreffen der vermeintlich Starken mit den vermeintlich Schwachen, aus dem Ineinander der Geschichten und Erzählungen vom Neubeginn und vom Fortleben der Vergangenheit.

Die Traumata der Überlebenden

Es sollte allerdings einige Jahre dauern, bis er diese Themen in seinen Büchern verarbeitete - etwa in einer Biographie von Jossi Harel, dem Kommandanten der "Exodus". Zunächst verließ er Israel bald nach der Staatsgründung, ein "Absteiger" in den Augen mancher Kritiker, und verbrachte fruchtbare Jahre als Maler und Freund bekannter Jazzmusiker, darunter Charlie Parker, in New York (geschildert im Erinnerungsbuch 'My Way"). Nach seiner Rückkehr engagierte sich Yoram Kaniuk so intensiv wie letzten Endes - zumindest in seiner Sicht - vergeblich für den Friedensprozess im Nahen Osten und für eine Zusammenarbeit zwischen israelischen und palästinensischen Künstlern und Schriftstellern, im Dialog mit Emile Habibi veröffentlichte er "Das zweifach verheißene Land".

Zugleich, und immer stärker, trat die Erinnerung an den Holocaust - und damit auch die Beziehung zu Deutschland, zur deutschen Kultur und Literatur - ins Zentrum seines Schaffens. Mit dem Buch "Adam Hundesohn" (1968) gelang es ihm, das lange tabuisierte Thema der Leiden und Traumata von Überlebenden der Shoa nach Israel zu bringen. Ein KZ-Häftling lebt "wie ein Hund", nein: als Hund beim Kommandanten des Lagers - und überlebt. In einer Wüsten-Heilanstalt ist Adam Hundesohn der König der Irren, und die Kritik hat vor allem die Mischung aus "Grauen und Gelächter" hervorgehoben, die den Roman auszeichnete und die es erst möglich machte, die Erfahrungen von Überlebenden hörbar zu machen.

Ähnlich ist die Konstellation in "Der letzte Jude", dessen trauriger Held ein Gedächtniskünstler ist, der in Varietés auftritt - er hat die Gedächtnisse und die Erinnerungen aller seiner im KZ verstorbenen Freunde im wahrsten Sinne des Wortes auf sich genommen. In diesem Roman kommt auch der deutsche Schriftsteller Heinrich Böll vor, als Besucher in Israel, der nicht recht weiß, wie er sich verhalten soll. So rückt Deutschland immer näher an Kaniuk heran, besonders berührend im Roman "Das Glück im Exil", der dem Gedächtnis seiner Mutter gewidmet ist und bei seinem Erscheinen vor allem als Berlin-Roman gewürdigt wurde, der nur außerhalb von Berlin entstehen konnte.

Die ganze Palette möglicher Peinlichkeiten

Besonders lustig, und es gibt keinen Ersatz für das unpassende Wort, wird das Verhältnis zu Deutschland, die Begegnung (oder, mit Buber gesprochen: Vergegnung) mit Deutschland in "Der letzte Berliner" geschildert. Ausgangspunkt für diese Sammlung von Erfahrungen eines Israelis in Deutschland war wohl das während des Golf-Krieges 1991 von der "Zeit" veranstalte Gespräch - das eben kein Gespräch, kein Dialog werden konnte und wollte - mit Günter Grass. Der hat inzwischen noch einiges über Israel gesagt, was Kaniuk wohl damals schon schwante; er meinte, an Stelle der beiden hätten besser ihre Großväter am Tisch sitzen sollen.

Die zentrale Geschichte in "Der letzte Berliner" handelt von einem Gustav Vierundzwanzig, Sohn einer Familie von Walfängern aus dem Schwarzwald. Er erlebt Berlin an einem Tag 1939 so intensiv, dass es ihm gelingt, diese ganze Stadt mit ihren Straßen und Häusern, mit ihren Gerüchen und Wortfetzen, komplett in der Erinnerung mitzunehmen und, schon in Israel, an seinen Enkel Uri weiterzugeben. Als Uri nach Berlin kommt, lange nach Krieg und Holocaust, schaut er die veränderte Stadt aus der Perspektive dieser Erinnerung an. Kaniuk hat aus diesem Romankern keinen ganzen Roman gemacht, sondern ihm Vignetten zur Seite gestellt, Szenen aus Zügen und Theatern, von Lesungen und privaten Essen, bei denen die ganze Palette möglicher Peinlichkeiten im deutsch-jüdischen und deutsch-israelischen Verhältnis mit großem Genuss vorgeführt wurde.

"Ohne Religion"

Kein Wunder, war das Buch gar kein Erfolg in Deutschland und ein sehr großer Erfolg in Israel. Überhaupt wurde Kaniuk in seinem Land, in seiner Stadt Tel Aviv wieder viel aufmerksamer wahrgenommen. Er ließ sich von seinem Freund Shlomo Shva in religiösen Dingen, vor allem im Chassidismus, unterrichten, aus reiner Lust am Dazulernen. Er hielt wenn nicht Hof, so doch Besuchstunde im Café Tamar, er erlebte Großvaterfreuden und wurde bei Besuchen in Deutschland mit Schnitzel und Kartoffelsalat versorgt.

Dann kam der Krebs, die Operation, das Beinahe-tot-sein, noch ein Buch, das diese Erfahrung verarbeitete, eine regelrechte Wiederauferstehung in Texten und Blogs zu den unterschiedlichsten Themen, dazu das Gefühl: Gefragt zu sein, vor allem von den Jungen. Die waren besonders beeindruckt, als es ihm als erstem und einzigem Israeli gelang, eine Gerichtsentscheidung herbeizuführen, derzufolge in seinem Pass nicht "jüdisch", sondern "ohne Religion" stehen sollte: "Ich liebe Israel und auch die jüdische Kultur und möchte ein Teil davon sein. Ich will nur nicht gezwungen werden, das in einer ganz bestimmten Art und Weise zu tun."

Seine Weise war, alles in allem, die Arbeit mit und an der Erinnerung. "1948" berichtet von der Geschichte des Krieges um Unabhängigkeit, das Buch stellt aber auch eine Rückkehr zu Kaniuks eigener Jugend dar, es wurde mit dem wichtigsten israelischen Literaturpreis ausgezeichnet, es hat, was keiner mehr für wahrscheinlich gehalten hätte, eine Art Kreis im Leben und im Schaffen dieses wunderbaren, kämpferischen und zarten Mannes geschlossen, der am Samstag, im Alter von 83 Jahren, in Tel Aviv gestorben ist.

Dr. Joachim Schlör ist Professor für Modern Jewish/non-Jewish Relations an der Universität von Southampton, England. Von ihm erschien u.a. das Buch "Tel Aviv. Vom Traum zur Stadt".

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insgesamt 4 Beiträge
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gafreisberg 09.06.2013
1.
Ja, leider gibt es viel zu wenige von seiner art!
durden_tyler 10.06.2013
2. seiner Zeit voraus
Yoram Kaniuk war seiner Zeit voraus - Versöhnung mit den Nachbarn, Distanz zur Religion. Requiescat in pace.
Fischer Tom 11.06.2013
3.
Hallo Spiegel und Dr. Schlör, Danke für den wunderbaren Nachruf. Yoram Kaniuk hat immer auf irgendeine Weise meine Seele angesprochen. Zufall, dass ein deutsches Magazin einen solchen Nachruf bringt ? Hier in New York wurde sein Tod noch nicht vermeldet, die NY Times hat jedenfalls nichts berichtet. Wohl ganz in seinem Sinne ? Immerhin sind mehr Bücher von Ihm in Deutscher Sprache erschienen, als in Englisch, glaube ich.
schloer 05.08.2013
4.
Zitat von Fischer TomHallo Spiegel und Dr. Schlör, Danke für den wunderbaren Nachruf. Yoram Kaniuk hat immer auf irgendeine Weise meine Seele angesprochen. Zufall, dass ein deutsches Magazin einen solchen Nachruf bringt ? Hier in New York wurde sein Tod noch nicht vermeldet, die NY Times hat jedenfalls nichts berichtet. Wohl ganz in seinem Sinne ? Immerhin sind mehr Bücher von Ihm in Deutscher Sprache erschienen, als in Englisch, glaube ich.
Lieber Tom Fischer, danke für Ihre Nachricht. Ich war mit Yoram Kaniuk persönlich verbunden, wie einige andere Nachruf-Autoren auch, etwa Christian Buckardt (Jüdische Allgemeine, Jüdische Allgemeine / KULTUR / Nachruf - Radikal subjektiv (http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/16170)). Leider gab es wohl solche Beziehungen in den USA (oder auch in Grossbritannien) nicht mehr. Es stimmt wohl, dass in Deutschland mehr erschienen ist als anderswo, außer Israel. Mich interessieren Ihre Ansichten, auch zum Thema Sprache, schreiben Sie mir doch bitte, bei Interesse, an meine berufliche E-Mail an der University of Southampton. Beste Grüße, Ihr Joachim Schlör
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