Zum Tode Iain Banks': Science-Fiction als positive Utopie

Ein Nachruf von

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Corbis

Iain Banks (hier 2001): Bezeichnende Wunschträume

Bestsellerautor von Science-Fiction-Romanen und Verfasser gesellschaftskritischer Gegenwartsliteratur: Der schottische Schriftsteller Iain Banks verstand es meisterlich, in Alternativen zu denken - er sah seine Bücher auch als Gegenmodell zu düsteren Zukunftsentwürfen.

In einem Interview mit dem "Independent" erzählte Iain Banks 2009, er habe zwei Wunschträume. "In dem ersten sagt jemand zu mir: 'Glückwunsch, Mr. Banks, Sie haben den Pulitzer-Preis gewonnen. In dem anderen sagt jemand: 'Bitte heißen Sie den Dirigenten, Mr. Banks, zu den Proms willkommen.'"

Diese Wunschträume sind gleich doppelt bezeichnend für Banks. Zum einen spiegeln sie die uneitle Art wider, die Banks bei seinen öffentlichen Auftritten an den Tag legte. Zwar hatte er zum Zeitpunkt des Interviews schon Millionen von Büchern verkauft und war von der "Times" zu einem der besten Schriftsteller Großbritanniens nach 1945 gewählt worden. Doch dass ihm ein großer, prestigeträchtiger Preis wie der Pulitzer noch schmeicheln würde, dazu konnte Banks unumwunden stehen.

Vielleicht ist aber noch wichtiger, dass Banks gleich zwei Wunschträume aufzählte. Wie bei kaum einem Autor sonst bestimmten nämlich Dopplungen und Dualitäten sein literarisches Schaffen.

Die Zukunft muss uns nicht töten

Gleich mit seinem Debütroman "Die Wespenfabrik" (1984) etablierte sich Banks als einzigartige Stimme der britischen Literatur. In dem grotesk-düsteren Werk manipulierte er meisterlich die Erwartungen der Leser, die sich das Buch über abmühten, eine eindeutige Haltung zu dem verstörend brutalen Ich-Erzähler zu entwickeln, nur um am Ende aller Sicherheiten beraubt zu werden.

Mit welcher Konsequenz Banks das Spiel mit den Identitäten betrieb, wurde 1987 vollends deutlich, als er nach zwei weiteren "Mainstream"-Romanen, wie er sie nannte, überraschend sein erstes Science-Fiction-Werk "Bedenke Phlebas" vorlegte. Fortan unter dem zweiten Autorennamen Iain M. Banks schreibend, wurde Banks fast noch mehr Anerkennung für seine Science-Fiction zuteil.

Diese stellte in sich ebenfalls eine Abspaltung dar, denn Banks entwarf mit der "Kultur" eine Utopie im wahrsten Sinne des Wortes - einen schönen Ort, aber auch einen, den es nicht gibt. "Ich habe als Reaktion auf den ganzen düsteren Kram angefangen zu schreiben", erklärte er dazu. "Ich fand, dass dystopische Entwürfe der Zukunft überrepräsentiert waren. Niemand sagte, dass die Zukunft uns vielleicht nicht töten würde. Sie könnte ein Riesenspaß sein. Kann sein, dass das kindisch ist. Wunschdenken und Vorgaukeln machen für mich einen großen Teil von Science-Fiction aus."

Britisch oder schottisch?

Zwei Genres, zwei Autorennamen - mit dieser Konstellation lebte Banks nicht zuletzt auch ein Leitmotiv der schottischen Literatur aus: die Persönlichkeitspaltung, die Robert Louis Stevenson in "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde" verewigt hatte und die ein Echo des zerrissenen Selbstverständnisses Schottlands darstellt, das einerseits so stolz auf seine Errungenschaften ist, sich andererseits aber deren Marginalität vollauf bewusst ist.

Im Licht auch den Schatten aufspüren, im Schrecken den Humor freilegen: Banks war ein Meister darin, sich von Konventionen zu machen und in Alternativen zu denken - auch politisch. Als Kind habe er seine Eltern mit der Mitteilung geschockt, er würde sich mehr britisch als schottisch fühlen, erzählte er 2011 dem "Guardian". Unter dem Eindruck der Thatcher-Jahre, aber auch dem Wandel von Labour unter Tony Blair, wandte sich der überzeugte Linke jedoch mehr und mehr den schottischen Nationalisten von der SNP zu und sprach sich zuletzt ausdrücklich für ein unabhängiges Schottland innerhalb Europas aus. Wobei er sich auch hier eine Alternative offenhielt: "Ich würde ein sozialistisches Vereinigtes Königreich noch immer einem unabhängigen Schottland opfern - aber nun ja, das wird wohl nicht passieren."

Als Banks im April 2013 verkündete, dass er unheilbar an Krebs erkrankt sei, schrieb seine schottische Schriftstellerkollegin Val McDermid, das einzig Gute an der Nachricht sei, dass man ihn nun rechtzeitig wissen lassen könnte, wie viel er einem bedeute. Sie fand dafür folgende Worte: "Wenn Iain die Bühne verlässt, werden die Lichter fahler, die Möglichkeiten weniger und die Aussichten trüber."

Die Möglichkeiten werden weniger - das klingt nach nicht viel, fängt aber auf schönste Weise ein, was der Verlust von Iain Banks bedeutet.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Echt schade
seldon-x 10.06.2013
Falls es nochmal ein space shuttle o.ä. geben sollte, könnte man es Banks zu Ehren ja "Zukunft könnte ein Riesenspaß sein" oder so nennen.
2. leider trifft es immer die Falschen
edelamsee 10.06.2013
Tony Blair wird sich freuen. Der eloquenteste Kritiker seines verbrecherischen Irakkrieges ist nun stumm
3. Ein herber Verlust
spon_2036251 10.06.2013
Dass Spiegel Online einen Nachruf auf Iain Banks veröffentlicht, hat mich überrascht. Vielleicht zeigt es, dass er wirklich eine Ausnahmestellung eingenommen hat. Ähnlich faszinierende, anregende und fesselnde Science Fiction wie von ihm gibt es sonst nur sehr selten.
4. RIP Iain Banks
spon-facebook-1410546936 10.06.2013
Für mich der beste Scifi-Autor der Moderne! Ein neuer Stanislav Lem, der mit technologisch fantastisch durchdachten Geschichten neue Welten erschaffen hat, wie sie nie ein Mensch zuvor gesehen hat!
5. Sehr traurig
gmxmathematicus 10.06.2013
Banks war ein wirklich guter Schriftsteller. Viele seiner Romane haben mich in ihren Bann gezogen, unterhaltsam waren eigentlich alle, die ich bisher gelesen habe. Er wird mir fehlen.
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