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Zum Tode Lutz Schulenburgs: Ein radikaler Optimist

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Nautilus-Verleger Lutz Schulenburg (1953-2013): Bücher für die neue Zeit Zur Großansicht
Ute Schendel

Nautilus-Verleger Lutz Schulenburg (1953-2013): Bücher für die neue Zeit

Er war wie sein Nautilus-Verlag - undogmatisch, radikal, libertär, neugierig. Mit Lutz Schulenburg ist ein Verleger gestorben, der zu einer seltenen Spezies gehörte: Er machte Bücher, weil er die Gesellschaft verändern wollte.

Er habe - kaum hat er seine Gedanken wieder halbwegs ordnen können - gleich vom Bett aus seinem Arzt den Kapitalismus erklärt und die Schwestern nach ihren Arbeitsbedingungen gefragt, schrieb Hanna Mittelstädt, Partnerin und Co-Verlegerin von Lutz Schulenburg, ein paar Tage nach der Hirnblutung und dem Schlaganfall, die ihn während der Leipziger Buchmesse im März ereilten - und an deren Folgen er am 1. Mai unerwartet gestorben ist.

So erinnere ich Lutz Schulenburg auch: Als jemanden, der in jeder Lebenslage, bei jedem Anlass - und der beste Anlass ist natürlich ein gutes Buch, das er selbst verlegt hat - den Anwesenden erklärt, dass die Befreiung des Menschen aus selbst- und fremdverschuldeter Knechtschaft unbedingt angezeigt ist. Klingt nach Nervensäge? War er nicht. Er war ein charmanter, witziger, notorisch langhaariger und zauseliger Freigeist - und ein politischer Verleger im besten Sinne: Einer, der wusste, dass ein linker Verlag auch anderes machen muss, als Bücher zu politischer Ökonomie und linker Programmatik zu veröffentlichen.

Aus dem politischen Aufbruch der späten sechziger Jahre - sein erster Verlag hieß zeittypisch "Materialien, Analysen, Dokumente" - baute er gemeinsam mit Hanna Mittelstädt in den siebziger Jahren ein Programm auf, das gerade nicht programmatisch war. Schriften der Situationisten und Dadaisten fanden sich bei der Edition Nautilus, wie der Verlag später neu benannt wurde, ebenso wie Klassiker der anarchistischen Literatur, Autobiografien von Jacques Mesrine oder Charles Mingus oder die monumentale Durrutti-Biografie des spanischen Anarchisten Abel Paz.

Knapp über dem Sozialhilfesatz

Lutz Schulenburg war selbst Anarchist mit Leib und Seele. Er misstraute jedem Anspruch auf eine zentral organisierte politische Programmatik und jeder - auch linken - Form von politischer Bürokratie - und suchte gerade deshalb nach Bewegungen, Ideen, Projekten, die seiner libertären Vorstellung von Befreiung neue Nahrung geben konnten.

In seinem Verlag erschienen Bewegungsbücher wie die globalisierungskritische Fibel "Wir sind überall", die "Botschaft aus dem lakandonischen Urwald" des zapatistischen Subcomandante Marcos, das postautonome Manifest "Der kommende Aufstand", das 2010 zu einem Überraschungserfolg für den Verlag wurde oder das feministische Manifest "Fleischmarkt" der jungen britischen Bloggerin Laurie Penny. Werke, die darauf verzichten, der Arbeiterklasse oder einer linken Bewegung den Weg weisen zu wollen und sich stattdessen damit auseinandersetzten, wie politische Selbstermächtigung heute funktionieren kann - oder Beispiele dafür gaben.

Seine Leidenschaft galt dem historischen Erbe der anarchistischen Bewegungen - wovon etwa die Werkausgabe von Franz Jung oder die Autobiografien von Emma Goldman oder Errico Malatesta zeugen. Er war immer bereit, seinen kleinen, prekär wirtschaftenden Verlag ins Risiko zu reiten, wenn er überzeugt war, dass ein Buch einen Beitrag zur Emanzipation leistet. Eine solche Verlagsarbeit bedeutete, die Arbeit "um Verkaufserfolge herumorganisieren" zu müssen, wie es die Nautilusse einmal treffend selbst formuliert haben. Als ich Lutz Schulenburg Anfang der Nullerjahre kennenlernte, residierte der Verlag in einer Wohnung an einer öden Fußgängerzone im Hamburger Vorort Bergedorf, in dem er 1953 auch geboren ist. Man hielt sich mit Einheitslöhnen knapp oberhalb des Sozialhilfesatzes und mit dem Verkauf des Geschenk-Dauerbrenners "Dinner for One" über Wasser.

2006 machten Schulenburg und Mittelstädt dann einen Glücksgriff: Sie waren die Einzigen, die sich für das Debüt der Krimiautorin Andrea Maria Schenkel interessierten. Der historische Roman "Tannöd" wurde zum Sensationserfolg für Nautilus und hielt sich wochenlang in den Bestsellerlisten - ebenso wie der Nachfolger "Kalteis". Beide Bücher brachten dem Verlag einen Kassenerfolg, den Schulenburg und Mittelstädt weder angestrebt noch geplant hatten. Er verführte sie auch keinesfalls dazu, die Edition Nautilus in Richtung Bestseller expandieren zu wollen. Stattdessen kauften die Verleger ein ehemaliges Fabrikgebäude in Hamburg-Bahrenfeld - und behandelten ihre Autorinnen und Autoren so egalitär wie eh und je: Statt Fünfsternehotels gab's einen Pennplatz im eigenen Haus, und zum Verlagsempfang belegte das Kollektiv höchstpersönlich die Brote und rührte die Nudelsalate.

Lutz Schulenburg war einer der wenigen sogenannten 68er, die weder mit den einst bekämpften Verhältnissen ihren Frieden - und dann Karriere - gemacht, noch sich verbittert von der Uneinsichtigkeit des Proletariats in eine der vielen linksradikalen Kritikaster-Ecken zurückgezogen haben. Stattdessen suchte er unermüdlich nach neuen sozialen Bewegungen und Ideen von Dissidenz - und nach Autoren, die sie uns erklären.

Von den alten Zeiten geredet hat er wenig. Ganz im Gegenteil: Ihn interessierte ein Leben lang nur die neue Zeit. Er war ein radikaler Optimist: "Kapitalismus abschaffen!" sollte der Titel der kommenden Ausgabe seiner Zeitschrift "Die Aktion" lauten, die er seit 1981 unregelmäßig aber unermüdlich herausbrachte - in der Tradition der anarchistisch-expressionistischen "Aktion", die Franz Pfemfert zwischen 1911 und 1932 verlegte. Nicht dass Lutz Schulenburg der Auffassung gewesen wäre, das Ende des Kapitalismus stünde kurz bevor. Aber er konnte sich eben einfach nicht vorstellen, dass die Menschheit eine so irrsinnige Gesellschaftsformation noch sehr viel länger zu tragen bereit sei. Und er wollte sich keinesfalls nachsagen lassen, er habe als Verleger nicht sein Möglichstes getan, um die geneigte Leserschaft einer neuen, besseren Gesellschaft näherzubringen. Lieber einmal mehr "Kapitalismus abschaffen!" rufen. Lieber ein Manifest zu viel als eins zu wenig. Sein Verlagskollektiv bleibt und wird in seinem Sinne weitermachen. Doch Lutz Schulenburg wird ihm und uns furchtbar fehlen.

Der Autor hat in Schulenburgs Verlag Edition Nautilus die Bücher "Gentrifidingsbums oder Eine Stadt für Alle" und "Hugo Chávez. Eine Biographie" veröffentlicht - und war an zwei weiteren Nautilus-Titeln als Co-Autor bzw. Herausgeber beteiligt.

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