Von Klaus Ehringfeld, Mexiko-Stadt
Carlos Fuentes hatte noch große Pläne. Trotz seiner 83 Jahre und mehr als 20 Bücher betrachtete der mexikanische Schriftsteller sein literarisches Schaffen noch nicht als vollendet. Auf der Buchmesse in Buenos Aires sprach er vor wenigen Tagen von seinem neuen Werk, dessen Manuskript er kürzlich seinem Verleger übergeben hat. "Federico en su balcón" ("Friedrich auf seinem Balkon"). In dem stark autobiografischen Werk lässt Fuentes den deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche auferstehen und verstrickt ihn in Zwiegespräche.
Ein weiteres Manuskript hatte er schon im Kopf. In "El Baile del Centenario" (etwa "Tanz zur Jahrhundertfeier") wollte der Autor sich wieder dem großen Thema widmen, das sich durch sein ganzes Werk zieht: Mexiko, seine Geschichte und sein Nationalismus. Fuentes hatte ein gespaltenes Verhältnis zu seiner Heimat. Am Montag hatte er gerade mit dem Schreiben seines neuen Romans begonnen. Einen Tag später erlitt er unerwartet eine starke innere Blutung, in deren Folge er am Dienstag in einem Krankenhaus in Mexiko-Stadt starb. An diesem Mittwoch soll Fuentes im Palast der Schönen Künste geehrt werden.
Fuentes, der am 11. November 1928 in Panama-Stadt als Sohn eines mexikanischen Diplomaten geboren wurde, strotzte vor Lebens- und Schaffenskraft. Noch immer pendelte er zwischen Mexiko und London, wo er je ein halbes Jahr verbrachte: "Mein Geheimnis der Jugendlichkeit ist es, immer zu arbeiten und ein Projekt zu haben."
Unfähigkeit Mexikos, sich in eine moderne Demokratie zu verwandeln
Fuentes war nicht nur ein Pendler zwischen den Welten, er war auch ein Pendler zwischen den Genres, ein Autor im umfassendsten Sinne. Ein Schriftsteller, der sich immer als ein politischer Schreiber verstand, ein Essayist, ein Kommentator, der bis zuletzt zu aktuellen Themen der Zeitgeschichte Stellung bezog. Vor wenigen Tagen reflektierte er noch die Präsidentenwahl in Frankreich.
Der Schriftsteller, dem die Freie Universität Berlin 2004 die Ehrendoktorwürde verlieh, war eine der einflussreichsten Stimmen in Literatur und Politik Mexikos und Lateinamerikas. Außer dem Kolumbianer Gabriel Garcia Márquez und dem Peruaner Mario Vargas Llosa gehörte Fuentes zu den namhaftesten Schriftstellern, die den "Boom" lateinamerikanischer Literatur vor fast einem halben Jahrhundert begründeten und ihr Weltgeltung verschafften. "Das Werk, das er hinterlässt, ist ein eloquentes Zeugnis aller großen Probleme und kulturellen Wirklichkeiten unserer Zeit", erklärte Vargas Llosa in einem Kondolenzschreiben.
In seinen Hauptwerken "La muerte de Artemio Cruz" (1962, auf Deutsch 1964 "Nichts als das Leben") und "Terra Nostra" (1975, auf Deutsch mit demselben Titel) setzt sich Fuentes mit der Geschichte seines Landes auseinander und der Unfähigkeit Mexikos, sich in eine moderne Demokratie zu verwandeln. In seinen Werken verwob er oft die mexikanische Gegenwart mit der kolonialen und vorkolonialen Historie und versuchte so, das Dilemma von Politik und Gesellschaft zu erklären und zu ergründen.
Kosmopolit mit mexikanischen Wurzeln
Fuentes war ein Linker und ein Kritiker des mexikanischen Nationalismus. In seiner Heimat hat ihm das nicht nur Freunde eingebracht. Viele Mexikaner fremdelten mit dem großen Poeten, der sich auch eher als ein Kosmopolit mit mexikanischen Wurzeln begriff.
1987 wurde Fuentes mit dem Premio Cervantes, dem höchsten Literaturpreis in spanischer Sprache, ausgezeichnet. Es war nur eine von vielen Auszeichnungen, die er über die Jahre erhielt. Anders als seinen beiden Freunden Garcia Márquez und Vargas Llosa wurde Fuentes aber nie der Literaturnobelpreis zuerkannt.
Fuentes hatte eigentlich Jura und Wirtschaft in Mexiko-Stadt und Genf studiert, aber nebenbei schon immer geschrieben. Sein erstes größeres Werk veröffentlichte er mit 26 Jahren. Die Kurzgeschichtensammlung "Los días enmascarados" erschien erst viele Jahre später auf Deutsch unter dem Titel "Verhüllte Tage". Mitte der siebziger Jahre wandelte er kurz auf den Spuren seines Vaters und war kurzfristig Botschafter Mexikos in Paris.
Fuentes Kinder aus zweiter Ehe, Carlos und Natascha, starben im Alter von 25 und 29 Jahren. Fuentes selbst aber wollte bis zuletzt vom Tod nichts wissen: "Mit meiner Frau, meinen Büchern, meinen Freunden und den Dingen, die ich liebe, habe ich noch genügend Gründe weiterzuleben", sagte er kürzlich.
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