Zum Tode Otfried Preußlers: Der große Hexer

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Otfried Preußler: Heiteres Gemüt im Kampf gegen finstere Mächte Fotos
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Hexen, Zauberer und Pfefferpistolen: In Kinderbüchern wie "Räuber Hotzenplotz" setzte Otfried Preußler die Tradition mündlich überlieferter Sagen und Märchen fort. Mit dem Jugendbuch "Krabat" schuf der große Erzähler eine dunkle Allegorie auf den Nationalsozialismus. Jetzt ist er gestorben.

Zur Arbeit ging Otfried Preußler zu Fuß. Eine Stunde, am frühen Morgen, von seinem Wohnort, dem bayerischen Stephanskirchen bis nach Rosenheim. Dort war Preußler Lehrer, oder, wie er es ausdrückte, Schulmeister. Zwei Dinge hatte er auf seinem Weg immer dabei: Hundekuchen, damit er auf dem Weg nicht gebissen wurde. Und ein Diktiergerät. Mit ihm hat Preußler seine Texte aufgezeichnet. Und dann erst ins Schriftliche übertragen.

Otfried Preußler, der nun im Alter von 89 Jahren gestorben ist, wird der Nachwelt als Schriftsteller in Erinnerung bleiben, dessen Werke eine Kraft und Poesie hatten, wie sie nicht nur im Kinderbuch, sondern auch in den meisten Büchern für Erwachsene ungewöhnlich sind - ein großer Erzähler.

Geboren 1923 im böhmischen Reichenberg, kam Otfried Preußler aus einer Welt, in der Geschichten von einer Generation an die nächste weitergegeben wurden. Mündlich. Noch im hohen Alter erinnerte er sich an seine Großmutter Dora und deren außergewöhnliches Erzähltalent. Die Großmutter war, wie Preußler es einmal formulierte, "eine bescheidene Frau, der es mitunter vor ihrer eigenen Phantasie ein wenig bange geworden sein mag". Ihre Enkelkinder ließ sie glauben, alle Sagen und Märchen, die sie ihnen vortrug, kämen aus einem alten Buch.

Das Buch existierte gar nicht. Doch Otfried Preußler hatte so das Fabulieren gelernt.

Bratwurst mit Sauerkraut

Eine den böhmischen Hausmärchen entlehnte Figur war es dann auch, die ihn 1956 bekannt machte: "Der kleine Wassermann". "Kinder fürchten sich vorm Wassermann", berichtete Preußler später über seine eigenen Töchter, "und dagegen habe ich anerzählt, hab' versucht, ihnen die Angst zu nehmen. Ich bin ja mit dem Wassermann aufgewachsen. Ich hab' als Kind an ihn geglaubt."

Preußlers wundervolle Geschichte des Wassermannjungen mit den grünen Haaren und seines Freundes, des Karpfens Cyprinus, bringt ihm den Deutschen Jugendliteraturpreis ein. 1957 folgt "Die kleine Hexe". 1962 sein berühmtestes Buch: "Der Räuber Hotzenplotz." Preußler braucht dafür nur ein Vierteljahr.

Im "Hotzenplotz", von dem insgesamt drei Bände erscheinen, verdichtet sich Preußlers Talent wie in keinem anderen seiner Kinderbücher. Es wird getragen von starken Charakteren - neben dem Räuber mit seiner Pfefferpistole, die Freunde Kasperl und Seppel, die Großmutter, der Wachtmeister Dimpfelmoser und der unvergessliche Zauberer Petrosilius Zwackelmann. Dazu kommt die lebendige Sprache Preußlers, besonders dann, wenn der Räuber selbst zu Wort kommt. Oder Zwackelmann einen seiner Zaubersprüche sagt: "Des Hutes Besitzer, er stelle sich ein, wo der Hut ist, da soll er auch selber sein!" Dazu eine Vielzahl liebevoller Details - allen voran Großmutters Leibgericht: Bratwurst mit Sauerkraut.

Finstere Mächte

Otfried Preußler verfasste zahlreiche weitere Kinderbücher, "Die Abenteuer des starken Wanja", "Das kleine Gespenst", "Hörbe mit dem großen Hut". Insgesamt 32 Titel, in 55 Sprachen übersetzt, vielfach preisgekrönt und weltweit mehr als 50 Millionen Mal verkauft. Sein größtes Werk aber neben dem "Räuber Hotzenplotz" war das 1971 erschienene Jugendbuch "Krabat". Die Geschichte eines Waisenjungen, angesiedelt in einer Mühle, die sich als Schule schwarzer Magie erweist.

Preußler, der sich selbst einmal leicht ironisch als "Abiturient mit Kriegserfahrung" bezeichnet hat, war Wehrmachtssoldat im Zweiten Weltkrieg, danach "fünf Jahre Zwangsarbeiter beim alten Stalin". Über Krieg und Nationalsozialismus hat er später öffentlich kaum gesprochen. Doch "Krabat" lässt sich auch als Allegorie lesen über die Verstrickungen seiner eigenen Generation in den Nationalsozialismus: "Es ist die Geschichte eines jungen Menschen, der sich mit finsteren Mächten einlässt, von denen er fasziniert ist, bis er erkennt, worauf er sich eingelassen hat. Es ist die Geschichte meiner Generation", sagte Preußler über das Buch.

Er selbst war erst neun, als Hitler an die Macht kam. Und 26, als er aus sowjetischer Gefangenschaft freikam. Seine Familie hatte in der Zwischenzeit ihre Heimat im Sudetenland verloren - Kontakt halten konnte Preußler in den Jahren der Gefangenschaft nur über knapp formulierte Postkarten.

In der politisierten Jugendliteratur der siebziger Jahre galt Preußler als Konservativer, der, wie sich Christine Nöstlinger, selbst eine bekannte Jugendbuchautorin, erst kürzlich erinnerte, Tobsuchtsanfälle bekommen konnte, wenn ihm die auf Autorentreffen vorherrschende Gesinnung allzu links erschien - als wäre er selbst so leicht reizbar gewesen wie der Räuber Hotzenplotz. Dann wäre der Wachtmeister Dimpflmoser womöglich eine Karikatur typisch deutschen Korrektheitsdenkens. Preußler war das fremd. In einem Interview klagte er später, "Opfer der politischen Meinungsführer nach '68" gewesen zu sein.

Doch es wäre falsch, Preußler an derartigen tages- und parteipolitischen Maßstäben zu messen - auch, wenn es eines seiner Bücher war, "Die kleine Hexe", das kurz vor seinem Tod eine Debatte um die Verwendung des Wortes Neger im Kinderbuch ausgelöst hat. Die Größe Otfried Preußlers, der jenseits seiner Bücher in der Öffentlichkeit kaum in Erscheinung trat und zuletzt zurückgezogen in einem Altersheim am bayerischen Chiemsee lebte, lässt sich nicht an der Aktualität einzelner Begriffe festmachen, sondern nur im Vergleich mit den großen, volkstümlichen Erzählwerken der Literaturgeschichte. Als Kinderbuchautor war er ein großer Hexer.

Und da hat er jede Ehrung verdient. Kasperl und Seppel würden in seinem Gedenken eine Portion Bratwurst mit Sauerkraut essen.

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