Zum Tode Gore Vidals: Ein amerikanischer Löwe

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Scharf und bösartig teilte er gegen das politische Establishment der USA aus, doch den süffigen Klatsch und Tratsch liebte er fast noch mehr: Als Autor war Gore Vidal ein typischer Ostküsten-Intellektueller - und als Mensch ein flamboyanter Lebemann aus bester Familie. Jetzt ist er gestorben.

AP

Wer die Geschichte der USA im 20. Jahrhundert in knappen Sätzen zusammenfassen will, sollte bei Gore Vidal nachschlagen: "Präsidentschaftskandidat kann der werden, der das meiste Geld zusammenbringt und im Fernsehen wie ein Präsidentschaftskandidat aussieht", lautet eines seiner Axiome, die fast ewig gültig wirken.

Das Schicksal John F. Kennedys beschrieb Vidal als zwingend logische Halbweltverschwörung: Die Familie Kennedy sei über drei Generationen mit dem organisierten Verbrechen liiert, die Präsidentschaftskampagne 1960 von der Mafia finanziert gewesen. Doch dann habe sein Bruder Robert Kennedy als Justizminister zu viel gewollt, als er gegen die Mobster-Gangster vorging. Da forderte die Mafia den Kopf des Präsidenten.

Als dann zwei Jahrzehnte später Ronald Reagan Präsident wurde, kokettierte Vidal damit, persönlich dessen Karriere in der Politik angeschoben zu haben: Schließlich sei er es gewesen, der 1960 Reagan als Hauptdarsteller abgelehnt habe, als Vidals "The Best Man", ein Theaterstück über den Präsidentschaftswahlkampf, verfilmt werden sollte. Henry Fonda übernahm die Rolle. "Weil Reagan dann nicht recht wusste, was er tun sollte, wurde er Gouverneur von Kalifornien." So sieht es Gore Vidal in "Palimpsest", seinem 1995 erschienen Memoirenbuch. Eine, wie der SPIEGEL beim Erscheinen schrieb, "Revue eines Lebens voller Klatsch, Sex und Politik".

Geboren in eine Dynastie

Der Schriftsteller Gore Vidal war - außer dem 2007 verstorbenen Norman Mailer - lange Zeit der liebste Stichwortgeber deutscher Medien, wenn es um schneidige Kritik am US-amerikanischen Imperium ging; zumindest bis zur Ära George W. Bushs.

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US-Autor Vidal: Der große Gore
Als Archetyp des sogenannten Ostküsten-Intellektuellen war er aber auch eine geradezu mythische Figur. Seine Lebensgeschichte wirkt, als hätten sich die Werber von Abercrombie & Fitch, ein paar "Vanity Fair"-Reporter und Matthew Weiner, der Erfinder von "Mad Men", zusammengesetzt und sie erdacht: 1925 hineingeboren in eine der großen Dynastien der USA - und zwar ausgerechnet auf dem Gelände der Militärakademie West Point. Vidals Vater ein Mitbegründer der Fluglinie TWA. Sein Großvater Mitbegründer des Staates Oklahoma. Seine Stiefschwester Jackie First Lady. Sein Cousin Al Gore Vizepräsident - und unter historischen Umständen auch gescheiterter Kandidat für das höchste Amt.

Als markant gutaussehender Golden Boy der Upper Class gerät Gore Vidal in die intellektuellen Zirkel des Nachkriegs-Paris. Er lernt dort André Gide kennen, später Christopher Isherwood. Er schreibt erste Romane, darunter 1948 "Geschlossener Kreis", die Geschichte eines jungen Schwulen. Vidal berichtet von Affären unter anderem mit Jack Kerouac. Der selbst sei zu feige gewesen, sich dazu zu bekennen: Kerouac habe Angst gehabt vor seiner Mutter. Stets kommt in solchen Erinnerungen Vidals Lust am Klatsch und am Maliziösen durch, die wohl fast so groß war wie die an der - ziemlich vorhersehbaren - Kritik an republikanischen US-Präsidenten.

Historienporno und Science-Fiction

Auch wenn er selbst meinte, ein Mann an sich sei nicht geschaffen zur Monogamie - "es arbeitet ja auch niemand in einer Brauerei, weil er ab und zu mal einen Schluck Bier trinkt" -, lebte Gore Vidal über fünf Jahrzehnte mit einem einzigen Mann zusammen: Howard Austen. Angeblich ohne Sex. Erst, als der 2004 starb, verließ Vidal die gemeinsame Wahlheimat Italien, wo sich das Paar an der Amalfi-Küste eine Villa geteilt hatte, und zog zurück in die USA.

Der große Ruhm als Schriftsteller des amerikanischen Jahrhunderts blieb ihm verwehrt, trotz Erfolgen mit Romanen wie "Myra Breckinridge", einer 1968 erschienenen, ziemlich satirischen Geschichte von übersprudelnder Derbheit. Vidals Thema, die sexuelle Identität, war womöglich damals der Zeit voraus. Eine ernsthafte Wiederentdeckung seiner Romane (darunter der Bestseller "Duluth wie Dallas") hat Vidal dennoch nicht mehr erlebt.

Wie sein Zeitgenosse Truman Capote, mit dem er sich eine bizarre Dauerfehde lieferte, war Vidal viel zu sehr damit beschäftigt zu leben, als sich um die Pflege seines Images als Autor zu kümmern. Und wie Capote war er kaum zimperlich, wenn es um Kurzweil versprechende Aufträge ging: So verfasste Vidal unter anderem das Drehbuch für Tinto Brass' Historienporno "Caligula", ein großer Trash-Mythos der Siebziger mit standesgemäß aberwitziger Produktionsgeschichte. Auch am Drehbuch zu "Ben Hur" war Vidal beteiligt. Als Schauspieler trat er in den Siebzigern in Fellinis "Roma" auf. Anfang der Neunziger spielte er in Tim Robbins' Satire "Bob Roberts" - und dann, an der Seite Uma Thurmans, im Science-Fiction-Film "Gattaca". "Was soll man in meinem Alter tun", meinte Vidal damals, "Bridge spielen oder in Filmen mitspielen?"

Die aktive Politik blieb ihm, anders als Reagan, nicht mehr als Ausweg - zweimal hatte Vidal es vergeblich versucht. 1960 kandidierte er für den Kongress, 1982 für den Senat. Beide Male vergeblich. Er hat sich darüber mit einer Vielzahl düsterer Beschreibungen des Zustands der US-Gesellschaft hinweggetröstet.

Nun ist Gore Vidal im Alter von 86 Jahren in der Nähe von Los Angeles gestorben - er hinterlässt ein Lebenswerk, das - genau wie seine eigene Lebensgeschichte - seine finstere Sicht auf die USA widerlegt. Ein Staat, der einen derart feuerköpfigen intellektuellen Löwen hervorbringt, kann so schlecht nicht sein. Oder gilt hier, wie immer, wenn ein großer Mann tot ist, die These, dass nach ihm nichts mehr kommen kann? Gore Vidal hätte sie mit einem Bonmot beiseitegewischt.

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