Zum Tode Wolfgang Herrndorfs: Das Norderstedter Gefühl

Von Hans-Jost Weyandt

Auf Berliner Dächern, in Straßengräben oder Wüsten: Wolfgang Herrndorfs Helden sind einsame Jungs, die den Worten misstrauen wie der Liebe. Schon todkrank beschrieb der "Tschick"-Autor, dass nicht alles egal ist, auch wenn es vorbei zu sein scheint.

Wolfgang Herrndorf: Literatur im Lada Fotos
Steffi Roßdeutscher

Jetzt also, im Hochsommer, bei gutem Wetter zum Baden und Kicken und Sternegucken, ist passiert, womit schon lange zu rechnen war. Wolfgang Herrndorf ist gestorben. Von all dem, was ihn den nahen Tod vergessen ließ, hat er, der die Bewegung liebte, in seinem Blog immer wieder geschrieben: vom Schwimmen im See, den Fußballspielen mit Freunden im Park, vom Radfahren und Spaziergängen.

"Arbeit und Struktur" nannte er das Blog, das er kurz nach der Diagnose begann, unheilbar krebskrank zu sein. Der Titel war eine Kampfansage an den Tumor im Hirn, und das Journal, das in den vergangenen dreieinhalb Jahren entstand, zeichnet schmerzlich diesen verzehrenden Kampf nach, ohne sich darin zu erschöpfen: Es ist Werkstattbericht, Erinnerungs- und Traumjournal, ein Tage- und Bekenntnisbuch und schließlich auch bitteres Dokument des Siechtums, der nachlassenden Kräfte, des Abschieds.

"Im See zwei Schwimmer, einer davon ich", notierte Herrndorf wie von fern Anfang des Monats, und das war einer seiner letzten Einträge, bevor er am späten Abend des 26. August seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Die Tat, so konsequent sie auch sein mag, entzieht sich jeden Kommentars und lässt allenfalls, als Zuflucht vielleicht, an einige bekannte Sätze des Toten erinnern: "Das Beste ist Klappe halten, hat Tschick gesagt. Und das seh ich genauso. Jetzt, wo eh alles egal ist."

Egal kann der Tod Wolfgang Herrndorfs jedoch niemandem sein, der "Tschick" gelesen hat, und der Witz dieser schnoddrig-traurigen Sätze vom Anfang des kleinen Romans, der seinen todkranken Autor 2010 berühmt machen sollte, besteht eben darin, dass dieses Ich nicht die Klappe hält und stattdessen genau dort zu erzählen beginnt, wo alles egal und vorbei scheint.

Es ist der Ausgangspunkt allen Herrndorfschen Erzählens. Und dass die Geschichte von Herrndorfs spätem Erfolg mit der seines Lebensendes zusammenfällt, wirkt wie eine böse Kapriole des Schicksals angesichts eines Werks, das geistreich, unterhaltsam, voller Witz, Ironie, Empathie und Wärme von der Gewissheit erzählt, am Ende sei alles doch nichts, egal und vorbei.

Dabei wird es ein Wunder bleiben, wie Wolfgang Herrndorf just in dem Moment, als ihn die Gewissheit seiner Erkrankung mit voller Wucht traf, mit "Tschick" einen Roman schreiben konnte, der seinen vielen Lesern alles andere als egal war.

Die charmante Geschichte der beiden jugendlichen Ausreißer Tschick und Maik, die, verschieden wie Huck Finn und Tom Sawyer, doch ungleich einsamer, hoffnungsloser, im geklauten Auto durch die abenteuerliche Tristesse Ostdeutschlands juckeln, um der erstickenden Tristesse von Berlin-Hellersdorf zu entkommen, und dabei Vertrauen zueinander gewinnen, vermochte den Zauber, der bekanntlich allem Anfang innewohnt, bis über das Ende hinaus zu behaupten - auch wenn schließlich das ewige Grau des Vorstadtgrüns auf sie wartet.

Die Moderne war suspekt, das Lächerliche reizvoll

Am grünen Rand der Vorstadt ist auch Wolfgang Herrndorf aufgewachsen, in einer Norderstedter Siedlung, wie sie während der Nachkriegsjahrzehnte die Äcker und Wiesen der Wohlstandsrepublik überwucherten. Die erstickende Winkelbungalow-mit-Pool-Langeweile, eng verknüpft mit den beiden Annahmen, das Leben sei zum einen immer anderswo, zum anderen aber immer enttäuschend, bestimmt ein Empfinden, das der 1965 geborene Herrndorf mit vielen Vertretern seiner Generation teilte, das er aber konserviert haben muss wie wenige nur.

Das unentrinnbare Norderstedter Gefühl: Es durchzieht von seinem Debüt "In Plüschgewittern" (2002) bis zu "Sand" (2011) alle Bücher, und dass Herrndorf es in immer neue Genres kleidete, vom Berlin- über den Coming-of-Age-Roman bis zur Thrillerfarce, ist bezeichnend für das Werk, das seine befreundete Kollegin und Lektorin Kathrin Passig einmal treffend als "ziemlich eklektisch" bezeichnete.

Die Moderne und ihr pathetischer Avantgardebegriff waren Herrndorf suspekt, wenn nicht peinlich. Der junge Mann aus der Vorstadt verstand sich zunächst vornehmlich als Maler, nach dem Abitur in Nürnberg studierte er die Lasurtechniken der Alten Meister, um später für die Satirezeitschrift "Titanic" populäre Motive aus dem Kanon der Kunstgeschichte parodistisch zu verfremden. Rückblickend erscheint das ebenso konsequent verquer wie Herrndorfs erste schriftstellerische Versuche, die sich unter anderem dem Werk der Sportreporterlegende Heribert Faßbender widmeten.

Das Lächerliche hat Herrndorf gereizt; das Eitle, Gespreizte, Bornierte in seinem Metier spürte er mit dem scharfen, auch unbarmherzigen Blick eines Außenseiters auf, der selbst lange Zeit kaum beachtet im Halbschatten des literarischen Betriebs stand. Gleichgesinnte fand er zunächst im Umkreis der berühmten Neuen Frankfurter Schule und später, bei der Berliner Zentralen Intelligenz Agentur um Holm Friebe, Sascha Lobo und Kathrin Passig, auch Freunde, Vertraute.

Er wollte kein mediales Tränenstück

Der Öffentlichkeit misstraute er. Als mit dem Erfolg, der Anerkennung, den Preisen das Interesse an seiner Person rapide zunahm, war er bereits krank und fürchtete zu Recht, in einem medialen Tränenstück vom Autor zu enden, der mit dem Schreiben und dem Tod ringt. Gegen Rührseligkeit aktivierte der Stendhal-Bewunderer, so lange seine Kräfte dafür reichten, Ironie, Sarkasmus und schwarzen Humor.

Nie gelang ihm das ausgefeilter als in einer perfiden Episode von "Sand", wenn der namenlose Protagonist sein Ende kommen sieht: angekettet in einem unterirdischen Tümpel am Ende einer Höhle in der maghrebinischen Wüste. Wie der arme Kerl wider alle Wahrscheinlichkeit aus der Höhle gelangt und beim ersten Anblick des nächtlichen Himmels von einem irren Eremiten getötet wird, ist von einer kosmisch fatalen Komik, die auch den Coen-Brüdern gefallen haben dürfte.

Von den Sternen hat Herrndorf oft erzählt; seine Protagonisten, allesamt einsame Jungs, die den Worten misstrauen wie der Liebe, finden stummen Trost angesichts des unermesslichen Alls, wenn sie sich des Nachts ihrem Ausgesetztsein schutzlos hinzugeben meinen: verirrt und betrunken in Straßengräben, isoliert auf den belebten Dächern von Berliner Mietsblöcken, in der Menschenleere postindustrieller Brachlandschaften oder erinnerungsloser Wüsten.

Und es ist nicht wenig, dass es Herrndorf gelang, diesen alten Menschheitssehnsuchtsblick, der längst verbraucht schien durch den Kitsch, in die gegenwärtige Literatur zu retten. Den hohen Preis dafür hat er in der Erzählung "Diesseits des Van-Allen-Gürtels" beglichen, wenn ein Erwachsener den Weltraumtraum eines Knaben mit eben jener Kälte zerstört, die ihn der leere Himmel vorgeblich gelehrt hat. Oder, wie Herrndorf anderorts einen Himmelsfahrer sagen lässt: "Das Schlimmste da oben ist der Gestank. Im Weltall können Sie nicht lüften."

Die Stickigkeit Norderstedts ist eben überall, heißt das wohl. Doch wenn ein literarischer Komet vom Kaliber Herrndorfs schmerzlich schön durchs literarische Firmament schießt, ist das egal. Wie traurig, dass sein Flug schon vorbei ist.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Mann-o-Mann
brenfan 28.08.2013
"Am grünen Rand der Vorstadt ist auch Wolfgang Herrndorf aufgewachsen, in einer Norderstedter Siedlung, wie sie während der Nachkriegsjahrzehnte die Äcker und Wiesen der Wohlstandsrepublik überwucherten. Die erstickende Winkelbungalow-mit-Pool-Langeweile, " Lieber Autor, es ist unredlich ihre Abneigung gegen die Vorstadt mit dem Tode Herrndorfs zu vermischen. Ich denke ca 95% der Weltbevölkerung würden nur zu gern dieses "Schicksal" ertragen. Im übrigen, wenn man "Das Lächerliche hat Herrndorf gereizt; das Eitle, Gespreizte, " schreibt, sollte man vielleicht versuchen genau das in der eigenen Schreibe zu vermeiden. Ganz klar : Über die Toten nur Gutes, aber dieser selbstmitleidige Nekrolog ist schmierig.
2. Newbie
andydax 28.08.2013
Warum versucht der Schreiber so zu schreiben, wie der Herr Autor?! Bitte nicht mehr versuchen, klappt nicht.
3. Vielen Dank für diesen empathischen Nachruf.
buutzemann 28.08.2013
Sehr schön geschrieben, spüre die Trauer, die ich teile. Wolfgang Herrndorf, was für ein mutiger, humorvoller, großartiger Mann, der in seinen Werken weiterlebt. Ich finde es schade, dass die beiden ersten Kommentare einer Negativität nachgehen, die Wolfgang Herrndorf immer fremd war. Etwas mehr Demut vor dem Tod eines großen Künstlers und auch vor der spürbar ehrlichen Trauer des Artikelverfassers würde ich mir wünschen. Man muss nicht jedem negativen Impuls nachgehen - das heißt, von Tschick zu lernen.
4. Warum?
Metimo 28.08.2013
Tiefe Trauer hat mich heute morgen erfasst, als ich vom Tode Wolfgang Herrndorf gelesen habe. Warum nur? Kämpfe mit dem gleichen Tumor und habe es, wie es aussieht, geschafft. Danke für deine Bücher Wolfgang.....
5. Schöner Artikel
josch93 28.08.2013
Als jemand, der von der Person Herrndorfs nicht viel wusste, gefällt mir der Nachruf sehr. Toll geschrieben. Ich wünschte, ich hätte vorher von Herrndorf gehört!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Literatur
RSS
alles zum Thema Wolfgang Herrndorf
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 16 Kommentare