Entzugs-Memoir von Amy Liptrot Wenn die Welle bricht

Sie liest in der rauen Landschaft wie andere in Statistiken: Die Autorin Amy Liptrot liefert mit "Nachtlichter" ein umwerfendes Stück "Nature Writing". Und die Therapie für ihre Alkoholsucht gleich mit.

Schottische Küste
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Schottische Küste

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Und so sitzt sie irgendwann, sirenengleich, auf einem Felsen hoch droben auf einer der Nordinseln der Orkneys und schaut in die Gischt unter sich. Amy Liptrot weiß, dass es im Osten von Papay, wo die Nordsee an den Strand schwappt, "kracht und schlägt" und der Atlantiksound an der Westküste eher "donnert und dröhnt". Sie kennt die mathematische Formel, nach der Wellenformen berechnet werden, sie kennt Schwallbrecher, Sturzbrecher, Reflexionsbrecher. Vor allem aber weiß sie, dass Wellen, egal welcher Art, "nur eine bestimmte Höhe erreichen, ehe sie abstürzen".

Denn die, die da oben auf dem Kliff hockt, kennt sich aus mit Abstürzen. In eben jenem Moment begreift Amy Liptrot die Formel hinter dem alkoholtrunkenen Wellengang, in dem ihr Leben in den vergangenen Jahren dröhnend hin und her schwankte.

Mit harter bis grenzwertiger Offenheit

Das Debüt "Nachtlichter" der 31-jährigen orkadischen Autorin als autobiografischen Selbsthilferatgeber für Suchtkranke zu lesen, wäre jedoch ein enormes Missverständnis. Dass hier eine junge Frau versucht - mit mitunter harter bis grenzwertiger Offenheit - nachzuvollziehen, wieso sie nach diesen extremen High-Zuständen gierte, macht nur eine Seite dieses faszinierenden Selbstsuchens aus.

Denn das wahrhaft Umwerfende dieses Textes ist, dass Liptrot da draußen, droben im einsamen Nordwesten der Orkneys, ihre Stimme als Autorin findet. Es ist, als studiere sie Grasnarben, Steinmauern, Vogelgruppen, um Verhalten zu verstehen.

Mögen andere Statistiken oder Proust lesen, in Werke von Louise Bourgeois versinken oder sich kathartisch Lilly Allen durch die Ohren ziehen. Um einen neuen Blick auf sich selbst zu finden, blickt Liptrot nach draußen. Auf die Lummen, die Küstenhöhlen, die Gesteinsschichten, die Nachtlichter. Sie wirft sich in die schroffen, baumlosen Ebenen der schottischen Inseln wie ins Meer, egal zu welcher Jahreszeit. Bis sie begreift, dass die Natur sie mindestens so high machen kann wie zuvor Bier und Schnaps.

Die immense Stärke dieses Textes besteht auch darin, dass man hier einer dabei zuschauen kann, wie sich selbst schreibend begreift. Auch wenn das erste Drittel des Buchs bald etwas langatmig daherkommt, ist rückblickend offenkundig, wie notwendig es in dieser Form ist.

Autorin Liptrot
Fionn McArthur

Autorin Liptrot

Die Brutalität, die Zwänge der Trinkerei muss Liptrot so ausführlich auspacken. Jene Phase also, in der sie in London von einer Bar zum nächsten fremden Bett torkelt, Freunde verliert wie Schuhe, beides ohne es zu bemerken, und wieder zurück in die Einsamkeit des x-ten kleinen WG-Zimmers mit all den leeren Flaschen im Schrank wankt.

Zwei Jahre, in denen sie am Ende so viel Alkohol in sich hineinschüttet, dass sie regelmäßig Starrkrämpfe bekommt und sich buchstäblich gegen Wände werfen muss, um zu entkrampfen. Um wieder aus der WG geworfen zu werden. Und aus dem nächsten Job sowieso. Bis der Stadtplan für sie nur noch aus Ecken besteht, in denen sie mal volltrunken randalierte und aus Tankstellen, an denen sie nachts um drei Nachschub bekommt.

Weit weg von der Zivilisation

In der Stadt fast lebensuntüchtig, schlüpft sie Zuhause, auf dem Hof ihrer Eltern in Orkney, in eine Version ihrer Selbst, die ganz selbstverständlich Trockenmauern hochzieht, nachts ein Lamm nach dem anderen auf die Welt holt, mit dem Traktor rangiert. Dass sie bleiben wird, nach dem Entzug, war nicht geplant. Den Winter verbringt sie nebenan auf Papay mit seinen 70 Bewohnern, wo das Milchholen im kleinen Laden das Ereignis des Tages ist, wo Küstenabschnitte nach Siedlern benannt sind, die Hunderte Jahre zuvor von einer noch entlegeneren Insel erstmals anlegten. Liptrot zieht es immer weiter weg von der Zivilisation, erst an den Rändern, wo sie über sich sogar den Jupiter sehen kann, findet sie ihre Orientierung wieder.

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Amy Liptrot:
Nachtlichter

übersetzt von Bettina Münch

btb Verlag; 352 Seiten; 18 Euro

"Ich habe Diskolichter gegen Himmelslichter eingetauscht, aber ich bin immer noch von Tänzern umgeben. Ich werden von siebenundsechszig Monden umkreist", schreibt sie. Zurück auf Orkney ist ihr "heißester Wunsch", "den rauen Ruf des Wachtelkönigs zu hören". Überhaupt gehört jenes Kapitel, in dem sie aufschreibt, wie sie für die königliche Vogelschutzgesellschaft Nacht für Nacht langsam durch die menschenleere Landschaft fährt, um jenem raren Wachtelkönig nachzuspüren, zu den aktuell stärksten, durchdringendsten Texten darüber, wie Naturbeobachtung und Selbstreflektion sich bedingen.

Während Buchhändler wie Verlage hierzulande bei "Nature Writing" häufig höchstens an Henry David Thoreau denken und immer noch nicht recht wissen, wo sie Texte wie die von Amy Liptrot oder Jessica J. Lee, deren ähnlich gelagertes Debüt "Mein Jahr im Wasser" im Frühjahr auf Deutsch erschien, einsortieren sollen, ist das Genre im englischsprachigen Raum längst etabliert. Es ist ein starker Ast im Handelsportfolio, Werke von Helen MacDonald, John Muir oder Robert MacFarlane sind Bestseller, Liptrots Buch im UK ebenso. Im deutschsprachigen Raum hingegen leistet die "Naturkunden"-Reihe der Verlags "Matthes & Seitz" geradezu Pionierarbeit.

Wie wunderbar wäre es, wenn dank Amy Liptrots phänomenaler "Nachtlichter" diese Gattung auch hier endlich ihren Platz findet. Die Welle, sie muss nur noch brechen. Laut Matheformel, wenn die Höhe mehr als ein Siebtel ihrer Länge erreicht.

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