Feminismus-Streit Auf zur großen Vagina-Feier!

Mit "Vagina" hat die US-Feministin Naomi Wolf ein extrem umstrittenes Buch vorgelegt. Wer ihre "Geschichte der Weiblichkeit" liest, staunt über die Aufregung. Er findet darin uralte Ideen, banalsten Sex. Zum Glück aber auch eine Attacke gegen sexistische Sprache.

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"Vagina. Eine Geschichte der Weiblichkeit", das neue Buch der US-Autorin Naomi Wolf eint Kritikerinnen und Kritiker - in totaler Ablehnung. Laurie Penny, die wichtigste feministische Jung-Autorin Großbritanniens, schrieb im "New Statesman" erbost: "Diese Art von 'Feminismus' wird Frauen überhaupt nicht weiterbringen." "Welt"-Autor Peter Praschl urteilte, das Buch lese sich, als sei es von einem Hardcore-Sexisten geschrieben. Die britische Schriftstellerin Zoë Heller ging mit "Vagina" sogar so hart ins Gericht, dass sie für ihren Text in der "New York Review of Books" den Preis für den deftigsten Verriss des Jahres erhielt.

Nach der Lektüre des 448 Seiten starken Buchs, das soeben in deutscher Übersetzung bei Rowohlt erschienen ist, kann man über solch heftige Urteile nur staunen. Wofür sich Wolf, die seit Anfang der Neunziger als eine der wichtigsten Stichwortgeberinnen des Dritte-Welle-Feminismus gilt, stark macht, ist: einvernehmlicher vaginaler Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau. Der auf gegenseitigen Respekt und Phantasie baut und keine Pornos oder Sexspielzeuge braucht. Ach, und gern in ansprechender Umgebung, womöglich mit Kerzen und Blumen dekoriert.

Brisant, oder? Nein, natürlich nicht. Die meisten von Wolfs Kritikern beschäftigen sich deshalb auch nicht mit ihren handzahmen Forderungen, sondern mit der Argumentation, die zu diesen Forderungen führt. Und da fährt die Autorin tatsächlich einiges auf, das man als unplausibel, überholt oder schlicht an den Haaren herbeigezogen einstufen muss.

Die "Wahrheit" über die Vagina

Schon Wolfs Ausgangspunkt provoziert: Sie fängt zwischen ihren eigenen Schenkeln an. Im Frühling 2009 stellt die damals 46-Jährige fest, dass sich ihre Orgasmen verändert haben. Sie fallen flacher, weniger befriedigend aus und lassen sie nicht mehr in einem Zustand gesteigerter Sinneswahrnehmung zurück. Ihr Gemütszustand verschlechtert sich so sehr, dass sie medizinische Hilfe sucht und auch bekommt: Ihr Beckennerv ist durch die Langzeitfolgen eines Unfalls in jungen Jahren so gequetscht, dass sich ihre Empfindungen im Genitalbereich verändert haben und sogar eine Operation nötig ist, bei der ihr eine Metallvorrichtung mitsamt vier Schrauben an der Wirbelsäule eingebaut wird.

Wolf fängt daher an, sich genauer mit den Nervengeflechten im Beckenbereich zu beschäftigen und kommt zu der - zumindest für sie - bahnbrechenden Erkenntnis, dass der Beckennerv bei Frauen viel komplexer sei als gedacht, und dass er auf besondere Weise mit dem Gehirn verbunden sei, weshalb die Qualität von Orgasmen und die Stimulanz kreativ-intellektueller Energien miteinander zusammenhingen.

Von hier aus streift Wolf weiter - von einem Spezialisten für Vaginal-Massagen über die Verehrung der weiblichen Genitalien im prähistorischen Kleinasien bis hin zu einem Behandlungszentrum für vergewaltigte Frauen in Liberia. Das alles soll der "Wahrheitsfindung" über die Vagina dienen, ergibt aber beim besten Willen nicht die kohärente "Reise", als die sie Wolf gern verstanden wüsste, so sehr springt sie zwischen den Deutungsebenen und Analyseinstrumenten.

Kein Beckennerv ist wie der andere

Interessanter sind aber eh die Abzweigungen, die Wolf auf ihrer "Reise" nicht wählt. Sie geben Aufschluss darüber, was an "Vagina" so provoziert. Da ist zum Beispiel am Anfang die Erkenntnis, dass der Beckennerv bei jeder Frau anders verzweigt ist, "nicht bei zwei Frauen ist dieses Geflecht gleich" (Herv. i.O.). Wolf scheint hier eine biologistische Argumentation einzuschlagen - alles Begehren und alle Sensibilitäten sind in unseren Körpern angelegt. Diesen Kurs behält sie aber nicht mal ein Kapitel lang bei (einmal merkt sie nebenbei an, dass es eben nicht ihre individuell verzweigten Beckennerven sind, die sie vor einer Vaginal-Massage zurückschrecken lassen: "Wieder einmal zog das gesittete, monogame jüdische Mädchen in mir eine Grenze.")

Wollte man ihr in Richtung "Biologie ist alles" folgen, würde man an einen ziemlich revolutionären Punkt gelangen - dass sich Verallgemeinerungen über Erregbarkeit und Befriedigung bei Menschen mit Vagina verbieten. "Dies war eine viel weniger geheimnisgeschwängerte, viel weniger mit Werten überfrachtete Botschaft über die weibliche Sexualität", schreibt Wolf über die neuere Forschung zum Beckennerv, "Sie deutete ganz offenkundig an, dass jede Frau einen eigenen neuronalen 'Bauplan' besitzt, mit dem sie - oder ihr Partner bzw. ihre Partnerin - sich vertraut machen und einfach das Muster ihrer Funktionsweise beherrschen lernen kann."

Als wäre sie erschrocken darüber, was sie hinter der Tür des Biologismus entdeckt hat, schlägt Wolf sie sofort wieder zu und verbringt den Rest des Buchs damit, unhaltbare Verallgemeinerungen wie "Frauen sind biologisch disponiert, unendlich zu begehren" oder "Vagina und Gebärmutterhals scheinen evolutionär so angelegt zu sein, dass sie einen Partner brauchen" in die Welt zu blasen.

Auf die Idee, dass es vielleicht auch Forschungsbedarf in Sachen männliches Nervengeflecht gibt, wenn wir eine völlig falsche Vorstellung von der weiblichen Anatomie haben, kommt sie jedoch nicht. Wolf denkt Mann und Frau als unabhängig voneinander bestehende Konzepte. So kommt sie bei allem Trara, das sie um neuere wissenschaftliche Erkenntnisse macht, an einem sehr, sehr alten Punkt wieder an: dem Differenzfeminismus.

Die Weltgeschichte der Vagina

Diese Variante des Feminismus, der Frauen einen besonderen Wert aufgrund ihrer körperlichen Unterschiede zu Männern beimisst, ruft denn auch genderqueere Feministinnen wie Laurie Penny auf den Plan. Während bei neueren Forschungsansätzen das "doing gender" im Vordergrund steht, also das alltägliche Ausagieren von Geschlechterkonzepten, ist bei Wolf die Vagina der einzige Bezugspunkt für Weiblichkeit. Wer eine hat, ist eine Frau - und kann sich mächtig glücklich schätzen.

Alles, was uns sonst prägt, etwa sozioökonomische oder ethnische Unterschiede, ist zu ihrer euphorischen Vagina-Feier nicht eingeladen. Nicht-heterosexuellen Frauen gesteht Wolf zwar zu, dass für sie der Großteil der ausgebreiteten Erkenntnisse nicht so relevant sein könnten. Aber ansonsten dreht sich die Weltgeschichte immer schon um die Vagina und deren Kontrolle: "Hier liegt die Ursache für die großen Verwerfungen und Entfremdungsprozesse in der Zivilisation und der Entwicklung des Menschen, und die Folgen sind rings um uns sichtbar."

Alles Unsinn also in "Vagina"? Nein, wenn sich Wolf mal nicht mit der Göttinnen-Matrix oder dem Zuckergehalt von Ejakulat aufhält, leistet sie einen wichtigen Beitrag zu aktuellen Seximus-Debatten: Indem sie freundlich über die Vagina schreibt.

"Eine Kultur, die uns Frauen nicht respektiert, neigt dazu, die Beschäftigung von uns Frauen mit Liebe und Eros zu

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Umstrittendes Sachbuch: Die "Vagina" und die Weltgeschichte
belächeln", bemerkt sie treffend. Damit nimmt sie auch die Kritik an ihrem Buch aus der reaktionären Ecke vorweg, die sich wünscht, Wolf würde erst gar nicht von ihren Problemen anfangen. Ein Beispiel: Dem "Welt"-Kritiker reicht es bereits, dass Wolf überhaupt ihren eigenen Körper zum Ausgangspunkt einer intellektuellen Erkundung nimmt, um einem "feministischen Wir-hassen-Naomi-Wolf-Club" beitreten zu wollen.

Zu feige fürs Feigenblatt

Aber Wolf hat vollkommen recht, wenn sie schreibt: "Etwas öffentlich zu benennen, ist etwas ganz anderes, als privat zu agieren - es hat etwas ausgesprochen Politisches. Etwas auszusprechen, heißt, Fakten zu schaffen." Dass Wolf zur Hälfte ihres Buchs einen Feldzug gegen das abwertende Sprechen über weibliche Genitalien beginnt, ist deshalb absolut begrüßenswert.

Dieser Feldzug ist noch immer bitter nötig, das zeigt schon ein Blick in die deutsche "Vagina"-Ausgabe: Das Cover scheint sich seines Gegenstandes zu schämen. Auf den englischsprachigen Editionen ist eine durch ein Feigenblatt verhüllte Vagina oder ein vulvaähnliches Ornament zu sehen. Der deutsche Titel beschränkt sich auf reine Schrift - vor einem nicht gerade klischeefrei gewählten lilafarbenen Hintergrund.

Selbst progressive Feministinnen scheinen jedoch ein Problem mit Wolfs nonchalanter Selbstinszenierung zu haben. So schreibt Laurie Penny: "'Vagina' hat öffentlichen Intellektuellen gute Gründe gegeben, um sich erstmalig seit langer Zeit über weibliche Genitalien lustig zu machen." Fürs Witzeln über weibliche Genitalien kann es gute Gründe geben? Und die liefert in diesem Fall auch noch eine Frau? Mit anderen Worten: Am Sexismus sind die Frauen schuld? Solange es solche Versuche gibt, den Diskurs über "die" Vagina mit neuen Tabus zu belegen, ist Wolfs Buch trotz seines großen Schwachsinns-Gehalts relevant.

Im Schlussteil erzählt Wolf eine Anekdote über eine Gruppe von Mädchen in Manhattan, die die alltäglichen sexuellen Schmähungen leid hatten und deshalb während einer Schulversammlung aufsprangen und lauthals "Vagina! Vagina! Vagina!" riefen. Letztlich tut Wolf nichts anderes, als mithilfe ihres Buchs "Vagina! Vagina! Vagina!" zu jubilieren. Als Feministin ist das nicht das Wichtigste, was man tun könnte. Aber auch nicht das Schlechteste.



insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
gweihir 19.05.2013
1. Wer das eigene Geschlecht zum alles definierenden Merkmal macht...
... hat ein paar sehr fundamentale Sachen nicht verstanden. Es lohnt sich nicht solchen Leuten Gehoer zu schenken.
EvilGenius 19.05.2013
2. unreif
---Zitat--- Im Schlussteil erzählt Wolf eine Anekdote über eine Gruppe von Mädchen in Manhattan, die die alltäglichen sexuellen Schmähungen leid hatten und deshalb während einer Schulversammlung aufsprangen und lauthals "Vagina! Vagina! Vagina!" riefen. ---Zitatende--- Wären ein paar Jungs aufgesprungen und hätten "Pimmel! Pimmel! Pimmel!" gerufen hätts einen Eintrag ins Klassenbuch gegeben und fertig. Ist ja toll welchen Unsinn man so alles mit Emanzipation rechtfertigen kann...
whis42per 19.05.2013
3. So....
Zitat von gweihir... hat ein paar sehr fundamentale Sachen nicht verstanden. Es lohnt sich nicht solchen Leuten Gehoer zu schenken.
....ist es.
etiquette 19.05.2013
4. Ob Kühe
das an sich auch so sehen? Das Ding hat, wie das Meiste in der Natur, ne Funktion.
brandtner 19.05.2013
5. Aha
Mädels sollen sich also über ihre Vagina definieren. Voll neu! Das ist ja, als ob Jungs sich über ihren Penis definieren müssten ... äh, Moment mal ...
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