Teenagerliebe in den Achtzigern Die heiligen Narren der Schulhöfe

Die Schönste der Schule und ihr vier Jahre jüngerer Verehrer: Navid Kermani erzählt von einer Teenagerliebe in den Zeiten der Friedensbewegung - und dreht dann ab in die islamische Mystik.

Von Hans-Jost Weyandt

Liebespaar in den Achtzigern: Zeitgeschichtliches Kolorit als Zutat
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Liebespaar in den Achtzigern: Zeitgeschichtliches Kolorit als Zutat


Die Schöne in Navid Kermanis kleinem Roman mit dem großspurigen Titel "Große Liebe" hat einen Makel, eine Lücke zwischen den Vorderzähnen, und wenn sie lacht, versucht sie den geöffneten Mund hinter der Hand zu verbergen. Nach Ansicht ihres Verehrers ziert der Makel die Schöne; und wie die schamhafte Geste ihre Anmut betont, so spornt sie seinen weniger anmutigen Wunsch an, einmal mit der Zunge in den Zahnspalt eindringen zu können.

Nicht viel braucht eine Liebesgeschichte zum Gelingen, wenn das wenige stimmig erscheint - und die sorgsam gewählten Details, die der Ich-Erzähler von dieser Romanze preisgibt, sind so sprechend, dass es eines Mehr eigentlich nicht bedarf. Zumal die Lücke, die zwischen der "Schönsten des Schulhofs" und ihrem vier Jahre jüngeren Verehrer klafft, ihm mehr als genug ist: ein schwindelerregender Abgrund an Liebeserfahrung und erotischer Reife, der dem Mittelstufenknirps unüberwindbar erscheint.

Der liebestolle Versuch des 15-jährigen Bengels, die Chance, die er nicht haben dürfte, zu nutzen, gleicht dem Sturzflug eines Tölpels. Weil die "Schönste" sich ihm aber auch als die "Barmherzigste" zeigt, lässt sie den Liebesblindflieger weich landen auf ihrem Lager, wo sie ("Sei authentisch!") nicht nur seine Zunge beim Zahnlückenfüllen gewähren lässt. Drei Tage hält das Glück, bis sich ihm das "schönste Herz, das in Westdeutschland für den Frieden schlug" auf unerklärliche Weise abrupt verschließt und er nun wirklich hart aufschlägt in der Realität Anfang der achtziger Jahre.

Zungenfertige Sufis

Damit wäre diese "Liebe in groben Zügen" (so der Titel des großen Romans, den Botho Kirchhoff dem "alten Lied" von Liebe und Leid abgetrotzt hat) erzählt. Zur Verfeinerung sollte ein wenig zeitgeschichtliches Kolorit als Zutat natürlich nicht fehlen, und routiniert scheint der Erzähler die drei Jahrzehnte große Lücke zum Damals zu nehmen, wenn er seine knapp erinnerten Notizen aus der westdeutschen Provinz durch Skizzen aus dem friedensbewegten Schülermilieu akzentuiert: der Parkapulk in der Raucherecke des Schulhofs, die Ausflüge zu den Friedensdemos in Bonn, die Räucherstäbchen, indischen Tücher und Obstkisten voller LPs in Juttas WG-Zimmer - fertig.

Doch fertig ist der Mann, der mehr als das Alter (Mitte 40) und die Herkunft (die kleine Industriestadt Siegen) mit dem Autor Navid Kermani gemein haben dürfte, noch längst nicht mit dieser Geschichte. Der Junge, der er einmal war, ist ihm zwar fremd geworden, doch zugleich erscheint ihm dessen erste Liebeserfahrung inzwischen als großer "Mythos" des eigenen Lebens, den er in einer Art epischem Exerzitium ergründen möchte. Seine Methode, an hundert Tagen ein Schreibpensum von einer Seite zu bewältigen, wirkt von Anfang an simpel und formalistisch steif, auch wenn sie ihm ein Vorhaben erleichtert, auf das man nicht so leicht kommt: die große Liebe zu zerteilen in übersichtliche Häppchen. Je zehn Prozent gleich Seiten plant er bis zur ersten Begegnung, dem ersten Kuss, dem ersten Sex und so weiter, was irgendwann den Leser zur Frage führt, ob "Liebesblödigkeit" (Wilhelm Genazino) aus Literaten auch beschränkte Buchhalter machen kann.

Der ansonsten keineswegs doofe Erzähler wird vollends zum Narren, wenn er seine Übung im Wissen fortsetzt, dass sie der "Großen Liebe" nicht genügt. Dass er zum Nachkosten des Trennungsschmerzes, dem sich der Mann immerhin 70 Tage widmen wollte, überhaupt nicht mehr kommt, soll zwar genauso als literarisch ertrickster Triumph über die nicht immer schöne Erinnerung erscheinen wie der herrenwitzige Zufall, dass sich dank unplanmäßiger Verschiebungen dem Knaben die Schenkel Juttas genau im Zentrum des Buches öffnen. Aber das formale Manöver ist derart plump auf Amüsement getrimmt, dass es sich aggressiv gegen Erzähler und, gravierender, gegen die Liebesgeschichte richtet; und warum ein Autor wie Navid Kermani, der sensibel und humorvoll schreiben kann, so grob fuhrwerkt in einer kleinen, eher zarten Geschichte, lässt nur eine Vermutung zu: weil er kaschieren möchte, dass sein Erzähler auch sonst den Bock als Gärtner gibt.

Bockig will der Mann nämlich seinen angeblich zweifelnden Lesern beweisen, was kaum eines Beweises bedarf: dass die Intensität seiner großen Liebe in nichts den mystischen Erfahrungen der von ihm verehrten "heiligen Narren" im mittelalterlichen Islam nachstehe. Ähnlich wie in den Evangelien schließt der eifernde Mythomane darum Überliefertes und Neues kurz, mit dem gravierenden Unterschied zu den Evangelisten, dass er zugunsten arabischer Weisheiten alle Zeugnisse des Pärchens aus seiner Schrift tilgt. Sein oberlehrerhafter Gestus im Umgang mit den eigenen Briefen und Tagebüchern kann die Scham über den eigenen jugendlichen Überschwang nicht verbergen. Im Gegenteil gibt sie den Blick frei auf einen peinlich gehüteten Abgrund aus Trauer und Kränkung. Und diese Lücke ist mit keinem Kunststück zungenfertiger Sufis zu schließen.

Lesen Sie im neuen SPIEGEL, der bereits am Samstag, den 1. März 2014 erscheint, einen Essay von Navid Kermani über den entführten Jesuiten-Pater Paolo Dall'Oglio.

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insgesamt 3 Beiträge
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beatrock63 28.02.2014
1. Überschrift, Einleitung:
Einfach mal den Titel des Buchs nennen wäre von Vorteil, Herr Rezensent.
b.toennies 28.02.2014
2. Meine Güte...
ein Textgeschwurbel... geht es auch etwas einfacher und auf den Punkt ?
veloopity 28.02.2014
3.
Nur weil Sie islamische Mystik nicht verstehen, gilt sie für Sie als "abgedreht"?
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