Nazi-Science-Fiction Wacker an die "Stahlfront"

Afrikaner werden mit Affen gekreuzt - und in Polen wird wieder einmarschiert: In den haarsträubenden Science-Fiction-Romanen des Unitall-Verlags finden Verschwörungsphantasien und rechtes Gedankengut zusammen. Mit wachsendem Erfolg.

Von Emanuell Möbius


Es gibt Sätze in Büchern, da fragt man sich, ob der Autor weiß, was er da schreibt. Wie den folgenden: "Sonderlich großen Hunger verspürte er nicht, Dr. Krings' Leiche lag ihm immer noch im Magen." Das stammt nicht aus einem Kannibalenroman. "Engel der Schwarzen Sonne" heißt das Buch, erschienen Ende 2008 im Schweizer Verlag Unitall. Angepriesen wird es als "okkulter Thriller". Eigentlich aber ist es ein ganz anderes Genre - rechte Phantastik.

Die ist relativ neu in Deutschland. Zwar gab es in den fünfziger Jahren bereits Ansätze dazu. Anders als in anderen Ländern allerdings konnte rechte Science Fiction nie auf dem deutschen Buchmarkt Fuß fassen. Erst der Schweizer Unitall-Verlag (für den der deutsche HJB Verlag und Versandhandel Vertrieb und Pressearbeit übernehmen) publiziert seit 2007 Unterhaltungslektüre für den braunen Rand - mit schöner Regelmäßigkeit und steigendem Erfolg: allein 30.000 Exemplare will man laut eigener Aussage von den ersten drei Bänden des Verlagsbestsellers "Stahlfront" verkauft haben. Das Geschäft mit braun gefärbter Science Fiction rechnet sich offenbar.

"Stahlfront" schildert die Abenteuer des ehemaligen BND-Mannes Magnus Wittmann im Kampf gegen Aliens. Die haben die Erde politisch unterwandert. Wittmann zur Seite stehen die sogenannten Thule-Truppen: Super-Nazis vom Südpol, dank ihrer arischen Gene als einzige immun gegen die Beeinflussungsversuche der Außerirdischen. In selbstgebauten Ufos, den Reichsflugscheiben, düsen sie um die Welt. Homosexualität ist bei ihnen illegal, Frauen sind nur zur Vermehrung da.

Als Kanonenfutter haben die blonden und blauäugigen Überstrategen die sogenannten Gorger gezüchtet: Mischwesen aus Gorillas und Afrikanern, dumm aber kräftig. Nicht nur China wird atomar bombardiert, sondern auch Polen überfallen. Wieder einmal, denn wir schreiben das Jahr 2010.

Das Exil der Eisnazis ist Neuschwabenland. Das gibt es tatsächlich: 1938/39 nannten deutsche Polarforscher das südlich unterhalb des Kaps der guten Hoffnung gelegene Polarland so. In der Realität gibt es dort nur Eis und Berge. In der braunen Folklore allerdings ist es so etwas wie das Gelobte Land der Neonazis, seit der Ex-SS-Mann Wilhelm Landig in den fünfziger Jahren in seiner "Thule"-Trilogie von Hitlers letztem Aufgebot am Pol fabulierte. Die Schwarten (zusammen 1500 Seiten) waren allerdings nie ein Auflagenerfolg und kursierten immer nur in einschlägigen Kreisen.

Nicht vom Pol, sondern aus Tibet kommen dagegen die arischen Erlöser in "Engel der Schwarzen Sonne". Hauptfigur in dem ebenfalls als Buchreihe angelegten Projekt ist der Kölner Lehrer Thorsten Steiner. Dem wird nach einem Aufenthalt in Tibet offenbart, potentieller Erlöser der Welt zu sein. Darum machen dunkle Burschen auf ihn Jagd - die Mitglieder der sogenannten "Orkult-Loge".

Steiner senior haucht dem Sohn ein, wer das ist: "Sie haben sich weltweit organisiert, Medien und Finanzwesen infiltriert - nein, es praktisch übernommen" erläutert er die Geheimloge. Thorsten Steiner aber hat Glück: Ihm leuchte das "erlösende Licht der Schwarzen Sonne" (kurioserweise das Symbol der weißen Nordmänner), deshalb würde "die Kraft des geheimnisvollen Himmelskörpers mächtig in ihm wirken".

Was da wirkt, ist klar: Die schwarze Sonne ist in der heutigen rechtsextremen Szene als Hakenkreuzersatz weit verbreitet - zurückgehend auf ein Bodenornament im ehemaligen SS-Schulungszentrum Wewelsburg. Groß ziert sie das Cover des Romans.

Beide Titel, "Stahlfront" wie "Engel der Schwarzen Sonne", erscheinen unter Pseudonym. Autor von "Engel der Schwarzen Sonne" ist angeblich ein ehemaliger irakischer Artillerieoffizier. Ein Übersetzer ist im Buch allerdings nicht angegeben. Und der "Stahlfront"-Autor nennt sich vielsagend "Torn Chaines", zu deutsch gesprengte Ketten. Ja, heißt es, das sei der Deckname eines ausgerechnet im Jahr 1939 geborenen amerikanischen Universitätsprofessors, der heute in einer Blockhütte tief im nordamerikanischen Wald hause und für seine Romane keinen Verleger im Heimatland fand. Schuld sei die allgegenwärtige "political correctness" in den Vereinigten Staaten. Deshalb sei er auf Deutschland als Veröffentlichungsort ausgewichen.

Das Gefühl eines permanenten inneren Reichsparteitages

Das ist eine wenig glaubwürdige Geschichte. Jenseits des Atlantik veröffentlichen Autoren wie zuletzt der Amerikaner John Ringo mit seinem Roman "Watch On The Rhine" bereits seit Jahren erfolgreich rechtslastige und rechtsextreme Phantastik. In Ringos brauner Fiktion lässt der deutsche Bundeskanzler die Waffen-SS als letztes Aufgebot gegen außerirdische Invasoren auferstehen.

In Deutschland hat Unitall damit eine Marktlücke aufgestoßen. Hans Joachim Bernt, Geschäftsführer des Verlags, ist in der deutschen Science-Fiction-Szene eigentlich nur als Herausgeber politisch harmloser Reißer bekannt.

Er hat Nachdrucke von "Perry Rhodan"-Comics von "Ren Dhark" verlegt, einer Groschenheftserie aus den sechziger Jahren. Das relativ junge Geschäft mit den braunen Zukunftsphantasien scheint sich für ihn allerdings zu rechnen. Obwohl die ersten drei Bände "Stahlfront" im April 2009 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften auf den Index gesetzt wurde, sind für die zweite Jahreshälfte 2009 weitere Titel der Serie sowie zusätzliche Bücher mit entsprechenden Inhalten angekündigt.

Bernt selbst will seine Bücher auch nach der Indizierung nicht als rechtsextrem werten. Weil die herrschende Klasse bestimme, was rechts sei und was nicht, so Bernt zu SPIEGEL ONLINE. Bereits ganz normale Standpunkte würden so in eine politisch eindeutige Ecke geschoben. Überzeugt hätten ihn als Verleger dagegen die Inhalte der Bücher und ihr Spiel mit der "unselig herrschenden 'political correctness'" in Deutschland. In einem "Statement des Verlegers" auf der Website zu "Stahlfront" vergleicht Bernt die Romane sogar mit Klassikern wie "1984" und "Clockwork Orange", diese würden "auch heute noch von vielen Leuten nicht richtig interpretiert".

Ist das wahr? Ist es am Ende doch nur harmlose Science Fiction oder ein Missverständnis? Der Paderborner Soziologe Dierk Spreen beschäftigt sich seit Jahren wissenschaftlich mit diesem Thema. Er ist sich sicher, dass die Bücher nicht nur, wie der Verlag immer wieder behauptet, ein ironisches Spiel mit politischer Korrektheit sind, und auch keine dissidente Parodie auf braune und Science-Fiction-Klischees. "Satire", so sein Urteil, "lässt Distanz erkennen zum Objekt, das es behandelt. In Büchern wie 'Stahlfront' sehe ich diese Distanz nicht." Stattdessen bräche sich in den Büchern "etwas Bahn, das jahrelang unterdrückt wurde".

Die Bücher funktionieren wie Pornografie

Meist in Form von Gewalt. Schon "Stahlfront" beginnt mit der brutalen Kastration von fünf Türken in Berlin-Kreuzberg durch den Helden - natürlich aus Notwehr. Eine nahezu identische Situation findet sich zu Beginn von "Engel der Schwarzen Sonne" - diesmal sind es drei Kölner Türken. Da spritzt das Blut gegen Cockpitscheiben, knacken und krachen Knochen, wird hemmungslos gemetzelt. "Engel der Schwarzen Sonne" schließlich endet mit einer "Heldentat" Steiners: "Mit kurzen harten Tritten zertrümmerte er den benommen am Boden liegenden Messerstechern nacheinander die Kniegelenke, so gründlich, dass die drei Wegelagerer keinem Menschen mehr würden gefährlich werden können."

Für den Soziologen Spreen geht es hierbei darum, beim Leser "das Gefühl eines permanenten inneren Reichsparteitages zu erzeugen". Die Bücher funktionieren wie Pornografie: die Darstellung von Schlüsselreizen (wie etwa der extremen Gewalt gegen Ausländer oder des erneuten Überfalls auf Polen) ersetzt die dezidierte Schilderung von Motiven und Ereignissen.

Die PR-Maßnahmen des Verlages machen klar, wer die angepeilte Kundschaft hierfür ist. Ein Werbevideo zu "Stahlfront" ist mit Musik der in rechten Kreisen populären Band Von Thronstahl unterlegt. Die Musik für ein ähnliches Video zu "Engel der Schwarzen Sonne" stammt von The Days of the Trumpet Call, ein Seitenprojekt Von Thronstahls. Beide Bands zählen auch zu den Top-Freunden auf dem MySpace-Profil des Verlages.

Deshalb auch sind die Bücher voller Symbole und Codices, die die rechte Szene versteht. Thorsten Steiner heißt ähnlich wie eine bekannte, in der rechten Szene beliebte Modemarke, der Name Magnus Wittmanns verweist auf Michael Wittmann, SS-Panzerkommandant im Zweiten Weltkrieg und heutiges rechtsextremes Idol. Die Thule-Truppen kürzen sich "TT" ab, nur einen Buchstaben vom doppelten S entfernt, und tragen schwarze Uniformen.

Manchmal allerdings macht sich der Verlag vor dieser Zielgruppe unglaubwürdig. Etwa wenn Thorsten Steiner klagt, das all zu viele produktive Deutsche ins Ausland gingen, und sich fragt, "wäre es nicht unsere staatsbürgerliche Pflicht, dagegenzuwirken?" So weit geht die Vaterlandsliebe offenbar dann doch nicht: Der für die braune Unterhaltung zuständige Unitall-Verlag sitzt ja in der Schweiz.



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