Islamroman "Allahs Töchter": Dildo-Mirakel in der Kaaba

Von Hans-Jost Weyandt

Drei sinnenfrohe Göttinnen - und das mitten in Mekka: Wie Salman Rushdie dient dem türkischen Schriftsteller Nedim Gürsel die berühmte Koransure von den "satanischen Versen" als Grundlage für seinen Roman "Allahs Töchter". In seiner Heimat wurde er deshalb wegen Blasphemie verklagt.

Islam-Roman "Allahs Töchter": "Dunkle, heiße Hölle" Fotos
REUTERS

Ein helles, heiteres Gemüt hat Lat. Sie mag die netten, unterhaltsamen Seiten des Lebens, und wenn sie plaudert, plätschern ihre Worte vergnügt dahin wie das Quellwasser jener Oase, in der sie einst als Fruchtbarkeitsgöttin angebetet wurde. Die Erinnerungen an dieses "grüne Paradies" inmitten der Wüste immunisieren sie gegen die Zumutungen des finsteren, stickigen Kastens, in den sie vor geraumer Zeit mit ihren gleichfalls lebensfrohen Plapperschwestern Uzza und Manat gesperrt worden ist.

Auf wessen Wunsch das geschah, weiß Lat nicht. Sie zerbricht sich nur ungern den Kopf über Dinge, die jenseits der Oase stattfinden. Doch sie erkennt auch so, dass dieser lebensfeindliche Ort alles negiert, wofür sie einsteht: Die Kaaba, schließt sie flink, ist eine "dunkle, heiße Hölle".

Himmlisch hingegen erscheint besonders Männern die Aussicht, dem sinnlich-sorglosen Trio im diskreten Dunkeln begegnen zu können. Als ein Verehrer einen niedlichen Phallus zu Füßen Lats legt, kann die Umschwärmte nicht widerstehen und erweckt den steinernen Penis zum Leben - was umso erstaunlicher erscheint, da Lat sich anatomisch absolut unzugänglich als vierkantiger Klotz präsentiert. Wie Manat und Uzza ist sie eine steinerne Götzenfigur: die drei sind die Hauptgöttinnen des polytheistischen, vor-islamischen Mekka.

Reinheit als Kampfbegriff des Totalitären

Nedim Gürsel bringt diese Steine zum Sprechen. In seinem Roman plaudern "Allahs Töchter" so quicklebendig aus dem Nähkästchen ihrer mythischen Blackbox, als wären ihre Statuen nie aus der Kaaba entfernt, ihre Namen nie aus dem Koran gestrichen worden - mit Ausnahme jener "satanische Verse" genannten Suren: eine schwache Spur zu den drei Schwestern, doch ungeheuer wirkungsmächtig und bekannt dafür, mörderisch instrumentalisiert werden zu können.

Den Bezug auf die Fatwa, die 1989 der Ajatollah Chomeini gegen Salman Rushdie verhängte, muss Gürsel nicht pathetisch betonen, wenn er religiös und kulturgeschichtlich hoch aufgeladenes Terrain betritt. Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln schreibt er so etwas wie eine epische Gedächtnisgeschichte des Verdrängten in der islamischen Kultur. Was ambitioniert klingt, erscheint bei näherer Betrachtung komplett größenwahnsinnig.

Die Entstehung der Welt aus der Ursuppe diverser Schöpfungsmythen, das Großreinemachen mit der fröhlichen Vielgötterei durch den Islam, die Geburt der säkularen Türkei aus dem Untergang des Osmanischen Reichs, die Entstehung des eigenen modernen Bewusstseins aus dem Verlust des literarischen Gedächtnisses durch die Einführung der lateinischen Schrift: Tatsächlich all das findet sich wieder. Widergespiegelt und wechselseitig beleuchtet in überaus unterhaltsamen Erzählbewegungen, bei denen Gürsel nie versucht, die Themenfülle intellektuell zu bändigen, sondern sie immer aus den Motiven der Erzähler entwickelt: den drei Schwestern und dem Autor selbst.

Die perlweißen Zähne Mohammeds

Wie Lat sehnt sich Gürsel nach den "grünen Paradiesen der Kindheit", doch im Gegensatz zur naiven Göttin entspringt seine Sehnsucht einem modernen Bewusstsein, gebrochen in einem Zitat Baudelaires. Das Quellwasser im Paradies sprudelt nicht rein, sondern trübe. Das ist ein wunderbares Bild für diesen Roman, der Tradiertes und Verdrängtes assoziativ paart und kreuzt, Suren aus dem Koran und Volksglauben, Askese und Wolllust, Schöpfung und Vernichtung - und dabei die Reinheit als Kampfbegriff des Totalitären entlarvt.

Dabei fällt Gürsel nicht in das begriffslos vitale Einerlei der drei Schicksalsgöttinnen zurück: "Er schwatzte viel vom Jüngsten Tag, von Paradies und Hölle", erinnert sich Manat an Mohammeds Kaaba-Besuche, ohne im geringsten zu verstehen, worum es dem Propheten ging. Doch die feurigen Augen, die vollen Lippen und perlweißen Zähne des schönen Manns bezaubern die Göttin, die in dem Schönling nicht den Säuberer ihrer Lebenswelt erkennt.

Dass Gürsel im Gegenzug das Innere der Kaaba, seit dem Jahr 682 zentrales Heiligtum des reinen Islam, als lustige Schwatzbude und Darkroom für delikate Dildo-Mirakel imaginiert, mag nicht nur muslimischen Anhängern des monotheistischen Reinheitsgebots anstößig erscheinen.

Die Lektüre des von Barbara Yurtdas in ein schön fließendes Deutsch gebrachten Romans, der Gürsel in der Türkei mehrere, bisher erfolglose Klagen wegen Blasphemie eingebracht hat und zugleich einen großen Verkaufserfolg, bietet eine gute Gelegenheit, eigene Tabus und projizierte Vorurteile zu überprüfen - weil Gürsels kulturelle Unbefangenheit unvermutet die Verklemmtheit des westlichen Blicks auf den Islam widerspiegelt.

In der Differenz zum Anderen das Befremdliche an sich selbst erkennen zu können, war schon immer ein Merkmal von Weltliteratur.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: David Graebers "Schulden", Abdellah Taïas "Der Tag des Königs", Katrin Seddigs "Eheroman", Chimamanda Ngozi Adichies "Heimsuchungen" und David van Reybroucks "Kongo".

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insgesamt 7 Beiträge
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    Seite 1    
1. Satanische Verse
Emil Peisker 23.05.2012
Die arabischen Orthodoxen sind überzeugt, dass diese "Mär" von den satanischen Versen von christlichen Missionaren in die Islamwissenschaft geschleust wurden. Im Speziellen haben sie den britischen Islamwissenschaftler William Muir, geb. 1819, im Visier, hochdekorierter Kolonialpolitiker und Vater 15 Kinder, die er mit nur einer Frau zeugte. Es gibt einige islamische Abhandlungen über diesen Vorgang, die aber nicht wirklich überzeugen, denn sie wollen belegen, dass es diese, vom Satan dem Propheten untergeschobenen Verse, nie gegeben hat. Dagegen spricht, dass der Gelehrte Ibn Jarir al-Tabari, im 10. Jahrhundert, die historischen Texte analysiert und beschrieben hat. Der Koran ist ein Konglomerat von zusammengeschusterten Texten, die von verschiedenen Menschen aufgeschrieben, auf alle möglichen Textträger von Blättern bis zu Hautstellen, und erst nach dem Tode des Propheten durch eine extrem zentralisierte Sichtung der Texte, zu einem allein gültigen Unikat geformt wurde. Die abweichenden und schlecht kopierten Koranversionen wurden alle eingesammelt und verbrannt, sodass danach nur noch eine Version existierte. Und hier die inkriminierten Textstellen: Have ye seen Lat and 'Uzza, And another, the third (goddess), Manat? These are the high-flying ones, whose intercession is to be hoped for! [Qur'an 53:19-23] Und hier die Gegenthese der orthodoxen Muslime: "Those Are The High Flying Claims" (http://www.islamic-awareness.org/Polemics/sverses.html)
2. ...
jimknopf107 24.05.2012
Mehr noch wie bei anderen größeren Religionen ist die Entstehung des Islam praktisch völlig ungeklärt, da es kaum verlässliche Quellen gibt. Einig sind sie sich nur darin, dass Mohammed offenbar der Anführer einer Söldnertruppe war, die mordend und plündernd durch die Gegend gezogen sind, und damit es nicht ganz so gruslig wirkt, hat er sich ein paar nette Verse schreiben lassen, ähnliches kennt man ja auch aus dem Westen, wo Morisken-Tänzer bis heute an diese Zeit erinnern. Im Gegensatz zu Mohammed ist der Prophet allerdings nicht tot, wie allgemein bekannt, ist Christus auferstanden von den Toten, denn, und so steht es geschrieben, er ist der Sohn Gottes. Was die satanischen Verse angeht, ich glaube nicht daran, dass irgendwelche Missionare diese Verse eingeschleust haben. Wie hätte das denn gehen sollen, wo bis auf eine Handvoll Städte in Palästina nie islam. Länder in den musl. Kernlanden von Christen angegriffen wurden.
3. Sie haben...
Tiananmen 24.05.2012
Zitat von jimknopf107Mehr noch wie bei anderen größeren Religionen ist die Entstehung des Islam praktisch völlig ungeklärt, da es kaum verlässliche Quellen gibt. Einig sind sie sich nur darin, dass Mohammed offenbar der Anführer einer Söldnertruppe war, die mordend und plündernd durch die Gegend gezogen sind, und damit es nicht ganz so gruslig wirkt, hat er sich ein paar nette Verse schreiben lassen, ähnliches kennt man ja auch aus dem Westen, wo Morisken-Tänzer bis heute an diese Zeit erinnern. Im Gegensatz zu Mohammed ist der Prophet allerdings nicht tot, wie allgemein bekannt, ist Christus auferstanden von den Toten, denn, und so steht es geschrieben, er ist der Sohn Gottes. Was die satanischen Verse angeht, ich glaube nicht daran, dass irgendwelche Missionare diese Verse eingeschleust haben. Wie hätte das denn gehen sollen, wo bis auf eine Handvoll Städte in Palästina nie islam. Länder in den musl. Kernlanden von Christen angegriffen wurden.
Walt Disney vergessen, der einfach dadurch, dass der Islam bei Donald Duck völlig ignoriert wird, als genuin anti-islamisch gilt. Im Ernst: ein bißchen nachlesen wäre schon gut, bevor man sich zu solchen unreflektierten Äußerungen hergibt.
4. 19
tgu 24.05.2012
Ich habe mal irgendwo gelesen, dass die Zahl 19 (oder auch eine andere) eine wichtige Zahl im Koran ist, Anzahl an Suren, Wörtern usw., die immer gleich sind oder mit der Zahl in Verbindung stehen. Nur einige Passagen nicht, so als ob man dort was nachträglich geändert hat. Die Zahl ist so eine Art Kopierschutz oder Checksumme (wie man in der Informatik sagt), um den "göttlich" überlieferten Text vor Manipulationen zu schützen.Welche Passagen da "verändert" wurden, stand da leider nicht. Vielleicht würde ja ein völlig neues Licht auf den Islam fallen, wenn man den "ursprünglichen" Koran hätte.
5. ...
e-ding 24.05.2012
Zitat von tguIch habe mal irgendwo gelesen, dass die Zahl 19 (oder auch eine andere) eine wichtige Zahl im Koran ist, Anzahl an Suren, Wörtern usw., die immer gleich sind oder mit der Zahl in Verbindung stehen. Nur einige Passagen nicht, so als ob man dort was nachträglich geändert hat. Die Zahl ist so eine Art Kopierschutz oder Checksumme (wie man in der Informatik sagt), um den "göttlich" überlieferten Text vor Manipulationen zu schützen.Welche Passagen da "verändert" wurden, stand da leider nicht. Vielleicht würde ja ein völlig neues Licht auf den Islam fallen, wenn man den "ursprünglichen" Koran hätte.
Was für ein Licht sollte das sein?
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