Modernes Passionsmärchen In den Fängen des Gottesmanns

Ein Dunkelreich ist das englische Dorf, in dem Nell Leyshon ihren Roman "Die Farbe von Milch" ansiedelt. Dort erlebt eine 14-Jährige eine Leidensgeschichte, die an die Bauernromane des 19. Jahrhunderts erinnert.

Nur scheinbar idyllisch: Englisches Dorf (im Gemälde von Henry John Yeend King)
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Nur scheinbar idyllisch: Englisches Dorf (im Gemälde von Henry John Yeend King)


In diesem, von einem steten nebligen Glosen innenbeleuchteten Roman wird es nie richtig hell. Nicht über der wie eingefroren wirkenden englischen Landschaft, an deren immer steingrauem Himmel die Saatkrähen wie festgenagelt scheinen. Nicht in den zugigen, des Nachts von Kerzenschein erhellten Räumen und Ställen, über deren fahle Wände bizarre Schatten tanzen. Und schon gar nicht in den Seelen derer, die darin gefangen sind. Wesen wie die 14-jährige Mary, deren dunkle Passionsgeschichte die britische Dramatikerin Nell Leyshon in ihrem Roman "Die Farbe von Milch" entrollt.

Es herrscht darin ein unheilschwangeres Licht wie auf den Gemälden von Bruegel. Und es ist, als betrete man eine Welt hinter der Welt. Ein vom großen Ganzen abgeschnittenes Dunkelreich - von der Autorin neu errichtet mit den Mitteln des poetischen Realismus.

Das Resultat ist eine Mixtur aus bukolischem Märchen, historischem Heftchenroman und der Heimaterzählung über eine scheinbar unverrückbare Schöpfungsordnung. Man fühlt sich spontan an die Bauernromane von Theodor Storm und Jeremias Gotthelf erinnert - an die Leiden von Uli, dem Knecht etwa. Aber auch an die späten, schlichten Prosawerke der Engländerin Elizabeth Gaskell, einer Freundin von Charlotte Bronté.

Zuspruch und Nähe nur zwischen Apfelstiegen

Denn es ist das England um 1830, welches Nell Leyshon mit ähnlich karger, auf das Wesentliche reduzierter Sprache wiederaufleben lässt. Doch warum tut sie das? Was lässt sich in der Beschwörung dieser doch eigentlich längst versunkenen Zeit finden, das das Brexit-geschüttelte Großbritannien unserer Tage nicht zu bieten hätte? Religiösen Wahn und Trieb und Totschlag.

Autorin Leyshon
Scott Lavene

Autorin Leyshon

Eigentlich hat Mary, die gemeinsam mit ihren drei Schwestern den elterlichen Bauernhof bewirtschaftet, sich mit ihrem Dasein als Tag und Nacht arbeitende Sklavin ihrer Eltern arrangiert. Sie hat zu essen, ein Bett und ein Dach über dem Kopf. Einmal beobachtet sie ihre Schwester Violet beim Geschlechtsverkehr mit Ralph, dem Sohn des Pfarrers. Doch sie registriert es weder neidisch noch davon abgestoßen. Eher wie jemand, der das bizarre Treiben zweier fremdartiger Insekten verfolgt. Einzig in den Gesprächen mit ihrem hinfälligen Großvater, den ihre Eltern zum Sterben in den Keller verbannt haben, wo er zwischen Apfelstiegen auf sein Ende wartet, erlebt Mary so etwas wie Zuspruch und Nähe.

Doch dann schickt ihr Vater sie in das Haus des Pfarrers, dessen kranke Frau sie betreuen soll. Dort gerät Mary, nachdem die Pfarrersfrau gestorben ist, in die Fänge des Gottesmannes, der sich immer wieder sexuell an ihr vergeht - und sie schließlich schwängert. Als Lohn für seine widerwillig zugelassenen Berührungen bringt er ihr das Lesen bei. "Und so lebten wir von diesem Tag an. In diesen Wochen lernte ich noch mehr Buchstaben, bis ich alle sechsundzwanzig kannte."

Ein Leidensprotokoll, dessen Lektüre einen frösteln lässt

Nell Leyshon, die in Dorset, im Südwesten Englands, lebt, wurde vielfach für ihre Romane und Theaterstücke ausgezeichnet. Und auch in "Die Farbe von Milch" erweist sie sich als furchtlose Erkunderin der Seelen. Denn was sie mit ihren dürren Sätzen aus der Innenwelt ihrer Protagonistin heraufholt, ist so erdrückend wie faszinierend.

Sie rückt ein Wesen ins Bild, das sein Schicksal lange mit scheinbar stoischem Gleichmut erträgt und darin stark an die Figur der jungen Nonne Blanche aus Philippe Agostinis berühmten Kinofilm "Opfergang einer Nonne" aus dem Jahr 1960 erinnert; jene junge, von ihren Ängsten geschüttelte Frau, die vor ihren inneren Dämonen Zuflucht bei Gott sucht - und am Ende zur Märtyrerin wird.

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Nell Leshon:
Die Farbe von Milch

Übersetzung: Wibke Kuhn

Eisele Verlag, 208 Seiten; 18 Euro

Mary, der eine Rückkehr an den Hof ihrer Eltern nicht möglich ist, weil diese auf das Geld angewiesen sind, das der Pfarrer ihnen für die Haushaltsführung ihrer Tochter zahlt, erträgt ihr Schicksal ein Jahr lang. Bis der Pfarrer sich das eine entscheidende Mal zu oft an ihr vergeht - und sie ihn mit einem Käsedraht erwürgt. "Er hörte auf sich zu bewegen und das heiße Blut lief langsamer und ich ließ den Draht los. (...) Ich konnte lesen und schreiben. Ich war fertig."

Nell Leyshon ist ein Roman von archaischer Wucht geglückt, ein Leidensprotokoll, dessen Lektüre einen frösteln lässt. Zuletzt dämmert an dessen Horizont eine andere Welt herauf, eine ungleich größere, in der es dann nicht weniger wüst zugehen wird: die unsere.

So resümiert Mary, nachdem sie zur Mörderin geworden ist und man ihr das Kind, das sie zur Welt bringen wird, wegnehmen und sie selbst einsperren und hinrichten werden wird: "Und nun werde ich den allerletzten Satz zu Ende schreiben. Und dann werde ich frei sein." Man wünschte es ihr.



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