Debütroman von Marc Deckert: Sinn gesucht, Kometen gefunden

Von Felix Bayer

Vom Textchef zum Schriftsteller: Während die alten Kollegen aus der "Neon"-Chefredaktion Karriere machen, hat Marc Deckert einen Roman geschrieben. In "Die Kometenjäger" gibt es zwar viel über Astronomie zu lernen, aber letztlich geht es um das Lebensgefühl junger Erwachsener. 

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Tanja Kernweiss

Autor Marc Deckert: Ausgiebig recherchiert über Astronomie

Eigentlich sollte Philipp erwachsen werden. Schließlich geht er auf die Ende zwanzig zu. Seine Freundin Vera promoviert bereits. Aber Philipp ist hängen geblieben in Landsberg am Lech, zeichnet Comics vor sich hin, hat höchstens gelegentlich mal einen Illustrationsauftrag. Als er ein Kinderbuch über Astronomie illustrieren soll, geht er zur Recherche in die Sternwarte und lernt dort Tom kennen, einen jungen Mann, der seine Nächte damit verbringt, den Sternenhimmel zu beobachten. "Er ist dreiundzwanzig und hat überhaupt keine Perspektive", sagt Vera über Tom. Noch so einer, der eigentlich erwachsen werden sollte? "Was soll er mit einer Perspektive", ruft Philipp seiner Freundin zu: "Er hat ein Teleskop!"

Marc Deckert, der die Geschichte der Freundschaft von Philipp und Tom erzählt, war lange Textchef bei dem Münchner Magazin "Neon", das 2003 mit dem Slogan "Eigentlich sollten wir erwachsen werden" antrat (derzeit steht Deckerts Name im Impressum des Schwestermagazins "Nido", das sich an junge Eltern wendet). Während die Chefredakteure Timm Klotzek und demnächst auch Michael Ebert zum erwachsener wirkenden Magazin der "Süddeutschen Zeitung" gewechselt sind, hat der 1970 geborene Deckert nun seinen Debütroman vorgelegt, "Die Kometenjäger".

Viele Romane von Journalisten schmoren im Saft des eigenen Lebensgefühls und Milieus. Gerade "Neon" wurde immer wieder vorgeworfen, hauptsächlich Jungerwachsenen-Gefühligkeiten zu transportieren. Doch Marc Deckert hat etwas gemacht, was schriftstellernde Journalisten erstaunlich selten tun, obwohl es doch eigentlich zum Handwerkszeug ihres Berufes gehört: Er hat ausgiebig recherchiert über ein zunächst einmal fern liegendes Thema, nämlich die Astronomie.

Motive aus Buddy-Film und Roadmovie

So ist in dem Buch viel zu erfahren über die Jagd nach Kometen, das heißt: den Wettkampf darum, einen bisher unbekannten Kometen als erster zu entdecken - der Komet wird dann nach seinem Entdecker benannt. Toms Großvater war eine solche Entdeckung zweimal gelungen, der junge Mann strebt ihm nach, ständig auf der Suche nach dem perfekt dunklen Nachthimmel. Aber er jagt unter ungleich schlechteren Startvoraussetzungen, denn die meisten neuen Kometen werden heute mithilfe von Computern gefunden, die eine Vielzahl von hochaufgelösten Kamerabildern auswerten können. Einzelgängerischen Forschern aus Leidenschaft, wie Tom einer ist, gelingen nur noch selten Erstfunde.

Wenngleich es unbestreitbar interessant ist, in die Welt der Kometenjäger eingeführt zu werden, gelingt es Deckert bei allen Bemühungen nicht so ganz, die Magie der Sternenhimmel sprachlich zu vermitteln. Warum der Illustrator Philipp seinem neuen Freund Tom so sehr verfällt, dass er sich selbst die Nächte um die Ohren schlägt und mit ihm nach Amerika reist, bleibt immer ein bisschen rätselhaft. Auch die weitschweifigen Naturbeschreibungen, die den Roman durchziehen, lassen den Leser seltsam kalt. Statt ausführlicher Landschaftsbeschreibungen hätte man lieber mehr darüber erfahren, was die Betrachtungen mit den Protagonisten machen. Deckerts Sprache wirkt sehr kontrolliert, gelegentlich sogar übergenau, wenn gleich zweimal das altertümliche "stak" als Vergangenheitsform für "stecken" verwendet wird.

Dass "Die Kometenjäger" dennoch Spannung entwickelt, liegt an den menschlichen Beziehungen zwischen den Figuren, besonders an der Freundschaft zwischen dem rätselhaften Tom und dem suchenden Philipp. Die Sterne werden da mit der Zeit zu einer Metapher für ein fast beliebiges, gemeinsames Ziel, das unter allerlei Entbehrungen, Streitigkeiten und Versöhnungen gesucht wird. Wenn im Roman die USA zum Schauplatz werden, nimmt er Motive aus dem Buddy-Film und dem Roadmovie auf, gepaart mit einer sozusagen alteuropäischen Sinnsuche. Und Sinnsuche, die gehört doch ganz typisch zum Lebensgefühl junger Erwachsener.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Hélène Grémillons "Das Geheimnis der Liebe", " Felicitas Hoppes "Hoppe", Rayk Wielands "kein Feuer, das nicht brennt", John Burnsides "In hellen Sommernächten"und Miranda Julys "Es findet dich".

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1.
favela lynch 17.04.2012
Ist das also jetzt das Buch zu den 90ger Jahren. Das Buch zu meinem Leben. Super. Nur leider habe ich addicted to love bereits gesehen. Ach, der Spiralnebelmann!
2.
favela lynch 17.04.2012
Ist das also jetzt das Buch zu den 90ger Jahren. Das Buch zu meinem Leben. Super. Nur leider habe ich addicted to love bereits gesehen. Ach, der Spiralnebelmann!
3.
Schmökerinnn 21.04.2012
http://youtu.be/iFCSCValz1U
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