Moebius-Comics Meister der Seltsamkeit

Er schuf eine epochale Westernserie , entwarf fremdartige Welten und prägte mit Bauten für "Alien" und "Tron" Hollywoods Vorstellung von Science-Fiction. Nun huldigen aufwendige Ausgaben dem 2012 verstorbenen Comic-Visionär Moebius.

Von Jörg Böckem

Moebius Production/ Glénat

Ohne ihn sähen die Bilder, die wir uns von der Zukunft machen, anders aus: Gemeint ist Jean Henri Gaston Giraud, der sich auch Moebius nannte, und der im März 2012 im Alter von 73 Jahren verstarb. Dass er zu Recht als Comic-Visionär gilt, der das Medium über Jahrzehnte maßgeblich mitgestaltet hat, zeigen Neuauflagen, Kollectionen und letzte Werke, die jetzt auf den Markt kommen.

Unter seinem Geburtsnamen Giraud hatte der in einem Pariser Vorort geborene Zeichner in Zusammenarbei mit dem Texter Jean-Michel Charlier die epochale, stark von Nouvelle Vague und Spaghetti-Western beeinflusste Westernserie um den renitenten Draufgänger "Mike Blueberry" geschaffen. In den siebziger Jahren begann er seine zeichnerischen Reisen in zukünftige und fremdartige wie in innere Welten, in den Traum und das Unbewusste: Er war Mitbegründer des stilbildenden Comic-Magazins "Métal Hurlant", unter dem Pseudonym Moebius, angelehnt an den deutschen Mathematiker und Entdecker der Möbiusschleife August Ferdinand Möbius, schuf er zunehmend phantastische und surrealistische Bilderwelten.

Nebenbei hat der hochbegabte Zeichner, der schon mit 16 Jahren ein Studium für Angewandte Kunst begonnen hatte, auch die Zukunftsvisionen im Kino nachhaltig geprägt. Er entwarf Dekors und Bauten für Science-Fiction Filme wie "Tron", "Alien" oder "Das fünfte Element"; George Lukas "Star Wars"-Filme waren ebenso von Moebius' Zeichnungen inspiriert wie Ridley Scotts "Blade Runner" und Jahrzehnte später James Camerons "Avatar". Regisseur Ridley Scott gab in einem Interview zu Protokoll, ihn hätten Moebius wundervollen Zeichnungen erst dazu inspiriert, sich dem Science-Fiction-Genre zuzuwenden.

Die Welt hinter der Oberfläche

Das zeichnerische Vermächtnis von Giraud präsentieren nun drei deutsche Verlage. Der Splitter-Verlag hat den Incal-Zyklus in einer aufwendigen, üppig ausgestatteten Neuausgabe wiederaufgelegt. Das psychedelische, spirituell aufgeladene Sci-Fi-Epos um den Privatdetektiv John Difool entstand in Zusammenarbeit mit dem chilenischen Filmemacher Alejandro Jodorowsky, nachdem eine gemeinsame Verfilmung von Frank Herberts Roman "Der Wüstenplanet" gescheitert war; es gehört zu den Hauptwerken des Zeichners.

Bei Ehapa ist Moebius' letzte Arbeit in einem großformatigen, edlen Hardcoverband erschienen: "Arzak: Der Raumvermesser". In diesem Band, den der Zeichner kurz seinem Tod fertigstellte und der als erster Teil einer Trilogie geplant war, nimmt Moebius eine der frühesten Figuren wieder auf und führt sie durch ein surreales Weltraumabenteuer und psychedelische Landschaften. Ein Band, der beweist, dass Moebius auch im Alter nichts von seiner zeichnerischen Meisterschaft und überbordenden Phantasie eingebüßt hat.

Der Verlag Cross Cult hat dem Comic-Meister mit seiner Moebius-Collection ein Denkmal gesetzt: Nach den Klassikern "Arzach" und "Die hermetische Garage" sind kürzlich fünf weitere Bände erschienen, darunter "The Long Tomorrow", die Geschichte, die als Vorlage für "Blade Runner" diente. Die Bände, allesamt in einer edlen Ausstattung, bilden das Universum des Moebius in all seinen Facetten ab. Sie versammeln Werke, die von Arthur Rimbaud oder H.P. Lovecraft inspiriert wurden, spiegeln Moebius' Hang zu Spiritualität und Esoterik, seine Suche nach einer Welt hinter der Oberfläche, seine Experimentierfreude, aber auch seinen Humor und seine gesellschaftskritischen Ansätze und zeigen einen Zeichner, der sich auf der Suche nach größtmöglicher Gestaltungsfreiheit nicht um Genrekonventionen scherte. Die ausführlichen und oft erhellenden Vorworte des Zeichners, die einigen der Bände vorangestellt sind, vertiefen dieses Bild.

Sogar im amerikanischen Superhelden-Comic scheint Moebius seine Spuren hinterlassen zu haben - auch wenn der 1988 in Zusammenarbeit mit Stan Lee veröffentlichte "Silver Surfer"-Band nicht unbedingt zu den Höhepunkten seines zeichnerischen Schaffens gehört: Im aktuell erschienenen dritten Heft des "Avengers vs. X-Men"-Spektakels huldigt Zeichner John Romita Jr. dem Franzosen dezent, aber liebevoll.


Neu aufgelegte Moebius-Comics:
"Der Incal" 1-6. Text: Alejandro Jodorowsky, Zeichnungen: Moebius; Splitter Verlag; 64 Seiten; 15,80 Euro.

"Arzak: Der Raumvermesser". Text und Zeichnungen: Moebius, Ehapa Verlag; 80 Seiten; 25 Euro.

Moebius-Collection: "Arzach". Cross Cult Verlag; 56 Seiten; 16 Euro.
Moebius-Collection: "Die hermetische Garage". Cross Cult Verlag; 120 Seiten; 19,80 Euro.
Moebius-Collection: "Die blinde Zitadelle". Cross Cult Verlag; 56 Seiten; 16 Euro.
Moebius-Collection: "Zwischenlandung auf Pharagonescia". Cross Cult Verlag; 56 Seiten; 16 Euro.
Moebius-Collection: "The Long Tomorrow". Cross Cult Verlag; 56 Seiten; 16 Euro.
Moebius-Collection: "Die Ferien des Majors". Cross Cult Verlag; 56 Seiten; 16 Euro.
Moebius-Collection: "Der Mann von der Ciguri". Cross Cult Verlag; 56 Seiten; 16 Euro.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
vadersfear 21.01.2013
1. Blade Runner fehlreferenz.
Moin! Die Referenz mit Blade Runner ist nicht ganz richtig. Richtig ist, das Blade Runner auf dem Phillip K. Dick Buch "Do Androids Dream of Electric Sheep?" basiert. Ridley Scott und Syd Mead gaben Moebius' Geschichte als beeinflussendes Material für das Design des zukünftigen L.A. an. Gruß!
spon-facebook-1282539949 21.01.2013
2. Alien Fehlrefenerenz II
…und "Alien" bitte auch aus der Überschrift rausnehmen, diese "Welt" wurde von Herrn Giger entworfen (http://de.wikipedia.org/wiki/Hansruedi_Giger)
stubborn 21.01.2013
3. Neben Spiritualität und Esoterik...
...sollte auch an seine Experimentierlust mit Drogen erinnert werden. Für mich der alltime favourite: Le Garage hermétique
dontoffone 21.01.2013
4. Nur das Alien...
Zitat von spon-facebook-1282539949…und "Alien" bitte auch aus der Überschrift rausnehmen, diese "Welt" wurde von Herrn Giger entworfen (http://de.wikipedia.org/wiki/Hansruedi_Giger)
Die "Nostromo", die Raumanzüge, sowie div. Interieur jedoch, basieren auf Möbius' Entwürfen.
danou 21.01.2013
5. Mehr als nur ein Zeichner, ein gestalterischer Gott!
So wie J.R.R. Tolkin für die Rollenspieler, ist auch Moebius für die Sci-Fi-Freunde, welche sich an Cyberpunk oder ähnlichen Genres erfreuen. Tja, wie auch D.Adams: die guten sterben leider viel zu früh!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.