Neu übersetzte Klassiker Am Vorabend des Völkermordes

Symbol für Genozid und Versöhnung: Auf der Brücke über die Drina wird jährlich der Opfer des Bosnienkriegs gedacht. Ivo Andrics Meisterwerk über die Bedeutung dieses historischen Bauwerks liegt jetzt in neuer Übersetzung vor. Außerdem: Das große Stevenson-Revival und der ideale Tolstoi-Einstieg.

Serbe Mladic (bei der Begrüßung der Bürgerkriegstruppe Drina Wölfe): Bitterer Epilog
Reuters

Serbe Mladic (bei der Begrüßung der Bürgerkriegstruppe Drina Wölfe): Bitterer Epilog


Mikrokosmos des Balkans: Ivo Andrics "Die Brücke über die Drina"

Dass dieses Buch den fundamentalen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts abgetrotzt ist, würde kaum ahnen, wer es nicht wüsste; doch wer es weiß, spürt es selbst in seinem wunderlich anachronistisch anmutenden Anfang. Gerade so, als hätten Stendhal oder Manzoni die fabulierfreudige Feder geführt, hebt dieses alle Moden der Moderne ignorierende Erzählwerk mit der beschaulichen Beschreibung eines Flusslaufs an - und stößt nach wenigen Zeilen schon auf einen Halt: "... wo die Drina mit dem ganzen Gewicht ihrer Wassermassen, grün und schäumend, aus dem scheinbar geschlossenen Massiv der schwarzen und steilen Berge hervorbricht, steht eine große, gleichmäßig geschnittene Brücke aus Stein mit elf weitgespannten Bögen."

"Steht": Wenn es ein magisches Wort in diesem zutiefst aufklärerischen Buch gibt, so ist es dieses Präsens. Es entwickelt im Verlauf der geschilderten drei Jahrhunderte von der Entstehung der Brücke in den siebziger Jahren des 16. Jahrhunderts bis zu ihrer Teilsprengung im Ersten Weltkrieg eine Majestät, die jener der Brücke selbst gleichkommt. Je mehr Episoden der Chronist aneinanderreiht, je mehr Figuren und Epochen im Weichbild über der Brücke auftauchen und wieder verschwinden, umso phantastischer mutet ihre Präsenz an. Am Ende "steht" triumphal das Präsens der reparierten Brücke. "Als wäre Sinn und Wesen ihres Bestehens in ihrer Stetigkeit begründet."

Doch Andric ist kein Autor, der in Steinen nach dem Wesen des Seins sucht. Der Sinn einer Brücke ergibt sich ihm aus dem Bedürfnis, schnell und trocken ans andere Ufer zu gelangen, und so vollkommen der vom osmanischen Stararchitekten Sinan entworfene Bau ihm auch scheint, so sparsam beschreibt er die Brücke: ihre antik-massive Größe, die selbst der Gewalt der Überschwemmungen standhält; ihr klassisches Gleichmaß, das der rau zerklüfteten Landschaft Hohn spricht; ihre weiten Bögen, die beinahe grotesk kontrastieren mit der beengten Kultur im bosnischen Hinterland.

Vom Staunen über das letztlich unbegreifliche Glück, erste Nutznießer eines Bauvorhabens zu sein, das Bosnien mit Istanbul verbinden sollte, rührt vielleicht die "melancholische Sorglosigkeit", die Andric den Bewohnern des Brückenstädtchens Višegrad zuschreibt. Vielleicht aber ist die Charakterisierung aber auch nur eine freundliche Umschreibung für einen untertänigen Fatalismus - und ein Versuch, eine Gemeinsamkeit zu stiften über alle kulturell-religiösen Differenzen hinweg. Denn Andrics Višegrad ist ein Mikrokosmos Bosniens unter osmanischer, dann habsburgischer Herrschaft - und "Die Brücke über die Drina" eine epische Rekonstruktion, wie die unendlich komplizierte Koexistenz von Orthodoxen, Muslimen und Juden wenigstens einmal im Projekt der Brücke glückte - Hass, Willkür, Unterdrückung zum Trotz. Wenige Seiten nach dem idyllischen Auftakt wird ein Bauer auf der Baustelle gepfählt.

Das Buch erschien 1945, als mit der Ausrufung von Titos Volksrepublik das staatliche Großprojekt gerade wieder begonnen hatte; dass Andric, der ein glühender Anhänger der jugoslawischen Idee war, seine Brücken-Chronik auch nicht ansatzweise zur nationalen Versöhnungsfabel auswachsen lässt, sichert dem Werk seinen literarischen Rang. Dass aber auf der Brücke über die Drina alljährlich der ermordeten Muslime des Bosnienkriegs gedacht wird, wirkt gleichwohl wie ein bitterer Epilog auf dieses Buch vom einmaligen Gelingen. Hans-Jost Weyandt

Aufgelopp zu "Anna Karenina": Tolstois "Familienglück"

Leo Tolstoi war bestimmt kein Verfechter der Frauen-Emanzipation, doch man kann seinen frühen Roman "Familienglück" von 1859 auch als Psychogramm einer intelligenten und ambitionierten Dame lesen, die nach besten Kräften die gesellschaftlichen Umstände zu ihrem Vorteil nutzt. Die einfache Geschichte ist knapp die: Das 17-jährige Mädchen Mascha verliebt sich nach dem Tod seiner Mutter in den viel älteren Vormund Sergej, der gerührt und geschmeichelt dieser Schwärmerei zögernd nachgibt und die jugendliche Schönheit tatsächlich heiratet - die Probleme sind damit programmiert. Natürlich bröckelt die Generationen-Brücke trotz bester Absichten der ungleichen Eheleute bald, die Erfahrungen und Ansprüche ans Leben sind zu verschieden.

Diese Geschichte spielt sich in erwartbaren Bahnen ab, wie etwa das idyllisch reine Landleben mit den Verführungen der bösen Stadt kollidiert, doch Tolstoi erzählt einfach meisterhaft und schlackenlos fließend, wie Menschen denken, handeln, sehenden Auges Fehler machen und zu überleben versuchen. Das ist zutiefst menschlich und daher eben typisch Tolstoi, auch wenn die Wucht kommender Werke nur angedeutet ist.

Was aber vor allem an diesem Aufgalopp zu Tolstois späterem Meisterwerk "Anna Karenina" begeistert, ist die Darstellung der Sichtweise der jungen Protagonistin, die Lernprozesse der jungen Frau, ihre manchmal schlichten, manchmal scharfen Analysen. Der Leser taucht ein in einen keinesfalls heroischen, aber tapferen Charakter, dessen Windungen und Wandlungen man über die knapp 190 Seiten der Erzählung in allen Verästelungen gespannt folgt. "...mit jedem Tag, mit jeder Stunde will ich etwas Neues, er aber will stehenbleiben und mich mit ihm zum Stehen bringen." Der Teenager begreift die Probleme, kann aber immer nur schnell lernen, seine Erkenntnisse kaum realisieren. Immer ist Mascha willens, das Richtige zu tun, nach dem Guten zu streben. Sie will gewiss kein Trophy Girl eines reichen Mannes werden, ihre Liebe oder jenes Gefühl, das sie dafür hält, lebt sie ohne jedes Kalkül aus. Doch das "Richtige" für eine Frau kann aus Sicht Tolstois nur sein, eine gute Ehefrau zu werden, ohne Primat der Selbstverwirklichung.

Dennoch stellt er Maschas Kampf fair und positiv aus ihrer Sicht dar. In der kongenialen Übersetzung der Kölner Slawistin Dorothea Trottenberg leuchtet Tolstois Studie in allen sprachlichen Farben, gerade weil der Autor stets gemessen und beinahe analytisch reserviert erzählt. Wie schon Rosemarie Tietze, die "Anna Karenina" in wunderbare deutsche Sprache überführte, gelingt auch Trottenberg ein federnder, beschwingter Ton, der das jugendlich unverstellte und doch ernsthafte Wesen der Helden perfekt widerspiegelt. Die voluminösen Akkorde wie bei der großen Novelle "Der Tod des Iwan Iljitsch" klingen hier schon an, aber auch der volkstümlich-märchenhafte Ton, den Tolstoi ja ebenso perfekt beherrscht ("Wie viel Erde braucht der Mensch?") schwingt mit. "Familienglück" wird in dieser Ausgabe zum idealen Einstieg für alle Tolstoi-Neulinge. Werner Theurich

Ein mit viel Understatement erzähltes Abenteuer: Robert Louis Stevensons "St. Ives"

In den frühen, kühlen Morgenstunden, wenn das Haus noch still war, pflegte Robert Louis Stevenson im Bett zu frühstücken und sich dabei Notizen zu machen - das Rohmaterial für seine Romane, das er am Nachmittag seiner Stieftochter Belle diktierte. Stevenson, seit Kindesbeinen schwächlich, und, wie man heute vermutet, an einer tödlichen Gefäßkrankheit leidend, hatte Schottland, wo er geboren war, längst verlassen und lebte auf der Pazifikinsel Samoa in einem hölzernen Herrenhaus.

Hier entstand auch "St. Ives", wenn man von dem Fragment "Die Herren von Hermiston" absieht, Stevensons letzter Roman. Das Buch blieb unvollendet. Am 3. Dezember 1894 starb der Schriftsteller im Alter von 44 Jahren. Arthur Quiller-Couch, ein heute vergessener Nachwuchsliterat, schrieb die letzten Kapitel nach Stevensons Entwürfen zu Ende.

Nun ist das Buch erstmals vollständig ins Deutsche übersetzt erschienen. Wie in seinem berühmtesten Werk, dem Jugendbuch "Die Schatzinsel" (2010 neu übersetzt bei Reclam) erweist sich Stevenson als Meister des Romananfangs: Ist es in der "Schatzinsel" der finstere Seemann Bones, der sich im Hafengasthaus Admiral Benbow einquartiert, so beginnt "St. Ives" mit der Schilderung der Festungshaft französischer Kriegsgefangener in Edinburgh. Schnell tritt eine schöne Frau auf, es kommt zum Duell, ausgeführt mit zwei an Stöcken befestigten Scherenklingen - andere Waffen waren nicht zur Hand. Einer stirbt, der Überlebende ist der französische Adelige Kéroul de Saint-Yves. Auf seiner Flucht, die ihm bald gelingt, wird er sich nur noch St. Ives nennen.

Duell-Szenen beherrscht Stevenson ebenso gut wie den dramatischen Einstieg: In seinem Meisterwerk "Der Master von Ballantrae" (auch dieses Buch erschien 2010 neu, wir scheinen es mit einer regelrechten Stevenson-Renaissance zu tun zu haben) gibt ein nächtlicher Zweikampf einen der Höhepunkte der Geschichte ab. Doch anders als die furiose, vor fast gar keinem Einfall zurückschreckende Hyper-Schnurre "Der Master von Ballantrae" entwickelt sich die Geschichte in "St. Ives" beinahe unspektakulär. Mag die Hauptfigur auch Gentleman, Hasardeur und Dandy in einer Person sein; mögen Stevenson auch Kapitel voller Charme und abenteuerlichem Zauber gelingen, mag "St. Ives" auch die Geschichte einer wilden Jagd über die britische Insel sein - letztlich wirkt das Buch fast entspannt; das Werk eines Könners, der sich seiner Mittel sehr wohl bewusst war, sie aber nurmehr wohl dosiert einsetzte. Ein mit viel Understatement erzähltes Abenteuer. Sebastian Hammelehle



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