Kriegsfotografin Gerda Taro Mit der Kamera in den Kampf

Sie ging dorthin, wo es gefährlich war: an die Front. Im Sommer 1937 starb die Fotografin Gerda Taro im spanischen Bürgerkrieg. Eine detaillierte Biografie würdigt jetzt Leben und Werk der ersten Kriegsreporterin.

Gerda Taro/ International Center of Photography

Ihr Begräbnis am 1. August 1937 in Paris war das einer Heldin. An die 100.000 Menschen folgten dem Sarg von Gerda Taro, die an diesem Tag 27 Jahre alt geworden wäre. Die Kapelle spielte Chopins Trauermarsch, die Linken der französischen Metropole hatten sich versammelt, um Taro zu ehren, die im Spanischen Bürgerkrieg als Fotoreporterin zu Tode gekommen war.

Der Fotograf Henri Cartier-Bresson war da, der Dadaist Tristan Tzara, die Schriftsteller Louis Aragon und Pablo Neruda, die deutschen Emigranten Anna Seghers und Egon Erwin Kisch. An der Spitze des Zuges, den die Kommunistische Partei Frankreichs organisiert hatte, schritt der Vater der Toten, Heinrich Pohorylle, ein deutscher Jude aus Leipzig. In Tränen aufgelöst war Gerda Taros Geliebter und Gefährte, der aus Ungarn stammende Fotograf Robert Capa.

Gerda Taro war nicht die erste Fotoreporterin, die Szenen eines Krieges mit der Fotokamera dokumentierte, aber sie war die erste, die in einem Krieg dorthin ging, wo tödliche Gefahren lauern, an die Front. Jahrzehntelang stand sie ganz im Schatten ihres Freundes Robert Capa, dem Gründungsmitglied der legendären Fotografenagentur Magnum, der zum bekanntesten Kriegsfotografen des 20. Jahrhunderts wurde. Nun erfährt Gerda Taro Gerechtigkeit.

Nicht nur über ihr Begräbnis lässt sich jetzt mehr erfahren, sondern über ihr gesamtes Leben; in einer sehr detaillierten Biografie, verfasst von der Kulturwissenschaftlerin Irme Schaber, die seit bald 25 Jahren über Taro forscht und publiziert.

Es beginnt damit, dass die Fotografin nicht als Gerda Taro, sondern als Gerta Pohorylle im August 1910 in Stuttgart geboren wurde. Ihre Familie war aus Ost-Galizien nach Reutlingen zugewandert, wo ihr Vater eine Eiergroßhandlung begründete. Sie besuchte in Stuttgart die Realschule, ging eher bourgeoisen Vergnügungen wie Tennis und Tanzen nach. Nachdem die Familie im August 1929 nach Leipzig umgezogen war, lernte sie dort einen jungen Mann kennen, der aus einer kommunistischen Familie kam und dessen russische Mutter Lenin gut kannte.

"Zuweilen bin ich doch dir ganz verliebt"

Nach der Machtübernahme der Nazis klebte sie mit Freunden antifaschistische Plakate. SA-Männer verhafteten sie Mitte März 1933. In den knapp drei Wochen in "Schutzhaft" spielte sie das unpolitische Mädel und kam glimpflich davon. Aber es war klar, dass sie so bald wie möglich aus Deutschland verschwinden sollte. Im Spätherbst 1933 kam sie in Paris an.

Anfangs war es hart, sich in der Weltwirtschaftskrise unter Tausenden von Emigranten über Wasser zu halten. Es gab Wochenenden, an denen sie nicht aufstand, um möglichst wenige Kalorien zu verbrauchen. Nicht besser ging es dem ungarischen Fotografen André Friedmann, der als verfolgter Linker aus Budapest nach Berlin und von dort als Jude nach Paris geflüchtet war.

Gerta Pohorylle steckte Friedmann, der mit abgetragener Lederjacke herumlief, in einen Anzug und besorgte ihm Aufträge. "Chefin" nannte er die umtriebige Freundin, von einem Einsatz in Spanien schrieb er an sie: "Zuweilen bin ich doch dir ganz verliebt".

Bald hatte auch sie die Arbeit in der Dunkelkammer gelernt und begann selbst zu fotografieren, mit einer Reflex-Korelle, einer frühen Spiegelreflex-Kamera. Um mehr Interesse bei französischen Bildredakteuren zu erregen, nannte Friedmann sich - ganz amerikanisch - Frank Capa und sie sich Gerda Taro.

Am 18. Juli 1936 putschte General Franco gegen die Republik und ihre rechtmäßig gewählte linke Regierung, drei Wochen später waren Capa und Taro in Barcelona und dokumentierten die Ausbildung der anarchistischen Milizen. Die beiden waren ohne Frage parteilich, wie bei so vielen Intellektuellen Europas schlug ihr Herz für die Republikaner. Ihre Arbeit als Fotografen sahen sie als bescheidenen Beitrag im Kampf gegen die von Hitler und Mussolini unterstützten Franco-Truppen.

Der erste Medienkrieg der Geschichte

Der Spanische Bürgerkrieg zeichnete sich durch zwei neue Phänomene aus: Zum einen nahmen die faschistischen Kombattanten kaum mehr Rücksicht auf Zivilisten. Hitlers "Legion Condor" bombardierte Städte wie Guernica ebenso bedenkenlos wie Flüchtlingstrecks. Zum anderen handelte es sich um den ersten Medienkrieg der Geschichte, in dem wiederum die Fotos von den Opfern unmenschlicher Kriegsführung zu Propagandamaterial wurden. Die zahlreichen seit dem Ersten Weltkrieg in Europa gegründeten Illustrierten wollten dramatische Bilder des Krieges in Spanien.

Mal mit Capa, mal allein reiste Taro zu den verschiedenen Fronten des Bürgerkriegs, mehrfach in die hart umkämpfte Hauptstadt Madrid. Der spanische Dichter Rafael Alberti erlebte die beiden als "wunderschönes Paar: zwei Verlobte, zwei Verliebte." Sie lernten Ernest Hemingway und viele andere Schriftsteller und Künstler kennen.

Bereits in Paris hatte Taro den späteren Bundeskanzler Willy Brandt getroffen, damals Kader der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP). Nach Taros Tod kolportierte Brandt das Gerücht, sie sei einer Säuberung der stalinistischen Kommunisten zum Opfer gefallen.

Taro war eine undogmatische Linke. Viele ihrer Fotos aus Spanien sind eine politische Anklage gegen den Krieg. Die Menschen stehen im Mittelpunkt, nicht die Waffen und das Kriegsgeschehen

Taro war eine sehr fröhliche, optimistische Person, doch das ständige Sterben von Genossen und Freunden machte ihr zu schaffen. Einem englischen Kollegen sagte sie: "Wenn man bedenkt, wie viele großartige Menschen, die wir beide kennen, allein in dieser Offensive umgekommen sind, kommt einem der absurde Gedanke, dass es irgendwie unfair ist, noch am Leben zu sein."

Taro berichtete Freunden auch, dass sie den Tod auf sich zukommen sehe, dass sie Angst vor ihm habe. Aber sie fotografierte weiter. Als die Republikaner ein Dorf einnahmen, von dem die Nationalisten behaupteten, sie würden es nach wie vor halten, lieferte sie den fotografischen Beweis, dass die Republikaner recht hatten.

Tapfere Pionierin des Fotojournalismus

Von Madrid aus fuhr sie täglich an die nicht weit entfernte Front, dokumentierte die Schlacht um Brunete, rund 25 Kilometer westlich von Madrid, in der rund 100.000 Soldaten kämpften. Am 25. Juli 1937 fuhr sie an die Front und ignorierte den Befehl eines Generals, nach Madrid zurückzufahren, weil ein Bombenangriff der "Legion Condor" zu erwarten war. Bald saß sie in einem Unterstand im Bombenhagel und fotografierte, bis sie keinen Film mehr hatte.

Auf der Rückfahrt griffen die Deutschen erneut mit Tieffliegern an. Gerda Taro stand auf dem Trittbrett einer Limousine und klammerte sich an das schnell fahrende Automobil. Bei dem Versuch, einem republikanischen Panzer auszuweichen, streifte der Wagen den Panzer. Taro stürzte auf die Straße, der Panzer zerquetschte ihr mit einer seiner Ketten den Unterleib. Die Ärzte im Lazarett konnten der Sterbenden nur noch Morphium geben.

Obgleich ihr der Schweizer Künstler Alberto Giacometti in Paris ein sehr schönes Grab schuf, geriet Gerda Taro schnell in Vergessenheit. In unauslöschlicher Erinnerung hatte sie ihr Freund Robert Capa, der nie mehr eine so intensive Beziehung zu einer Frau hatte wie mit ihr. 1954 starb er in Vietnam durch eine Mine.

Erst seit dem Fund von rund 800 Negativen 2007 in Mexiko City ließ sich Gerda Taros Werk erschließen. Mit der jetzt erschienenen Biografie sollte die tapfere Pionierin des Fotojournalismus dem Vergessen entrissen sein. Verdient hätte sie es.


Irme Schaber: "Gerda Taro, Fotoreporterin. Mit Robert Campa im spanischen Bürgerkrieg". Jonas Verlag: 256 Seiten.



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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
jack_ryan63 23.08.2013
1. Alt-J
Die britishe Band Alt-J hat sie in dem Song "Taro" geehrt.
Stauss2 23.08.2013
2. Gestelltes Foto weit weg vom Schuss
Die junge Dame, die sich ungedeckt bei einem Schusswechsel so dekorativ mit einem Revolver zeigte, hätte das keine Sekunde überlebt. Ein leichtes Ziel für jeden Gewehrschützen. Nicht zu verfehlen. Und steht so still wie kein Hirsch in der Morgendämmerung. Eine Maschinengewehrgarbe in die Richtung und die junge Dame ist Hackfleisch. Die -wie hier üblich- hochgejubelte Frau war offenbar Modefotografin und wäre ebenfalls in einer Kriegssituation totgeschossen worden. Sie stand offenbar in aufgerichteter Haltung seitlich neben dem Shooting-Star.
winterwoods 23.08.2013
3. Ich wusste gar nicht...
Ich wusste gar nicht, das Self-Posing auch zu den Tätigkeiten eines Kriegsberichterstatters gehört.
andibaer 23.08.2013
4. Verworren
Wenn man wikipedia glauben kann, ist die Dame auf Bild 1 NICHT Gerda Taro, so dass die Beschriftung irreführend ist. Außerdem ist das Bild sicher nicht von einer aufrecht stehenden Fotografin gemacht worden, da diese dann nur etwa einen Meter groß gewesen wäre. Ansonsten ein spannender Lebenslauf einer interessanten Frau, die leider viel zu jung gestorben ist ...
totalmayhem 23.08.2013
5.
Zitat von sysopGerda Taro/ International Center of PhotographySie ging dorthin, wo es gefährlich war: an die Front. Im Sommer 1937 starb die Fotografin Gerda Taro im spanischen Bürgerkrieg. Eine detaillierte Biographie würdigt jetzt Leben und Werk der ersten Kriegsreporterin. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/neue-biografie-ueber-das-leben-der-fotografin-gerda-taro-a-917830.html
Das darf getrost bezweifelt werden. Florence Dixie berichtete ueber den Ersten Burenkrieg und den Zulukrieg. Aber selbst die Englaender versteigen sich nicht zu einer solch kuehnen Aussage, sondern beschreiben sie lediglich als die erste britische Kriegsreporterin.
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