Neue Bücher im Februar Ein schwarzes Kleid am Strand

Eine Auswahl der wichtigsten Belletristik- und Sachbuch-Veröffentlichungen im Februar - rezensiert vom KulturSPIEGEL.


BELLETRISTIK

Robert Haasnoot: "Steinkind".
Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby. Berlin Verlag, Berlin; 160 Seiten; 18 Euro. Erscheint am 4.2.

Wouters Eltern verschwinden in einer warmen Sommernacht. Wenige Tage später wird die Leiche seines Vaters an Land gespült. Von der Mutter dagegen fehlt jede Spur. Nur ihr Kleid hat man am Strand gefunden. Ein schwarzes Kleid, das für den 15-jährigen Wouter zum Symbol seiner Erinnerungen wird - der Liebe zur Mutter und seiner Schuldgefühle. Denn irgendwie glaubt er sich verantwortlich für den Tod der Eltern. Was aber tatsächlich geschehen ist, bleibt ein Rätsel. Wie eine latente Bedrohung begleitet jene Frage den Roman bis zu seinem Ende und wird, ohne je gestellt zu werden, immer drängender. Denn Wouter flüchtet zunehmend in eine Phantasiewelt, die ihn vom Leben abzuschneiden droht. Der glänzende Stilist Robert Haasnoot erzählt dies in einer ebenso einfachen wie poetischen Sprache. Es ist die Geschichte von der Versteinerung einer Seele, von der Überforderung, die der Verlust des Liebsten im Leben bedeutet.

SILJA UKENA

Olga Flor: "Talschluss".
Zsolnay Verlag, Wien; 176 Seiten; 16,90 Euro.

Der Reiz des Rationalen, das rasch ins Irrationale entgleiten kann, kennzeichnet die kühle Prosa Olga Flors; Komik entsteht bei ihr aus der Distanz. Wie in ihrem Debüt "Erlkönig" erweist sich die Grazer Physikerin als Virtuosin des Familienromans. Dessen bewährter Tektonik bringt sie nach und nach Haarrisse bei, bis der 60. Geburtstag der autoritären "Lebenshelferin" Grete im renovierten Bergbauernhof zu einem subtilen Inferno ausartet. Die unterschwelligen Aggressionen der Festgesellschaft, geschildert aus der Sicht der selbstunsicheren Event-Managerin Katharina, finden ihre Entsprechung in der Enge des Tals. Und durch den Ausbruch einer Rinderseuche nimmt die Veranstaltung schließlich klaustrophobische Züge an. Unter Quarantäne tritt das Ballett der Lebenslügen auf der Stelle, während draußen dumpf das Schicksal muht.

KATRIN HILLGRUBER

Linda Stift: "Kingpeng".
Deuticke, Wien; 160 Seiten; 16,90 Euro. Erscheint am 5.2.

Man begegnet sich auf dem Balkon: die Geschwister Nick und Kinga und jene seltsamen Nachbarn, die zwischen ihren Terrakotta-Blumentöpfen steife Abendessen veranstalten. Verworrene Verhältnisse folgen: Nick beginnt eine Affäre mit einer der geladenen Frauen, während Kinga von deren Mann in die Welt der Stundenhotels eingeführt wird. Was genau dort geschieht, daran erinnert sich Kinga jedoch ebenso wenig wie an den Verlauf jener Nächte, in denen sie neben ihrem Bruder aufwacht. Denn die Ich-Erzählerin leidet unter Ausfällen ihres Gedächtnisses. Diese Lücken geben dem Buch einen tänzerischen Rhythmus: Anstatt alle Rätsel zu lösen, springt die Geschichte einfach weiter, die Veränderungen werden lässig protokolliert. Und es hat überraschend viel Platz in diesem Debütroman: ein ermordeter Butler, ein paar sexuelle Träume, einleuchtende Küchenrezepte. All dies verdeckt aber nie das eigentliche Thema - die subtile gegenseitige Manipulation zweier Geschwister.

DOJA HACKER

Diane Broeckhoven: "Ein Tag mit Herrn Jules".
Aus dem Niederländischen von Isabel Hessel. C.H. Beck, München; 96 Seiten; 12,90 Euro.

Wie jeden Morgen hat Jules das Frühstück gemacht. Es liegt am Alter, dass es Alice so schwer fällt, morgens aufzustehen, aber auch am gleichförmigen Ablauf der Tage. Als sie schließlich steifgelenkig ins Wohnzimmer schlurft, sitzt ihr Mann Jules auf dem Sofa. Er ist tot. Alice ist erschrocken und überfordert, und nur eines wird ihr schnell klar: Sie will ihren Mann noch ein wenig für sich haben, um ihm alles zu sagen, was sie nie gesagt hat, um vor seinen toten Augen die von ihm festgelegte Routine zu ändern. Ganz allein bleibt sie an diesem Tag aber nicht: Der autistische Nachbarssohn kommt zum Schachspiel mit Jules - und wird zu Alices seltsamem Komplizen. 20 Jugendbücher hat die Belgierin Diane Broeckhoven, 58, bereits geschrieben; "Ein Tag mit Herrn Jules" ist ihr zweites Werk für Erwachsene - eine stille, gleichzeitig liebevolle und ironische Erzählung über Lebenslügen und den Mut, auch am Ende eines Lebens noch einmal neu anzufangen.

MARIANNE WELLERSHOFF


SACHBUCH

W. Somerset Maugham: "Notizbuch eines Schriftstellers".
Aus dem Englischen von Irene Muehlon/Simone Stölzel. Diogenes, Zürich; 608 Seiten; 24,90 Euro.

Originelle Gedanken habe er nie gehabt, dafür sei er "ein feinfühliger und scharfer Beobachter des Offensichtlichen", spottete der angehende Arzt und zukünftige Erfolgsautor Maugham (1874 bis 1965) über einen seiner ersten Geliebten. Auch auf ihn selbst träfe das wohl zu - hätte Maugham seine Beobachtungen nicht virtuos in Literatur verwandelt. Noch die Vorstudien und Einfälle, die er 1949 in strenger Auswahl herausgab, zeigen den geborenen Formulierer: In jungen Jahren sucht Maugham nach Feinsinn, doch bald überwiegen Geschichten, wie sie ihm auf vielen Reisen zufliegen, Szenen, Lektüreskizzen und Porträts. Charlie Chaplin aus nächster Nähe, aber auch die "ramponierte Schönheit" von Bananenblättern, alles fasziniert den gelassenen Weltbürger; mit sicherer Feder umreißt er Charaktere. So wird aus den jetzt erstmals vollständig übersetzten Arbeitsspuren ein großartiges Album der Menschen- und Weltkenntnis.

JOHANNES SALTZWEDEL

Ashley Kahn: "A Love Supreme".
Aus dem Amerikanischen von Michael Hein. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins; 344 Seiten; 22 Euro.

Neben der Liebe hat Religiosität zu allen Zeiten und in allen Kulturen die künstlerische Kraft der Menschen stimuliert. So wollte der Jazzmusiker John Coltrane seinem Schöpfer mit einem Werk danken, als er 1964 seine Heroin-Abhängigkeit überwunden und die Frau seines Lebens gefunden hatte. Dabei gelang dem Saxofonisten "A Love Supreme" - eine vierteilige Suite, die inzwischen als Meilenstein der Jazzgeschichte gilt. Autor Kahn rekonstruiert minutiös, wie Coltrane das Stück schrieb und mit seinem Quartett an einem Abend einspielte. Dazu schildert er das Leben des Musikers und die in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verbreitete Sehnsucht nach Spiritualität. Coltranes Album "A Love Supreme" traf genau diese Stimmung und wurde ein Kult-Hit. Nach einem ähnlichen Muster hat Kahn in seinem 2001 erschienenen Bestseller "Kind of Blue" die Entstehungsgeschichte von Miles Davis' berühmtester Platte geschildert.

HANS HIELSCHER



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