Neue Comics Helden und Dämonen

Brian Fies gibt mit "Mutter hat Krebs" rührende Einblicke in sein Familienleben, Ralf König knöpft sich den Kampf der Kulturen vor, "Adolf" karikiert das Dritte Reich, Ed Brubaker demontiert Captain America, und das "Spirit"-Archiv feiert Will Eisners Genie.


Brian Fies - "Mutter hat Krebs"
(Kneesebeck Verlag, 116 S., 14,95 Euro)

Carlsen Comics

Der autobiographische Comic hat in den USA eine starke Tradition, die sich bis auf Robert Crumb zurückführen lässt. Begnadete Alltagserzähler wie Art Spiegelman, Craig Thompson ("Blankets") und einige Dutzend mehr brachten das Medium Comic in den letzten Jahrzehnten mit ihren persönlichen Bestandsaufnahmen zu ungeahnten Höhen. Oft steht dabei nicht das irgendwie Besondere im Blickfeld, sondern das völlig Normale, die persönliche Perspektive macht den Unterschied. So auch bei Brian Fies, dessen "Mutter hat Krebs" eigentlich nicht als Buch geplant war. In winzigen Kapiteln veröffentlichte Fies die Geschichte von der Krebserkrankung seiner Mutter und dem Umgang seiner Familie mit diesem Schicksalsschlag auf seiner Seite im Internet. Nicht hinterher erzählt, sondern sozusagen live zeichnete er sich die Ereignisse der Tage von der Seele. Sein klarer, reduzierter Strich und das kleine Format der Comicstrips ließen etwas Witziges vermuten, aber "Mutter hat Krebs" ist, das diktiert schon das Sujet, alles andere als das.

Carlsen Comics

Ungeschönt zeigte Fies nicht nur den Krankheitsverlauf, sondern auch, wie sich das langwierige Genesen der Mutter auf die Familie auswirkt. Es ist von fast selbstzerstörerischer Ehrlichkeit, wenn Fies die Streitigkeiten der Geschwister dokumentiert oder die Angst, sich wirklich mit dem, was gerade geschieht, emotional auseinandersetzen zu müssen. Mal melancholisch, mal depressiv, mal voll galligem Humor schildert der Autor und Zeichner ganz normale Menschen mit all ihren Stärken und Schwächen, die vor einer der größtmöglichen Katastrophen im Leben stehen. Die Echtheit des Erzählten ist dabei seine Stärke. Fies verzichtet auf falschen Pathos oder übergreifende Dramaturgie - Tagebücher haben keine Moral. Ohne Werbung entwickelte sich diese Art offener Selbsttherapie zu einem Internetbestseller. "Mutter hat Krebs" sammelt diese Strips in unveränderter Form und Originalreihenfolge. Es ist ein mitunter schmerzhaftes Buch, so ehrlich und direkt, wie es nur das Medium Comic in seinen besten Momenten sein kann. Dafür erhielt "Mutter hat Krebs" in den USA den renommierten Eisner-Award, den Oscar der Comickultur.

Ralf König - "Dschinn Dschinn" (Rowohlt, 2 Bände á 150 S., je 9,90 Euro)

Rowohlt

Ralf König ist so produktiv wie selten. Nicht nur, dass jüngst eine weitere Sammlung seiner Kurzgeschichten (unter dem Titel "Trojanische Hengste") erschien, parallel dazu brachte er mit "Dschinn Dschinn" sein bis dato umfangreichstes Werk fast in Rekordzeit zu Ende. In nur etwas mehr als einem Jahr produzierte der Kölner Zeichner diese 300 Seiten lange Geschichte, die vom Verlag in zwei Teilen veröffentlicht wurde. Das Werk konnte zu kaum einem besseren Zeitpunkt erscheinen. Angesichts Karikaturenstreit und "Popetown"-Debatte, Papst-Verehrung und Anti-Islamismus-Tendenzen setzt sich König zwischen alle Stühle. Über Religion hat der Zeichner schon immer gelacht - in früheren Werken waren es Pfarrer, die Schwule aus der Kirche verjagten. "Dschinn Dschinn" handelt vom Islam, laut Königs eigenen Angaben wurde die Geschichte durch den berüchtigten "Mullah von Köln" inspiriert. Es geht um einen sinnesfeindlichen Mullah, der vor Jahrhunderten in eine Flasche verbannt wurde und in der Gegenwart als befreiter Dschinn ausgerechnet in der gemischten Homo-Hetero-WG von Manfred und Dörte landet. Sex! Liebe! Unverschleierte Frauen! So viel Sünde ist zu viel für ihn.

Rowohlt

König teilt aus, und zwar in alle Richtungen des missverstandenen Multikulturalismus - und dahin, wo Intoleranz und Fanatismus hausen. Schleierzwang, sexuelle Gewalt und Unterdrückung, Zensur und geistige Unfreiheit sind Auswüchse, die König keiner Kultur gestattet. Dabei ist "Dschinn Dschinn" kein düsteres oder ernstes Werk geworden. Es steckt, wie immer bei König, viel Sinnesfreude, Witz und Liebe zu den Figuren darin. Vor allem in den von Gefühlschaos geplagten WG-Bewohnern Manfred und Dörte. Dass König auch heikle Themen durch glaubwürdige Charaktere darzustellen vermag, ist eine seiner großen Stärken, die auch "Dschinn Dschinn" mühelos über alle politischen Untiefen und gelegentlich auch etwas flache Plot-Twists trägt. Dass König keine Angst vor heiklen Themen hat, zeigt sich auch in seinen 12 Karikaturen zum Karikaturenstreit, die letztes Jahr teilweise in der "Welt" dokumentiert wurden und inzwischen mit dem "Max & Moritz"-Preis ausgezeichnet wurden, dem wichtigsten Comicpreis im deutschen Sprachraum.

Osamu Tezuka - "Adolf"
(Carlsen Comics, 5 Bände á 280 S, je 12,00 Euro)

Salleck Publications

Ein japanischer Comic zum Dritten Reich ist in der an sich bereits eher comicfeindlichen deutschen Kulturlandschaft mit Sicherheit ein Streitfall. Glauben wir doch zu wissen, was die Japaner über Deutschland denken: Bayern, Bier und Bratwürste, das ist alles, was man im Inselreich von deutscher Kultur kennt. Oder? In diesem Kosmos der Klischees eckt Osamu Tezukas "Adolf" zwangsläufig an. In der insgesamt 1500 Seiten langen Geschichte dreht sich alles um ein Geheimpapier, das angeblich Hitlers jüdische Herkunft beweisen soll und dem in den Jahren 1936 bis 1945 diverse Parteien in Deutschland und Japan nachjagen. Da wird dann viel verschworen und gestorben, gefoltert, gerätselt und noch mehr gestorben. Allen Figuren stehen die großen Gefühle expressiv ins Gesicht geschrieben. Tezuka arbeitet in dieser Geschichte nicht mit feiner Klinge, sondern mit dem groben Keil. Aber anders als etwa Art Spiegelmans Holocaust-Verarbeitung "Maus" entstand "Adolf" auch nicht als Kunstwerk für sich.

Salleck Publications

Der in Japan als "Gott der Mangas" Hochverehrte und enorm erfolgreiche Tezuka hatte stets den Massenmarkt im Auge. Auch bei diesem in den frühen Achtzigern in Fortsetzungen für ein Magazin entstandenen Titel. Unterhaltung war das erste Ziel, dann kam die historische Aufklärung. Löst man den Blick aber von den vorgeführten erzählerischen Klischees dieses Comics, die durchweg der Spannungserzeugung dienen, zeigt sich der wahre Wert. So ist etwa Tezukas offensichtlich auf Originaldokumenten beruhende Episode zum Reichsparteitag ein Meisterstück der karikaturistischen Darstellung, sein redender Hitler gleichzeitig Dämon und Clown. Die strengen, geraden und starren Linien der Massenszenen drücken viel besser die diktatorische Gleichschaltung aus als Film oder Literatur dies je könnten. Geschickt spielt Tezuka so die Stärken des Mediums Comic aus, ohne sich dabei selbst als Künstler allzusehr in den Vordergrund zu rücken. Zudem gelingt ihm mit der Parallelhandlung um die Freundschaft der beiden Jugendlichen Adolf Kaufmann und Adolf Kamil ein emotionales Meisterstück: Feinfühlige Episoden aus dem japanisch-deutschen Alltag der Kriegszeit. All das - die gleichzeitig realistische und expressive Darstellung historischer Ereignisse und das gefühlvolle Feintuning - rücken "Adolf" und damit Tezuka in die Nähe eines anderen großen Comic-Künstlers des 20. Jahrhunderts: Will Eisner.

Brubaker/Epting/Lark - "Captain America"
(Panini Comics/Marvel, 288 S., 24,00 Euro)

Panini Comics/ Marvel

Die Demontage von Superhelden ist eigentlich ein alter Hut - gang und gäbe seit Frank Millers "Rückkehr des dunklen Ritters". Seit Mitte der achtziger Jahre zerpflücken US-Comicautoren seitdem die alten Helden, nehmen ihnen das Heldische und legen ihren Charakter bloß. Marvels Captain America blieb bisher davon verschont. Vielleicht, weil ihm als Träger eines US-Flaggenkostüms, als Charakter gewordener amerikanischer Traum ein wenig die inhaltliche Substanz abging. Mal durfte er in Korea Kommunisten jagen, dann wieder unter dem Watergate-Trauma leiden - ganz, wie es den jeweiligen Autoren der Episoden in die Gesinnung passte. Captain America war viel zu oft ein Symbol mit zwei Fäusten statt eine ernstzunehmenden Figur.

Panini Comics/ Marvel

Ed Brubaker, sonst eher bekannt für seine Krimi-Comics, nahm sich nun dieses Monuments an und entwarf eine clevere, verzweigte Thrillerhandlung, die den Helden nicht nur mit seiner Vergangenheit konfrontiert, sondern auch mit sich selbst. Es geht um Doppelgänger, tote Feinde und lebende Freunde. Anders als das knallige Cover vermuten lässt, erzählt Brubaker hier tatsächlich auf fast 300 Seiten die Geschichte des Menschen hinter der Maske. Unterstützt von Steve Epting und vor allem Michael Lark, beide bekannt für ihr durchdachtes graphisches Storytelling, entstand so einer der bemerkenswertesten Marvel-Comics der jüngeren Zeit, der sogar sehr zeitnah zur US-Ausgabe jetzt auf Deutsch vorliegt.

Will Eisner - "Die Spirit-Archive"
(Salleck Publications, 200 S., 49,00 Euro)

Kneesebeck Verlag

Comic-Historie lässt sich manchmal am Datum festmachen. In diesem Fall ist es der 6. Januar 1946. Der gerade mal 28-jährige Will Eisner war frisch aus dem Armeedienst entlassen und kehrte zu seiner Comicschöpfung "The Spirit" zurück. Die Figur des maskierten Detektivs Denny Colt war von Eisner 1940 für eine Comicbeilage erfunden und während seines Kriegsdienstes von anderen Zeichnern fortgeführt (manche sagen auch: in Grund und Boden gezeichnet) worden. Es sollte mehr als nur ein Phoenix aus der Asche werden. Mit Eisners Rückkehr zum "Spirit" begann nicht nur eine der fruchtbarsten Perioden für den Künstler selbst, es entstand auch ein maßgeblicher Comic, der vor allem die nordamerikanische Comickultur nachhaltig prägte. Eisner hatte nämlich während seiner Abwesenheit in so ziemlich jeder Hinsicht dazugelernt. Aus den oft eher simplen Krimi-Episödchen bis 1945 wurden jetzt - je nach Tagesform und Laune - kleine Sozialdramen, hochkonzentrierte Komödien oder moralische Fabeln. Der Spirit wirkte hier oft nur noch als Katalysator der Ereignisse oder sogar als Randperson.

Kneesebeck Verlag

Mit der Lust am Spiel kam auch die Kraft der Beobachtung. Eisner rückte das urbane Umfeld und deren Bewohner immer mehr ins Blickfeld, porträtierte Arbeiter, Büroangestellte und Obdachlose. Und nicht zuletzt war er nun auch graphisch ausgereift. Eisners legendäre Eröffnungsseiten, die den Schriftzug der Serie in immer neuen Variationen ins Bild einbinden, sind nur die Spitze des Eisbergs. Aus der Beschränkung von sieben Seiten pro Episode entwickelte er rasant eine Kunst der Ökonomie, in der jedes Panel von elementarer Bedeutung für die Erzählung ist. So brachte Eisner den Comic zu literarischer Meisterschaft. Wie rasant sich Eisner vom Leichtfuß zum wirklichen Erzähler wandelte, lässt sich im Band 12 der "Spirit Archive" nachlesen, die die ersten sechs Monate in Eisners erstem Nachkriegsjahr abdecken und nun endlich auf Deutsch vorliegen.

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