Neue Comics im März Seltsame Helden

Nicht immer müssen Helden groß, stark und strahlend sein: In den besten Comic-Neuerscheinungen der letzten Wochen geht es um gebrochene Superhelden, Zyniker, Underdogs und selbsternannte Retter der Popkultur.


Warren Ellis & John Cassaday: "Planetary"
(MG Publishing)

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Manche Comics liest man ohne sie wirklich zu verstehen. "Planetary" etwa, ein Großprojekt mit geplanten 600 Seiten Umfang des britischen Autors Warren Ellis ("Transmetropolitan") und des Zeichners John Cassaday. Vier übermächtig böse Wesen greifen nach der Herrschaft über die Erde, und nur das Mini-Team der "Planetary" versucht, sie ernsthaft aufzuhalten. Eine Verschwörungsgeschichte, die sich quer durch das 20. Jahrhundert, auf fremde Planeten und in Parallelwelten erstreckt - "Akte X" lässt grüßen. Das Thema ist also nicht neu, das Konzept aber bestechend: Ellis ordnet jedes Kapitel einem anderen popkulturellem Genre unter. So gibt es Hongkong-Action-Stories, Monstergeschichten, Hommagen an Tarzan und Jules Verne, Dracula, Sherlock Holmes und Marvel-Comics - alles in einer Serie.

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Jedes Heft ist anders gestaltet, fröhlich zitiert man Filmplakate und andere Comic-Cover, bildende Kunst und Pulp-Art. Eine witzige, gelegentlich zynische Tour de force durch den Mainstream also, ein Spiel mit Klischees und tieferer Bedeutung. Nur sehr langsam offenbaren sich die tieferen Storyzusammenhänge. Wie in einem fieberhaften Traum springt Ellis quer durch Raum und Zeit seiner eigenen Story, greift scheinbar beliebig Handlungsfäden auf, lässt sie fallen und kehrt wieder zu ihnen zurück. Das muss man aufmerksam und mit Bedacht lesen, um hinterherzukommen. Aber vielleicht muss man das alles auch gar nicht verstehen. Die "Planetary" ist letztlich das Rettungsteam der Popkultur des 20. Jahrhunderts: eine Art "Yellow Submarine" für Liebhaber trivialer Mythen.

Brian Azzarello & Marcello Frusin: "Hellblazer - Bis die Hölle gefriert"
(Schreiber & Leser Verlag)

Schreiber & Leser
Der dieser Tage in den Kinos laufende Film "Constantine" verschweigt recht verbissen, dass er auf einer der langlebigsten US-Comicserien basiert. Der "Hellblazer" alias John Constantine wurde in den achtziger Jahren von Comicgenie Alan Moore als britischer Philip Marlowe kreiert. Inzwischen treibt der kettenrauchende Zyniker, der wenig auf das Berufsethos des Magierstandes gibt, sein Unwesen in mehreren Hundert Comics. Zehn Auswahlbände davon liegen auf Deutsch vor. Der aktuellste, "Bis die Hölle gefriert", ist ein schönes Beispiel, warum die Serie sich anhaltender Beliebtheit erfreut.

Schreiber & Leser
Brian Azzarello ("100 Bullets") inszeniert als Autor ein eiskaltes Murder-Mystery um eine eingeschneite Fernfahrerkneipe, eine Leiche, eine Handvoll Verdächtige und einen knochentrockenen Constantine, der die Ereignisse so lange anheizt, bis alles explodiert. Nein, mögen kann man ihn dafür nicht. Der britische Bastard, der vor seinem Bier hockt und alle Anwesenden allein durch seine bissigen Bemerkungen in den Wahnsinn treibt, hat viel vom frühen Jack Nicholson - unausstehlich auf eine Art, die tatsächlich kunstvoll ist. Hollywood hat wenig davon übrig gelassen. Sogar die blonden Haare hat man Constantine genommen. Hier ist das Original, und das sollte man gelesen haben.

Brad Meltzer & Phil Hester: "Green Arrow - Das Leben nach dem Tod"
DC Comics/Panini)

Panini Comics
Der Tod hat sich im Superhelden-Kosmos schon lange als cleverer Marketingfachmann entpuppt, der einzelne Figuren abserviert und wieder auferstehen lässt - ganz so, wie es Verkaufszahlen und PR-Schachzüge erfordern. Insofern ist auch die Rückkehr des grünen Bogenschützen Green Arrow auf den ersten Blick nicht wirklich spektakulär. Zumal die Figur immer eher der B-Liga der Superhelden angehörte. Was aber Thriller-Autor Brad Meltzer aus der seltsam banalen Wiederauferstehung machte (im Reagenzglas wurde der Held zurück in die Realität geklont), ist nicht nur überaus flüssige Lektüre, sondern steckt zudem voller cleverer kleiner Sottisen auf die handelsübliche Heldenwiederkehr.

Panini Comics
"Ich war tot. Nun lebe ich wieder", lautet das knochentrockene Mantra des Recken. Wer denn auf seiner Beerdigung alles anwesend war, fragt der ebenfalls auferstandene Superman - und ist sichtlich unzufrieden mit der Antwort. Und Speedy, ehedem Arrows 13-jähriger Sidekick, ist nicht nur erwachsen, sondern auch größer geworden. Weshalb die alten Bogentricks, die man früher zusammen übte, nicht mehr funktionieren. Am Ende geht man gemeinsam auf Tour, um die letzten Überbleibsel des vorherigen Lebens einzusammeln. Kein "trip down memory lane", sondern eine melancholisch-ironische Komödie über die kleinen Dinge, die vom Leben bleiben und wegen derer man am Leben hängt.

Jeff Smith: "Bone"
(Carlsen Comics)

Carlsen Comics
Am Ende des "Zauberers von Oz" schlägt Dorothy drei Mal die Hacken ihrer roten Schuhe zusammen und sagt: "Es ist nirgends so schön wie daheim." Das ist wahr, aber auch traurig: Wer will schon das staubige Kansas, wenn er das Wunderland haben kann? Jeff Smiths "Bone" hat viel von diesem "Zauberer von Oz", aber auch vom "Herrn der Ringe" und von Walt Disney: Es geht um drei knuddlige Gnome, die aus einem Wer-weiß-wo in ein seltsames Tal gelangen, das nur auf den ersten Blick friedlich erscheint. Schnell finden sie sich als Katalysatoren in einem bizarren Machtkampf wieder, in dem es um alte Königinnen, Drachen, Heuschreckenwesen und gigantische Monster geht. Ein Wunderland also, wenn auch ein wenig gefährlicher und düsterer als Oz. Das wäre noch nichts Besonderes, wäre Smith nicht ein grandioser Zeichner und ein Meister des selbstironischen Erzählens.

Carlsen Comics
Seine drei Bone-Wesen sind sogar in dieser gefährlichen Kulisse auf bezaubernde Art noch viel harmloser und gutmütiger als jeder Hobbit es je sein könnte. Wenn sie mit großen, staunenden Augen durch die schrecklichen Ereignisse hetzen, vergisst der Leser glatt die ganze Klischeehaftigkeit der Story. Ein Jahrzehnt lang hat Smith an dieser 20-bändigen, sich immer weiter verzweigenden Geschichte gesessen, deren Abschlusskapitel jetzt auch auf Deutsch vorliegt. Dazwischen hat er praktisch jeden Comicpreis gewonnen, den es gibt. Das große Finale inszeniert er auf Breitwandniveau und mit epischen Qualitäten. Einen Wermutstropfen hat Smith allerdings parat: das Wunderland bekommen auch die Bones nicht.

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