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Neue Comics: Wenn kein Superman mehr hilft

3. Teil: Jiro Tanaguchi: "Die Stadt und das Mädchen"

Jiro Taniguchi: " Die Stadt und das Mädchen"
Verlag Schreiber & Leser, 340 S., 16,95 Euro

Es ist symptomatisch für den deutschen Comicmarkt, der sich zunehmend auf Kinder und Nostalgiker einschießt, dass ein Künstler wie Jiro Taniguchi darin lange keine Beachtung fand. Taniguchi ist bereits seit den siebziger Jahren aktiv, zu seinen Freunden und Verehrern zählen Künstler wie der französische Comic-Revolutionär Moebius. In Japan selbst gilt er als westlich orientierter Künstler. Vor nur knapp einem Jahr kam mit der Manga-Novellensammlung "Der Wanderer im Eis" erstmals ein winziger Teil von Taniguchis umfangreichem Werk auf den hiesigen Markt.

Manga "Die Stadt und das Mädchen": Raumgreifend erzählt
Verlag Schreiber & Leser / Jiro Taniguchi

Manga "Die Stadt und das Mädchen": Raumgreifend erzählt

Mit "Die Stadt und das Mädchen" und "Vertraute Fremde" folgten nun fast zeitgleich zwei weitere Comic-Romane. In "Vertraute Fremde" ist es der 48-jährige Architekt Nakahara, der sich auf einem Friedhof verirrt und nach einer Ohnmacht plötzlich als 14-jähriger aufwacht. Mehr noch, er ist plötzlich wieder im Jahr 1963, mitten in seiner beginnenden Pubertät und in einem idyllischen Familienleben, an das er sich nur noch schemenhaft erinnert. Und so stellen sich ihm vor allem zu Beginn die Fragen: Wer war jener Mitschüler? Wie hieß jener Lehrer? Nakahara, erwachsen im Kopf, sieht sich mit einem Leben konfrontiert, das ein halbes Leben zurückliegt.

Erschreckend konsequent führt Taniguchi die Distanz schaffende Kraft der Zeit vor. Aus jenem Sommer weiß Nakahara nur noch, dass sein Vater damals die Familie verlassen hat. Was er nicht mehr weiß, muss er nun schmerzhaft neu erfahren: der Beginn der Pubertät, der Wechsel der Freundschaften, das mühsame höhere Lernen. "Vertraute Fremde" ist auch ein Roman darüber, wie beliebig oft das Vergessen funktioniert, wie gleichermaßen wichtige Ereignisse aus dem Kopf verschwinden oder darin bleiben.

Auszug aus "Die Stadt und das Mädchen"
Verlag Schreiber & Leser / Jiro Taniguchi

Auszug aus "Die Stadt und das Mädchen"

Es ist der Vorteil des Mangas, raumgreifend erzählen zu können. Und Taniguchi nimmt sich den nötigen Platz - über vierhundert Seiten hat seine Erzählung, die ein detailliertes Bild vom kulturellen und sozialen Umfeld, aber auch von den Gefühlen seiner Hauptfigur zeichnet.

Ähnlich detailliert geht er in "Die Stadt und das Mädchen" vor. Nur sind es hier Tokio und die Gegenwart, die er porträtiert. Dort sucht der Bergsteiger Shiga in Tokio nach seiner verschwundenen minderjährigen Nichte. Es ist ein Abstieg in eine seltsame Halbwelt für den Freiluftfreund. In eine Szene, die von Drogenkonsum und Schulmädchenprostitution geprägt ist und in der fast alle ein zweites Leben neben ihrem Alltag als normale Töchter führen.

Taniguchi vermeidet alles Sensationslüsterne. Shiga, das Auge des Lesers, bleibt nahezu immer sachlich, nüchtern, beobachtend. Taniguchi stellt diesem gefühlskalten Mann eine ebensolche Stadt gegenüber: Fahl glitzernde Strukturen gerader Linien und harter Kanten bestimmen die Bilder. Ein fremder Mann in einer fremden Welt.

Und wenn Shiga, der Bergsteiger, am Ende die Höhen und Tiefen der Stadt in der für ihn typischen Weise bezwingt, dann ist auch das nur ein Sieg auf Zeit. Der Mann geht zurück in die Berge, die Stadt bleibt, wie sie ist.

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