Der deutsche Nick Hornby lebt in Berlin, zeichnet Comics und heißt Mawil. Es wissen nur noch nicht alle. Dabei genießt Markus Witzel alias Mawil für einen deutschen Independent-Zeichner bereits einen unerhört hohen Bekanntheitsgrad. Spätestens seit ihm 2003 mit "Wir können ja Freunde bleiben" ein großer Wurf gelang. Der Comic war eigentlich seine Diplomarbeit an der Kunsthochschule Weißensee und wurde von Mawil laut eigener Aussage in nur sechs Wochen geschrieben und gezeichnet.
Die Hälfte des deutschen Feuilletons lobte Mawil überschwänglich für diese tragikomische Sammlung von Anti-Liebesgeschichten. Die andere Hälfte der Kulturkritiker zog 2005 mit Mawils nächster Episode "Die Band" nach, der wahren Erzählung über den Versuch, irgendwie zum Rockstar zu werden. Inzwischen ist "Wir können ja Freunde bleiben" in der dritten Auflage erschienen, erhielt den Max-&-Moritz-Preis als bester deutscher Comic und liegt auf Spanisch und Französisch vor.
Der Ruhm kam nicht aus dem Nichts. Seit den späten Achtzigern finden sich die Comics des 1976 in Ost-Berlin geborenen Zeichners in Schülerzeitungen, Fanzines und Anthologien. Später veröffentlichte er bei der Indie-Talentschmiede Schwarzer Turm und im Eigenverlag, unter anderem gemeinsam mit seinem Freund Fil.
Es ist eine Form von wilder Ehrlichkeit, die Mawils Werke auszeichnet. Das betrifft sowohl seine autobiographischen Comics ("Wir können ja Freunde bleiben", "Die Band"), in denen er pointiert eine stinknormale deutsche Jugend in den neunziger Jahren aufarbeitet, als auch seine Episoden um den niedlichen Supa-Hasi ("Strandsafari"), die allerdings nur auf den ersten Blick brav wirken. Nichts wirkt geplant in diesen Comics, alles sieht aus, als wäre es gerade eben spontan aufs Papier geworfen worden. Es sind kleine Brocken Leben, komisch und tragisch, die Mawil den Lesern hinwirft.
Oft täuscht die Leichtigkeit der Lektüre über die Komplexität der Comics hinweg: Immer wieder überrascht Witzel mit ungewöhnlichen Perspektiven, experimentiert mit dem Zusammenspiel von Form und Inhalt. Harte Arbeit lässt sich dahinter erkennen, aber auch ein intuitives Wissen um Erzählmechanismen. Als einer der wenigen deutschen Comiczeichner ist Mawil dabei ein Meister der kurzen und der langen Form - wovon sich die Leser des jüngst erschienenen "Supa Hasi"-Albums überzeugen konnten. Nach den ausführlichen Erzählungen der Vorjahre ist dies ein Sammelband mit Kurz- und Kürzestgeschichten. Auch die vorliegende, exklusiv für SPIEGEL ONLINE entstandene Episode zeigt, das Witzel zu den treffsichersten Autoren gehört, dessen Geschichten alltäglich, aber nicht beliebig sind.
Stefan Pannor
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Literatur | RSS |
| alles zum Thema com!x | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH