Neue Fotobücher Blutrausch, Beats und Beauty-Queens

Mode-Ikonen der Achtziger und Schlachtfelder im Sudan, frühe HipHopper in der Bronx und liebestolle Kraken: Die Fotobücher der Saison zeigen Eleganz und Schönheit, aber auch den Schrecken der Welt. Ein Blick auf zehn neue Prachtbände, die kaum unterschiedlicher sein könnten.

© David Seidner / courtesy Schirmer/Mosel

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Sie hätte die stumpf und dummdreist daherkommenden, schlecht gekleideten Passagiere am liebsten geohrfeigt: Links, rechts, links - und dabei ausgerufen: "Yves! Saint! Laurent!", erzählte die Popsängerin Inga Humpe einmal von einer Freundin. Die war auf der Flugstrecke nach Mallorca als Stewardess unterwegs.

Der Name des Couturiers als Kampfruf. Dann könnte man den Bildband "Yves Saint Laurent - Icons Of Fashion Design" (Schirmer/Mosel) wohl als Lookbook für die Prêt-à-porter gewordene Utopie betrachten - und würde doch ins Zweifeln kommen. Legen doch die allzeit "gutt" ("Bild"-Zeitung) gekleideten Guttenbergs den Eindruck nahe, dass anders, als es sich die Pop-Linke immer wieder erträumt hat, kein Kausalzusammenhang zwischen einer besser gekleideten und tatsächlich besseren Welt bestehen muss.

Der Bildband zeigt Arbeiten Saint Laurents von seiner ersten Kollektion 1962 bis zu den späten Achtzigern, inszeniert von Weltfotografen wie Richard Avendon, Guy Bourdin und Bruce Weber; es entsteht das Bild von Mode als geschlossenem, Alltagsbanalitäten völlig ignorierendem Kosmos - ein Paralleluniversum, das fast so hermetisch ist wie "Die Welt der Gloria Vanderbilt" (Schirmer/Mosel). Die strahlend schöne Tochter eines Millionärs aus der Ostküsten-Upper-class kam 2009 zu recht spätem literarischen Ruhm, als sie mit 85 Jahren einen erotischen Roman veröffentlichte. Von derartigen Ambitionen ist der Bildband frei. Er zeigt Fotodokumente, Porträts und Trouvaillen aus neun Jahrzehnten; eine Coffeetable-Buch gewordene Klatschillustrierte, in der das schillernde, an Abgründen reiche Leben dieser Paris Hilton der vierziger und fünfziger Jahre ein bisschen zu affirmativ wegerzählt wird. Ein Buch als Inbegriff des schönen Scheins: Schaut gut aus, nicht viel dahinter. Kein Grund, hochnäsig zu werden! Auch darum geht es ja bei vielen Fotobüchern.

Eine ganz andere Geschichte von der Fotografie und ihrer Kraft, die sich nicht nur zur Inszenierung eines Bundesverteidigungsministers hervorragend nutzen lässt, sondern auch den Reporter selbst vor gewaltige Herausforderungen stellt, erzählt Stanley Greenes, völlig zu Recht mit dem Deutschen Fotobuchpreis 2011 ausgezeichnetes Buch "Black Passport - Journal eines Kriegsfotografen" (Benteli). Die unter anderem in Tschetschenien, im Sudan, in Afghanistan entstandenen Aufnahmen wahren kaum Distanz, wirken körperlich, geradezu testosterongeladen. "Black Passport" ist ein Fotoessay über den Blutrausch der Krieger - und gerade seiner Drastik wegen ernüchternder als das vermeintlich so nüchterne Reden von "kriegsähnlichen Zuständen" und "humanitären Einsätzen".

Für imperiale Politik sind die richtigen Sprachregelungen eben manchmal wichtiger als Kanonenboote. Schon im Paris des Jahres 1889 unterschied man zwischen integrationswilligen Asiaten und integrationsuntauglichen Nordafrikanern, als befinde man sich direkt im Gehirn Thilo Sarrazins. In seinem wunderbaren Buch "Bilder von der Globalisierung - Die Weltausstellung von Paris 1889" (Insel) erzählt Beat Wyss auf kurzweilige und kluge Weise von der Expo, für die der Eiffelturm errichtet wurde. Die Pariser wähnten sich modern, zukunftsorientiert, linksliberal - und schauten gerade deshalb auf die vermeintlich primitiven Kolonialvölker herab, die sie fast wie Zootiere ausstellten und wie Kinder behandelten.

Illustriert ist Wyss' Buch mit einer Vielzahl zeittypischer, im Glasgravur-Rasterverfahren reproduzierter Schwarz-Weiß-Bilder aus dem Journal l'Exposition de Paris 1889, das Wyss schon als Student in den Sechzigern im Stadtarchiv Luzern entdeckt hatte und mit dem dort niemand etwas anzufangen wusste. Dem Wissenschaftler ist die Freude an manchem Detail der Abbildungen durchaus anzumerken, und er entschuldigt sich, dass er keinesfalls in Nostalgie schwelgen wolle. Kein Problem. Gerade die Mischung aus Analyse und lebendiger Beschreibung macht das Buch so gut.

Als Gegenentwurf zu "Bilder von der Globalisierung" könnte man "Der Schmetterlingskoffer" (Galiani) von Hanna Zeckau und Hanns Zischler bezeichnen. Anders als Wyss haben sich die Grafikerin und der publizistisch ambitionierte Schauspieler in ihrem Werk über den Forschungsreisenden Arnold Schulze (1875-1948) für den Weg der Ästhetisierung entschieden. "Der Schmetterlingskoffer" soll demonstrativ schön gemacht sein, wird vom Verlag ausdrücklich als "Weihnachtsband", als "Staun- und Wunderbuch" beworben.

Die historischen Vorlagen und Fundstücke, darunter Zeitungsschnipsel, Fotos und sehr viele Schmetterlinge, sind von der Illustratorin Hanna Zeckau bearbeitet worden. Entstanden ist ein gefälliges Bilderbuch für die Nostalgie-Boutique, das zwar viele Originaltexte enthält, sein Thema aber unnötig verniedlicht. Auslöser für "Der Schmetterlingskoffer" war ein Fund im Berliner Naturkundemuseum. Dort waren Zeckau und Zischler auf einstmals per Überseefracht verschicktes Gepäck Schulzes gestoßen.

Dass nur wenige Meter vom Museum entfernt einer der schillerndsten Schmetterlingsjäger unserer Zeit lebt, war den Machern des Buchs dabei wohl nicht bewusst. Es ist der Schriftsteller Rainald Goetz, nicht mit dem Netz sondern mit der Kamera unterwegs und dabei selbst in Berlin-Mitte herumflatternd wie ein Falter. In seinem Fotobuch "Elfter September 2010" (Suhrkamp) ist eine vermutlich nur minimale Ausbeute seiner geradezu manischen Fotografiererei gesammelt. Es sind, neben Politikern und anderen Machtmenschen, die Schmetterlinge der Nuller Jahre, volkstümlich auch Nachtschwärmer genannt.

Auf einem der Bilder, das Rainald Goetz gemacht hat, ist ein Schreibtisch zu sehen, geschmückt mit dem Totenkopf als dem klassischen Vanitasmotiv. Immer wieder hat sich Goetz begeistert über Damien Hirsts "For the Love of God" geäußert, einen mit Diamanten besetzten Menschenschädel. Für ihn der Inbegriff der vom Tod und der Kälte des Kapitals beherrschten Nuller Jahre. Doch was ist ein einzelner Schädel gegen die geballte Jenseitssymbolik, die dem Betrachter entgegenschlägt in "Zurbarán - Ausgewählte Gemälde 1625-1664" (Schirmer/Mosel). Der Spanier Francisco de Zurbarán (1598-1664), der katholischste aller Barockmaler, ist uns heute, meint der Schriftsteller Cees Noteboom in seinem Vorwort, fremder als ein Alien. Zu Zurbaráns Zeiten nannte man Außerirdische noch Engel, dazu kommen in diesem Bildband Gemälde von Mönchen, Heiligen, und dem gekreuzigte Christus - sein Reich ist bekanntlich auch nicht von dieser Welt.

Die Arbeiten des Japaners Hokusai (1760-1849) mögen den europäischen Zeitgenossen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, der Phase in der sich das Inselreich nach außen abschottete, exotisch erschienen sein - heute ist ihre Ästhetik Teil der popkulturellen Gegenwart. Mit einem gründlichen, ein wenig zu routiniert wirkenden Begleittext des Kunsthistorikers Matthi Forrer versehen, zeigt der Bildband "Hokusai" (Prestel) alle Perioden seines jahrzehntelangen Schaffens. Darunter seinen berühmtesten Holzschnitt "Im Wellental einer Woge vor der Küste bei Kanagawa" aus dem Jahr 1830, kurz "Große Woge", und den burlesken "Traum der Fischerin", einen Druck aus dem Album "Die ersten jungen Pinien" von 1814, in dem sich Menschenfrau und Oktopus begatten. Es finden sich einige geradezu magisch erotische Motive in diesem Band - viel zu klein abgedruckt! Hokusais Werk ist eben zu umfangreich für ein einziges Buch.

In seinem Spätwerk schuf der Japaner Tierbilder von surrealem Zauber. Nur wenige Künstler haben seinen klaren und doch vielschichtigen Stil erreicht - zu ihnen gehört Carl Barks, der größte Zeichner, den Disney hatte. Die Box "Weihnachtsgeschichten von Carl Barks" (Ehapa) versammelt in zwei Bänden klassische Barks-Comics mit der Familie Duck. Dagobert, die Figur, die Barks 1947 in Anlehung an Dickens' "A Christmas Carol" erfand, ist hier bei ihrem ersten Auftritt zu sehen: In "Christmas on Bear Mountain", zu Deutsch "Die Mutprobe". Auf die zwischen den Geschichten eingestreuten, ziemlich scheußlichen Entengemälde hätte man verzichten können - doch lassen sie im Kontrast Barks' Comics noch heller strahlen. Natürlich in der klassischen Übersetzung von Dr. Erika Fuchs.

Als puertoricanische und afroamerikanische Straßengangs um ihre Vormachtstellung kämpften, als die Black Panther Party und die Young Lords für die Revolution stritten, als Ex-Polizisten unter dem Namen "Purple Mothers" die Gangs jagten und die Hausbesitzer ihre Häuser anzündeten, um die Versicherungssumme zu kassieren: Damals, Mitte der siebziger Jahre, entstand in der Bronx die HipHop-Kultur. Jugendliche schraubten die Plattenspieler aus den Kompaktanlagen ihrer Eltern und übten in leerstehenden Kirchen bei funzeligem Licht Sprechgesang über Instrumental-Funk-Nummern. Statt mit Klappmessern und Schlagringen traten sie auf der Tanzfläche gegeneinander an: Je zuckender, akrobatischer, abgefahrener, desto besser. Ein Mann hat das alles fotografiert: Joe Conzo, damals selbst noch ein Teenager. Seine Fotos - zusammen mit Erinnerungen der Rap-Pioniere und den Faksimile der frühen Party-Flyer - gibt es jetzt in einem großartigen Band: "Born in the Bronx. Die Anfänge des HipHop" (Edel).

Mitarbeit Christoph Twickel



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verissimus 20.12.2010
1. Das `Highlight`
Zitat von sysopMode-Ikonen*der Achtziger und*Schlachtfelder im Sudan, frühe HipHopper in der Bronx und liebestolle Kraken: Die Fotobücher der Saison zeigen Eleganz und Schönheit, aber auch*den Schrecken*der Welt. Ein Blick auf zehn neue Prachtbände, die kaum unterschiedlicher sein könnten. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,734740,00.html
der Saison wurde leider nicht erwähnt: URBAN LOGBOOK (Canvasco)!
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