Krimis des Monats Finstere Geschichten von gebrochenen Knochen und gebrochenem Stolz

David Peace' "GB 84" ist ein monumentaler Kriminalroman über den britischen Bergarbeiterstreik. Borowski-Autor Sascha Arango schreibt Noir-Literatur der schönsten Art. Arne Dahl setzt sein Europol-Quartett fort.

Streikende Bergleute, 1984: Held, Feigling oder Schurke
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Streikende Bergleute, 1984: Held, Feigling oder Schurke


Die Verflechtungen zwischen Industrie und Verbrechen: Arne Dahls "Neid"

Man könnte Arne Dahl bewundern. Weil er mit großer Kühnheit komplexeste Plots entwickelt und dabei selten den Faden verliert.

Man könnte Arne Dahl bemitleiden. Weil ihm immer wieder ganz fürchterliche Sätze einfallen wie dieser: "Hershey schauderte, als ihre jüdischen Wurzeln ihr die Haare zu Berge stehen ließen."

Miriam Hershey ist Britin und gehört zu Opcop, einer geheimen Abteilung von Europol. Eine Art Überall-Polizei, eine Eliteeinheit, in der die besten Cops aller EU-Länder unter der Führung des Schweden Paul Hjelm europaweit auf Verbrecherjagd gehen.

Zu Beginn von "Neid", dem dritten und vorletzten Teil seines Europol-Quartetts, sind Teile von Opcop in Amsterdam gebunden, wo sie einen vermeintlichen Boss der Bettlermafia überwachen. Während die Amsterdam-Aktion stockt, lernt Hjelm die französische EU-Kommissarin Marianne Barrière kennen. Die Politikerin hat einen Gesetzesvorschlag entworfen, der das Leben in Europas Metropolen revolutionieren wird. Doch sie hat mächtige Gegner, die vor Erpressung ebenso wenig zurückschrecken wie vor Mord.

Mit "Neid" hat Arne Dahl zurück zu der Form gefunden, die seine zehn Romane um das Stockholmer A-Team zu den wenigen Meisterstücken aus der skandinavischen Krimi-Massenproduktion werden ließen. Weil er hier - anders als in "Gier" und "Zorn" - eine Geschichte erzählt, die so (oder so ähnlich) tatsächlich passieren könnte. Eine Geschichte, in der keine genial-gestörten Serienkiller ihr Unwesen treiben und auch sonst kaum blutig-plakativ geschlachtet wird. Einen einzigen Mord gibt es bis zum Showdown zu verzeichnen - und der wird relativ dezent geschildert.

Mit einem missglückten Sonnenaufgang beginnt der Roman: "Auch die Sonne, die es geschafft hat, den Horizont zu erklimmen, verändert sich. Ihre Magie verdunkelt sich - wird schwarze Magie." Mit einem Sonnenuntergang endet er: "Als sie wieder aus dem Meer kamen, versank die Sonne darin und ließ es bluten." So wie diese Bilder gleichzeitig etwas Erhabenes und etwas Schreckliches in sich tragen, so ist der gesamte Roman zweigeteilt, ist Warnung und Aufforderung, pessimistische Zustandsbeschreibung und utopischer Entwurf. Von einer EU erzählt Dahl, in der der Kapitalismus zur alles bestimmenden Ideologie geworden ist. Grenzenlos und unersättlich. Große Konzerne, griechische Neonazis, die süditalienische 'Ndrangheta oder rumänische Menschenhändler - die Verflechtungen zwischen Industrie und Verbrechen sind undurchschaubar geworden.

Dieser Herrschaft des Geldes setzt Dahl eine mutige Politikerin und zwei Handvoll aufrechter Polizisten entgegen. Die tappen zwar lange Zeit im Dunkeln (der treffendere Originaltitel von "Neid" ist "Blindbock", also "Blindekuh"). Aber sie geben nicht auf, kämpfen trotz aller Rückschläge unermüdlich gegen die Nebeneffekte des entfesselten Kapitals, gegen Korruption und Kriminalität, für Anstand und Aufrichtigkeit.

Man könnte Arne Dahl belächeln. Weil er sich einen scheinbar naiven politischen Optimismus bewahrt hat.

Man sollte es aber nicht.

Marcus Müntefering

Buchtipp
Nicht ohne Zärtlichkeit: Sascha Arangos "Die Wahrheit und andere Lügen"

So was nennt man Liebe. Henry Hayden vögelt tagsüber die unsympathische Lektorin aus dem Verlag, in dem Krimi-Bestseller unter seinem Namen erscheinen, nachts aber kehrt er zu seiner klugen und warmherzigen Frau heim, bringt ihr auf leisen Socken Kamillentee aufs Zimmer, damit sie weiter bis in den frühen Morgen in die Tasten hauen kann. Die Ehefrau schreibt nämlich jene Bücher, die ihn berühmt gemacht haben.

Weshalb die doppelt Betrogene ihren Mann nicht verlässt? Sie ist halt gerne mit ihm zusammen, vielleicht auch deshalb, weil sie den Aufschneider nie so genau durchschaut hat. Uns zieht nun mal an, was wir nicht verstehen.

Sascha Arango, einer der interessantesten Autoren des deutschen Fernsehens, der nun mit "Die Wahrheit und andere Lügen" seinen ersten Roman vorlegt, hat auf dieser Erkenntnis sein extrem reiches Drehbuch-Oeuvre aufgebaut. Stets bleibt er in seinem Krimis Borderline-Persönlichkeiten auf den Fersen, ohne diese gänzlich auszuerklären.

Man nehme nur die vielen Kieler "Tatorte" aus seiner Feder: Mal folgt Borowski einer Veterinärin in Liebe, die in ihrer Verzweiflung Mensch und Getier übel mitspielt. Mal einem zärtlichen Spanner, der in fremden Wohnungen ungefragt für Ordnung, aber auch für Todesfälle sorgt. Mal, wie in der gerade für den Grimmepreis nominierten Folge "Borowski und der Engel", einer Krankenschwester im Sommerkleid, die sich auf brutale Weise ihre eigenen Patienten schafft, um diese dann liebevoll zu umsorgen.

Wie all die Arango-Figuren aus den "Tatorten" bleibt auch der Schaumschläger und Schriftstellerdarsteller Henry Hayden zwiespältig, nämlich voller Empathie für seine Mitmenschen - solange diese Empathie nicht dem eigenen Vorteil im Wege steht. Erstaunlich, wie wendig er ist, wenn das Schicksal mal wieder einen tödlichen Haken geschlagen hat. Und tödliche Haken gibt es in Arangos Roman reichlich. Etwa als Henry Hayden versucht, seine Geliebte aus dem Weg zu schaffen, nachdem diese ihm offenbart hat, dass sie von ihm schwanger ist. Es kommt zu einer blutigen Kettenreaktion.

Der Autor entwickelt den Plot mit einer kunstvollen schwarzen Mechanik, wie wir sie bei Cornell Woolrich ("Die Braut trug schwarz") finden - und folgt seinem Helden dann durch diese entfesselte Mechanik mit der unverbrüchlichen Liebe eines James M. Cain ("Wenn der Postmann zweimal klingelt"), der noch die ruchloseste Mörderin zur identifikationstiftenden Heldin erheben konnte. Noir-Literatur der schönsten Art, auch in ihren bösesten Moment nicht ohne Zärtlichkeit.

Christian Buß

Buchtipp
Eine kalte, kontrollierte Wut: David Peace "GB 84"

In Extremsituationen zeigt sich, wer man wirklich ist: Held, Feigling oder Schurke. Bei David Peace und seinem monumentalen Roman über den Bergarbeiterstreik, der 1984 Nordengland in ein einziges Gefahrengebiet verwandelte, sieht das anders aus: In "GB84" begegnen wir Verlierern und Verlorenen, zerstörten Seelen und Seelenzerstörern, Krankheit, Wahnsinn und Tod. Kein Held, keine Erlösung in Sicht. Wie Peaces "Red Riding"-Quartett ist auch "GB84", bereits vor zehn Jahren entstanden, eine Studie menschlicher Abgründe. Grimmig, grotesk, finsterer als ein stillgelegter Mienenschacht.

Peace mischt reale und ausgedachte Figuren, historische Ereignisse mit erfundenen wie der Krimistory um eine Serie von Supermarkt-Überfällen, tote Cops und eine Enthauptung. Okkulte Geschichtsschreibung nennt Peace seine Methode - eine Beschwörung der Vergangenheit mit radikalen Mitteln: Er montiert Stakkato-Sätze, innere Monologe, Alpträume, Zeitungsschnipsel, Fetzen aus TV-Berichten, Musik, Literatur, Symbole zu einem fiebrig flirrenden Textgebilde, zu einem literarischen Labyrinth, das von jedem Leser verlangt, seinen eigenen Weg hindurch zu finden - auch wenn es keinen Ausgang geben mag. David Peace führt Figuren nicht ein, er beschreibt sie nicht, er setzt Schlaglichter. Grell und kühl.

Peace hat "GB84" in 53 Kapitel eingeteilt, eines für jede Woche, die der Streik dauerte. Jedes beginnt mit einem Bericht "von der Straße", wird im Wechsel von einem streikenden Arbeiter und einem Gewerkschafter erzählt. Es sind finstere Geschichten von der Front, von gebrochenen Knochen und gebrochenem Stolz, von Hunger und Hass, aber auch von Solidarität.

Orchestriert werden die Ereignisse von anderen, von Stephen Sweet etwa, dem manisch-depressiven Unternehmer, der von Margaret Thatcher carte blanche bekommen hat, um den Streik zu beenden. Er engagiert Schlägertrupps, überzieht die Gewerkschaften mit Prozessen, steuert die Medien, friert Konten ein, genehmigt Überwachungen. Dabei steht ihm Neil Fontaine zur Seite, sein Mann für die dreckigen Jobs, eine zutiefst korrumpierte Figur, wie man sie aus den Romanen James Ellroys kennt.

Auf der anderen Seite sieht es kaum besser aus: Arthur Scargill, Anführer der National Union of Mineworkers und laut Thatcher Englands gefährlichster Mann, wird als pompöser Sprücheklopfer mit Wahrnehmungsstörungen porträtiert, sein Geschäftsführer Terry Winters, ein ebenfalls tief gestörter Schwächling, hat ein Verhältnis mit einer hohen MI5-Agentin, die ihn manipuliert, wie sie will. Bis Winters selbst nicht mehr weiß, ob er noch zum Wohl der Gewerkschaft oder längst auf eigene Rechnung arbeitet.

Auch wenn Peace zur Zeit des Streiks noch ein Teenager war und seit Jahren weit weg von Nordengland in Tokio lebt - man spürt, dass es immer noch Wut ist, die ihn antreibt. Eine kalte, kontrollierte Wut. Peace hat kein Pamphlet und keine Klageschrift geschrieben: Er seziert die Mechanismen der Macht, zeigt auf, wie ein ganzes Land zerstört wurde, von den sozialen Strukturen bis zu den Seelen der Menschen.

Marcus Müntefering

Buchtipp

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