Krimis des Monats Jeder redet mit jedem, und am Schluss ist einer tot

George V. Higgins "Die Freunde von Eddie Coyle" ist einer von Quentin Tarantinos Lieblingskrimis. Nora Luttmer schickt ihren Kommissar Ly auf den vietnamesischen Schwarzmarkt. Dennis Lehane erzählt ein Gangsterepos aus den Tagen der Prohibition.

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Und ab und an ein bisschen Spaß: George V. Higgins' "Die Freunde von Eddie Coyle"

Eddie Coyle, Berufsverbrecher und Titelfigur des Romans "Die Freunde von Eddie Coyle" hat eigentlich gar keine Freunde, sein Erfinder George V. Higgins dafür sehr viele.

Einer von ihnen war der im August 2013 gestorbene Elmore Leonard: Wiederholt pries er Higgins' Debütroman "Die Freunde von Eddie Coyle" aus dem Jahr 1970, der jetzt in einer soliden Neuübersetzung vorliegt, als den wohl besten jemals geschriebenen Kriminalroman.

Zu den Fans von "Eddie Coyle" (vor allem der Verfilmung mit Robert Mitchum) zählt auch Quentin Tarantino. Als er Leonards Roman "Rum Punch" in eine Blaxploitation-Hommage verwandelte, nannte er diese "Jackie Brown", nach dem Waffendealer aus "Eddie Coyle". Warum Tarantino an diesem Stoff Gefallen gefunden hat, ist offensichtlich: Wie viele seiner Filme spielt auch "Eddie Coyle" in der Kleinkriminellenszene, wie in "Reservoir Dogs" werden die Figuren weniger darüber definiert, was sie tun, als darüber, wie sie reden. Der Roman besteht fast ausschließlich aus wörtlicher Rede. Dialoge wie Duelle, wo jeder den anderen belauert, darauf hofft, dass sein Gegenüber sich verplappert und man so ein bisschen Information erhält, die zum Überleben notwendig ist.

Die Gangster in "Eddie Coyle", das in Boston spielt, sind keine Karrierekriminellen. Sondern vom Daseinskampf zermürbte Figuren, die versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen, ihre Familien zu ernähren und ab und an ein bisschen Spaß zu haben (Schnaps, Frauen, Baseball). Typen wie der Mittvierziger Eddie, die merken, dass ihre beste Zeit vorbei ist, wenn es sie denn jemals gab: "Ich werd langsam alt. Ich hab mein Leben damit verbracht, mit Figuren wie dir in miesen Bars rumzusitzen, Kaffee zu trinken, aufgewärmtes Zeug zu essen und zuzusehen, wie andere nach Florida fliegen, während ich mir überlegen kann, wie ich die nächste Miete zahlen kann."

Eddie Coyle droht eine längere Gefängnisstrafe. Als er einen Waffendeal einfädelt, verrät sein Lieferant Jackie Brown Coyle, wann und wo er ein paar Sturmgewehre verticken will. Für Coyle ist dieses Wissen die Währung, mit der er sich die Gehe-nicht-ins-Gefängnis-Karte zu kaufen hofft. Also erzählt er einem Kontaktmann bei der Polizei davon. Der Beginn einer verwickelten Geschichte um Bankräuber, Barmänner und Bullen, die man auch so zusammenfassen könnte: Jeder redet mit jedem, und am Schluss ist einer tot. "Das Leben ist hart, aber wenn man blöd ist, ist es noch härter", wie Jackie Brown sagt - einer von vielen großartigen One-Linern in diesem Roman.

Man hat Higgins oft für seinen Realismus gefeiert, was letztlich Unsinn ist. Niemand in der Unterwelt Bostons (oder anderswo) redet so geschliffen, so pointiert. Higgins arbeitete, während er an "Eddie Coyle" schrieb, für die Bostoner Staatsanwaltschaft im Bereich Organisierte Kriminalität. Doch hat er nicht einfach aufgeschrieben, was er Tag für Tag zu hören bekam, er hat es in große Literatur verwandelt. Das ist kein Realismus. Sondern Wahrhaftigkeit. Marcus Müntefering

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Bärengalle, verdünnt in Schnaps: Nora Luttmers "Der letzte Tiger"

Kommissar Ly ist einer dieser Ermittler, die ihre Nase in Angelegenheiten stecken, die ihn eigentlich nichts angehen. Darunter leidet sein Familienleben, sein Verhältnis zum Chef und auch das Blech seiner roten Vespa, mit der sich Ly durch die verstopften Straßen von Hanoi schlängelt. Und weil er natürlich ab und zu in dunklen Ecken Prügel bezieht, wirkt der Kommissar meistens genauso verbeult wie sein heißgeliebter Motorroller.

Im zweiten Ly-Roman der Hamburger Autorin Nora Luttmer bekommt es der Ermittler mit skrupellosen Tierhändlern zu tun, die den vietnamesischen Schwarzmarkt beliefern. In dem südostasiatischen Land gehören Tierpräparate zu den traditionellen Heilmitteln. Dass vieles davon illegal ist, zum Beispiel Tigerknochen oder Rhino-Horn, mindert nicht die Beliebtheit dieser vermeintlichen Medizin, die gegen Rückenschmerzen genauso helfen soll wie gegen Krebs. Kragenbären werden in enge Käfige gesperrt, wo man ihnen bei lebendigem Leibe eine Kanüle in die Gallenblase bohrt und daraus die grün-gelbliche, leicht schäumende Flüssigkeit abzapft. Die Bärengalle, verdünnt in Schnaps, lindert angeblich Leberleiden und schmerzhafte Prellungen.

Ja, die Leser von "Der letzte Tiger" sollten keinen nervösen Magen haben. Wer sich darauf einlässt, taucht in eine ganz eigene Welt ein, in der es oft stinkt und brodelt. Aber genauso häufig steigen köstliche Düfte auf, wenn Kommissar Ly wieder einmal schnell eine Garküche besucht und irgendeine vietnamesische Spezialität verspeist, zum Beispiel eine dampfende Fleischbrühe mit hauchdünn geschnitten Rinderbrust-Streifen und kleingehackten Frühlingszwiebeln.

Die große Stärke der Autorin ist es, dass sie sehr genau weiß, worüber sie schreibt. Sie kennt das Land, sie spricht die Sprache und schafft durch viele unaufdringliche Details eine dichte Atmosphäre. Und sie kann eine Geschichte erzählen.

Während des Monsun-Hochwassers stirbt ein alter Freund von Kommissar Ly an einem Stromschlag. Weil der Polizist nicht glaubt, dass es ein Unfall war, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln und dringt dabei bis in die abgelegene Waldregion an der Grenze zu Laos vor. Er entdeckt, wie die dort lebende Minderheit der Hmong von den Vietnamesen unterdrückt wird, er kommt einer seltsamen Baronin mit besten Verbindungen in den korrupten Staatsapparat in die Quere, und er landet zwischendurch im Straßengraben. Am Ende löst er seinen Fall und steht, wie das Leben so ist, vor neuen Problemen. Dietmar Pieper

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Schließlich herrscht Prohibition: Dennis Lehanes "In der Nacht"

Gangster, das sind die anderen. Joe Coughlin, der Held von Dennis Lehanes "In der Nacht", hingegen hält sich für einen Gesetzlosen. Weil er, aus einer wohlhabenden Familie kommend, nicht aus Notwendigkeit zum Outlaw wurde, sondern aus freien Stücken. Gerade einmal 19 Jahre ist er alt, zu Beginn dieser ein Jahrzehnt umspannenden Geschichte. Ein Romantiker des Verbrechens, ein Rebell. Der sich für das Leben in der Nacht entscheidet, weil die Gesetze des Tages ihm nicht gefallen: "Für einen echten Mann zählen nur die Regeln, die er sich selbst auferlegt" - so lässt Joe seinen Bruder Danny abblitzen, als der ihm einen "richtigen" Job anbietet.

Danny war der Held aus "Im Aufruhr jener Tage", Lehanes Epos über das Boston der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Ein Polizist, der undercover gegen die sich gerade gründenden Gewerkschaften eingesetzt wurde und daran zerbrach. In "In der Nacht", das im Jahr 1926 beginnt, taucht Danny nur kurz auf, um Joe vom Tod ihres Vaters zu berichten, eines korrupten Karriere-Cops, dem beide Brüder in Hassliebe verbunden waren.

Joe sitzt zu diesem Zeitpunkt schon länger im Gefängnis, nach einem Banküberfall, bei dem zwei Polizisten starben. Als Sohn des stellvertretenden Polizeichefs geht er hinter Gittern durch die Hölle. Bis sich der italienische Großgangster Maso Pescatore des jungen Iren annimmt und ihm Schutz anbietet - und einen Job für die Zeit nach dem Gefängnis. In Tampa wird Joe für Pescatore und das Syndikat die Geschäfte führen - Glücksspiel, Mädchen und vor allem Schnaps, schließlich herrscht Prohibition. Joe macht seine Sache gut, doch je besser die Geschäfte laufen, desto weniger kann er nach seinen eigenen Regeln leben. Sein Erfolg weckt Begehrlichkeiten, könnte ihn schließlich sein Leben kosten. Dennis Lehane beginnt "In der Nacht" mit einem hochriskanten Cliffhanger, der sich erst mehr als 500 Seiten später auflösen wird: "Ein paar Jahre später fand sich Joe Coughlin auf einem Schlepper im Golf von Mexiko wieder. Seine Füße steckten in einem Block Zement."

Lehane ist bei weitem nicht der erste Autor, der erzählt, wie die Prohibition das Verbrechen in den USA gefördert hat, wie aus Banden Syndikate wurden und aus Gangstern Unternehmer. Aber kaum jemand hat es jemals besser gemacht. Lehane hat ein Gangsterepos geschrieben, das mehr gemein hat mit einer modernen TV-Serie wie "Boardwalk Empire" (bei der er inzwischen als Produzent und Autor arbeitet) als mit klassischen Filmen wie "Es war einmal in Amerika". Denn das Erzählte mag episch sein, die Erzählung ist es nicht. Lehane variiert immer wieder das Tempo, lässt Jahre mit wenigen Worten vergehen und nimmt sich dafür richtig viel Zeit für Episoden wie den Überfall auf ein Schiff der US-Marine oder ein vereiteltes Attentat im Gefängnis. Solche Szenen wirken fast wie set pieces in Filmen, und so ist es nur logisch, dass nach Lehanes Romanen "Mystic River" und "Shutter Island" auch "In der Nacht" verfilmt wird. Bei Ben Affleck, der wie Lehane aus Boston stammt, ist der Stoff in guten Händen. Mit seinem Regiedebüt "Gone Baby Gone - kein Kinderspiel" hat Affleck bereits 2007 bewiesen, dass er Lehane kann. Marcus Müntefering

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