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Krimis des Monats: Erst Brettspiel, dann Bettspiel

Schauplatz Kaliningrad: Kinder und Hunde zuerst Zur Großansicht
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Schauplatz Kaliningrad: Kinder und Hunde zuerst

Schach und Prostitution: Martin Cruz Smith liefert mit "Tatjana" ein nicht ganz klischeefreies Krimi-Kondensat aus Kaliningrad. Jo Nesbø schreibt mit "Koma" die Harry-Hole-Reihe fort. Und Jerome Charyn präsentiert die Märchenfigur schlechthin: einen Anti-Politiker als Spekulantenschreck.

Politiker mit Knarre im Hosenbund: Jerome Charyns "Unter dem Auge Gottes"

Ein Politiker - Bürgermeister von New York und künftiger Vizepräsident der USA - als Held eines Kriminalromans? Klingt absurd. Und das ist es auch: Willkommen in der Welt von Jerome Charyn, der seit bald vier Jahrzehnten in seinen Büchern um Isaac Sidel die Regeln des Genres lustvoll bricht.

"Unter dem Auge Gottes" ist der elfte Sidel-Roman, begonnen hatte Charyn seine Reihe 1975 mit "Blue Eyes". Damals war sein Held noch "ein kleiner Inspector", mit einem zu großen Herzen und staunenden Augen. Ein jüdischer Junge aus der Bronx, fasziniert von den großen jüdischen Gangstern wie Arnold Rothstein - der dennoch Karriere bei der Polizei macht. Der immer eine Glock im Hosenbund trägt und nie einen Cent in der Tasche hat. Der bei jeder Gelegenheit in Tränen ausbricht und manchmal wochenlang verschwindet. Ein Ritter von der aberwitzigen Gestalt, der stolpert, sich aufrappelt, um sich schlägt, resigniert, weitermacht - und dabei, ohne wirklich zu wissen, wie ihm geschieht, immer höher steigt. Bis er sich 1988, dem Jahr in dem "Unter dem Auge Gottes" spielt, als designierter Vizepräsident wiederfindet.

Doch auch wenn er sich in Washington um das Wohl einer ganzen Nation kümmern soll - seine wahre Liebe gehört New York. Einem New York, das zu verschwinden droht, Geschäft um Geschäft, Gebäude um Gebäude, Straßenzug um Straßenzug. Jetzt soll die Bronx dran sein, doch Sidel signalisiert den Spekulanten: Hände weg! Ein erstes Attentat wird auf ihn verübt, weitere folgen. Sind die Immobilienhaie skrupellos genug, um Killer auf Sidel anzusetzen? Oder haben die Anschläge etwas mit seiner Berufung nach Washington zu tun? Um das herauszufinden, muss Sidel sich den Geistern der Vergangenheit stellen: seinem ehemaligen Mentor, einem Buchhalter der jüdischen Mafia, der es mit Immobilienspekulationen zu sagenhaftem Reichtum gebracht hat. Und einer Frau, die ihn auf fatale Weise an seine große unglückliche Liebe erinnert.

Auch wenn es Verschwörungen gibt, Attentate und Cops und Auftragskiller: Jerome Charyn schreibt eigentlich keine Polizei-Krimis und schon gar keine Polit-Thriller, sondern moderne Märchen für Erwachsene. Dieser Magier der Worte verwandelt New York in ein surreales Wunderland, bewohnt von Königen und Prinzessinnen, von Kurtisanen und Bettlern. Und wie im Märchen üblich, entpuppen sich die Bettler oft als Könige, und hinter der stolzen Erscheinung so manchen Königs verbirgt sich ein Monster. Charyn liebt Übertreibungen, Brüche, Irritationen. Seine Sprache wirkt oft schmucklos, beliebig, entwickelt dann aber einen Sog, eine unerklärliche Poesie - die dank der sorgfältigen Übersetzung von Jürgen Bürger auch in der deutschen Fassung kaum verloren geht.

"Unter dem Auge Gottes" bildet den Auftakt zu einer neuen Noir-Reihe, die der Krimikritiker Thomas Wörtche beim Theorieverlag diaphanes unter dem Namen Penser Pulp herausgibt. Ab 2014 sollen mindestens acht Titel im Jahr erscheinen, neben Romanen auch Sachbücher und Graphic Novels. Und, schreibt Wörtche in seinem Nachwort, "Penser Pulp wird sich peu à peu dem Gesamtwerk von Jerome Charyn annehmen" - das wunderbarste literarische Versprechen des Jahres, schließlich sind die meisten seiner Bücher entweder nicht mehr lieferbar oder wurden erst gar nicht übersetzt. Marcus Müntefering

Buchtipp
Konzentration aufs Wesentliche: Martin Cruz Smith' "Tatjana"

Ein Anschlag auf eine Reporterin, ein verunglücktes Atom-U-Boot: Martin Cruz Smith' neuer Kriminalroman "Tatjana" ist ganz offenbar vom realen Fall der ermordeten russischen Journalistin Anna Politkowskaja und vom Untergang der Kursk inspiriert. Dazu kommen die scheinbar allgegenwärtige Brutalität und Korruption Russlands, ein jugendliches Schachgenie, Kinder, die an der Kurischen Nehrung Bernstein suchen, und dann auch noch eine für die Schilderung des postsowjetischen Milieus wohl obligatorische Prostituierte, die zu Beginn des Buchs kräftig mit dem Po wackelt, dann aber fast aus der Handlung verschwindet. Das Leitmotiv des Buchs geben der Nationaldichter Puschkin und seine untreue Gattin Natalja Gontscharowa ab. Welches Russland-Schlagwort fehlt noch?

Dass "Tatjana" trotzdem nicht allzu klischeebeladen wirkt, liegt an der Kunst von Martin Cruz Smith. In "Gorki Park" führte der US-Amerikaner 1981 den sowjetischen Ermittler Arkadi Renko ein. Im Kalten Krieg war das eine zumindest ungewöhnliche Idee, die angeblich etliche US-amerikanische Verlage anfangs zurückschrecken ließ, Cruz Smith dann aber berühmt machte. Seitdem hat er eine insgesamt achtteilige Reihe um Arkadi Renko verfasst und dafür immer wieder in Russland recherchiert.

"Tatjana" liest sich fast wie ein Kondensat dieser Bücher. Cruz Smith konzentriert sich auf das Wesentliche, auf den Fall und die Figuren. Für unnötig retardierende Momente, Weitschweifigkeiten oder alberne Nebenstränge ist kein Platz in diesem Buch.

In der "New York Times" machte Martin Cruz Smith kürzlich öffentlich, an Parkinson zu leiden, und dass seine Frau Emily bei "Tajana" erstmals die Niederschrift eines Romans für ihn übernommen habe. Ihre einzige Bedingung: Im Verlauf der Handlung dürften keine Kinder oder Hunde getötet werden.

Auch wenn es schwierig ist, über die veränderten Arbeitsbedingungen von Martin Cruz Smith zu spekulieren. Die Tatsache, dass er gezwungen ist, die Geschichte komplett ohne eigene Notizen zu entwickeln, hat dem Buch sogar genutzt. In einer Zeit, deren Krimimarkt von weitschweifigen Plots im Stil Jussi Adler-Olsens beherrscht wird, ist "Tatjana" fast schon eine Besonderheit: Ein klassischer, geradliniger Krimi. Sebastian Hammelehle

Buchtipp
Die Strahlkraft von Harry Hole: Jo Nesbøs "Koma"

Zehn, das ist die magische Zahl im skandinavischen Thriller-Geschäft. Eine Benchmark, gesetzt von dem Ehepaar Maj Sjövall und Per Wahlöö und ihren Krimis um Kommissar Beck. Zuletzt schloss Arne Dahl seine Serie um das A-Team nach zehn Büchern ab, auch von Stieg Larsson heißt es, dass er seine Millennium-Romane auf zehn Bände angelegt habe. Dass der Norweger Jo Nesbø mit seinen Bestsellern um den Polizisten Harry Hole über Band neun herauskommen würde, durfte nach "Die Larve" bezweifelt werden: Am Ende lag Hole niedergeschossen in seinem Blut.

Jetzt ist mit "Koma" ein neuer Nesbø erschienen, und sein deutscher Verlag macht kein Geheimnis daraus, dass es sich um eine weitere Hole-Geschichte handelt: "Spannung pur - der neue Harry Hole" prangt in großen Lettern auf dem Cover. Damit unterläuft Ullstein die Konstruktion des Buchs. Denn Hole taucht zunächst gar nicht auf. Oder ist er vielleicht der anonyme Komapatient, der schwer bewacht im Reichshospital liegt? Das gesteigerte Interesse, das Polizeichef Mikael Bellman an diesem Patienten hat, legt das nahe. Schließlich hat Bellman einiges zu verlieren, sollte Hole auspacken. Denn er ist einzige, der weiß, dass Bellman einen Pakt mit Oslos Drogenmafia geschlossen hatte und auch ansonsten für seine Karriere buchstäblich über Leichen geht.

Bellman hat auch noch andere Probleme: Ein Unbekannter ermordet Polizisten. Die Morde werden spektakulär in Szene gesetzt, sind Choreografien des Grauens - und finden an Orten statt, an denen früher schon einmal ein Verbrechen verübt wurde. Ein Fall wie gemacht für Harry Hole. Doch zunächst müssen seine Kollegen ohne ihren klügsten Kopf auskommen.

Und das ist auch das Problem von "Koma": Weder die Ermittlungen noch die Geschichte kommen voran. So kühn der Einfall ist, den Helden eines Romans 200 Seiten lang nicht auftreten zu lassen, so entlarvend ist das letztlich. Weil offensichtlich wird, wie sehr sich Nesbø bislang auf die Strahlkraft seines Helden verlassen und dabei vernachlässigt hat, den anderen Hauptfiguren ein nennenswertes Eigenleben zuzuschreiben, das über eine Handvoll Eigenschaften und eine Reihe von Klischees hinausgeht.

Nesbø, der in Norwegen auch als Musiker bekannt ist, spielt in "Koma" mit der Ungeduld seiner Leser, wie eine Band, die ihr Publikum nach einem großartigen Konzert um eine Zugabe betteln lässt. Das Problem: Zwar gewinnt die Geschichte mit Holes Auftauchen deutlich an Fahrt, doch findet Nesbø selten zu seiner gewohnten Form. Themen und Motive früherer Romane wiederholen sich, das Finale ist allzu ähnlich aus dem "Schneemann" bekannt.

Auch wenn Nesbø es in "Koma" streckenweise doch wieder schafft, die für ihn typische Spannung aufzubauen, und wenn das Geschick, mit welchem er ein hochkompliziertes Krimi-Konstrukt erschafft, Bewunderung verdient: Hätte die Hole-Reihe mit "Die Larve" ihr Ende gefunden, es wäre ein beeindruckender, ein mutiger und würdiger Abschluss gewesen. Vielleicht ist die Zehn doch keine magische Zahl. Marcus Müntefering

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