Krimis des Monats Wenn der Westen nicht mehr weiß, welche Werte er verteidigt

Olen Steinhauers "Die Kairo-Affäre" ist ein Spionageroman im Stil von Graham Greene und John le Carré. Lee Childs "Wespennest" bietet fast Action fast ohne Pause - und unübertroffene Kampfszenen.

Graham-Greene-Verfilmung "Der stille Amerikaner": Geflecht aus Lügen
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Graham-Greene-Verfilmung "Der stille Amerikaner": Geflecht aus Lügen


Eine tiefe Melancholie: Olen Steinhauers "Die Kairo-Affäre"

Zu den Konventionen des Spionageromans gehört es, dass alle Figuren Geheimnisse haben, und dass am Ende niemand derjenige ist, für den man ihn gehalten hat. Mit diesen Konventionen bricht der Amerikaner Olen Steinhauer nicht, doch er passt sie den seit 9/11 radikal veränderten politischen Realitäten an. Mit seiner "Tourist"-Trilogie um den Anti-James-Bond Milo Weaver hat Steinhauer gezeigt, wie man Thriller erzählt, die in einer Welt spielen, in der zumindest der Westen nicht mehr weiß, welche Werte er noch verteidigt. Auch in seinem neuen Roman "Die Kairo-Affäre" erzählt Steinhauer von ratlosen Figuren, die von den Ereignissen überrollt werden.

Die Geschichte entspinnt sich vor dem Hintergrund des Arabischen Frühlings. Steinhauer spekuliert darüber, in welchem Umfang die CIA vor allem in Libyen involviert war. Und lässt den Leser wie seine Figuren lange im Ungewissen: Versucht die CIA zu vertuschen, dass sie die Revolution steuert, um sich in Position zu bringen für die Zeit nach Gaddafi? Und ist sie bereit, ihre eigenen Leute zu ermorden, um amerikanische (Wirtschafts-)Interessen zu schützen? Nacheinander werden ein Botschaftsangehöriger und zwei CIA-Mitarbeiter ermordet. Mussten sie sterben, weil sie damit drohten, die Machenschaften des US-Geheimdienstes aufzudecken?

Steinhauers Figuren - Spione, Diplomaten, Söldner - verlieren sich in einem Geflecht aus Behauptungen und Lügen, falschen Freundschaften und Verrat. Auch dem Leser gönnt der Autor keinen Überblick: Ständig wechselt er die Erzählperspektive, die Orte, die Zeitebenen. In diesem Taumel wird direkt spürbar, wie es seinen Figuren ergeht.

Wie schon die "Tourist"-Trilogie durchzieht auch "Die Kairo-Affäre" eine tiefe Melancholie, ein unbestimmtes Gefühl des Verlusts: der Jugend, der Tugend, der Unschuld, des Anstands. Weil Steinhauers Figuren selbst an nichts mehr glauben können, gestehen sie auch anderen keinen utopischen Impetus zu: "Es konnte, davon war John überzeugt, keine neue Welt geben, weil die Menschen, die in ihr lebten, dieselben sein würden wie gestern." Während der Arabische Frühling bahnbrechende Umwälzungen verspricht, übt sich die CIA in denselben Spielen, die sie seit Jahrzehnten spielt. Als würde die Welt sich nicht ändern, wenn man nur die Augen zumacht und sich versichert, dass alles so bleibt, wie es immer schon war.

Steinhauer entwickelt seinen Plot mit großer Könnerschaft, bindet elegant aktuelle Themen von WikiLeaks bis Whistleblowing mit ein, hält die Spannung bis zum Schluss hoch. Was "Die Kairo-Affäre" aber zu einem wirklichen Leseabenteuer macht, sind seine Figuren. Es ist der menschliche Faktor, um Graham Greene zu zitieren, mit dessen Romanen Steinhauer ebenso viel gemeinsam hat wie mit den besten Werken John le Carrés. "Die Kairo-Affäre" erzählt von Menschen, die das Richtige tun wollen, aber nicht mehr wissen, was das eigentlich ist. Dadurch werden sie angreifbar, verführbar, machen Fehler. Olen Steinhauer mag einen Roman aus der Welt der Geheimdienste geschrieben haben, er erzählt aber von unser aller Leben. Marcus Müntefering

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Ein perfekter Thriller: Lee Childs "Wespennest"

Treffen sich zwei Araber, zwei Iraner sowie zwei Mafiosi irgendwo im US-amerikanischen Nirgendwo an der Bar eines Motels und… Was klingt wie der Auftakt zu einem lahmen Witz, ist eine hoch brisante Situation aus dem bislang aufregendsten Thriller des Jahres. Die sechs Männer sind Killer, sie sollen einen Mann aus dem Weg räumen, der den Geschäften gefährlich wird, die ihre jeweiligen Bosse mit den Duncans machen, einem Trio von kriminellen Fuhrunternehmern, das den Bewohnern einer Kleinstadt in Nebraska das Leben seit Jahrzehnten zur Hölle macht.

Mit "Wespennest" hat Lee Child seinen 15. Thriller über den früheren Militärpolizisten Jack Reacher geschrieben, der ziellos durch die USA driftet und dabei immer wieder ins Visier von Verbrechern gerät. Den Cliffhanger, mit dem der vorherige Reacher-Roman "61 Stunden" endete, löst Child in "Wespennest" gleich zu Beginn auf: Sein Held hat die scheinbar ausweglose Situation überstanden, mit Verletzungen, die ihm zwar Schmerzen bereiten, ihn aber nicht wirklich behindern.

Er bekommt es mit zwei ehemaligen Football-Spielern zu tun, die für die Duncans die Drecksarbeit erledigen. Reacher macht kurzen Prozess mit ihnen: "Er hob den Schraubenschlüssel auf, brach dem Kerl damit das eine Handgelenk, eins, und das andere, zwei, und machte dann das Gleiche mit dem Typen, der den Hammer geschwungen hatte, drei, vier." Im Laufe der Geschichte wird Reacher es mit zehn von diesen hirnlosen Muskelpaketen aufnehmen, dazu mit den bereits erwähnten Killern und einem erfahrenen Jäger, der mit einem Präzisionsgewehr auf der Lauer liegt, um Reacher auszuschalten, falls er einer alten Scheune zu nahekommt, die ein dunkles Geheimnis birgt.

Anders als "61 Stunden", das eher vom Suspense lebte, basiert "Wespennest" auf fast pausenloser Action. Lee Child beweist eindrucksvoll, dass er in der Schilderung von Kampfszenen unübertroffen ist. Er schafft es, den Schmerz geradezu physisch spürbar zu machen, in dem er die Szenen zerdehnt, in einer Art literarischer Superzeitlupe schildert, wie Knochen brechen, Blut spritzt, Männer zu Boden gehen. Jack Reacher "lebte in einer Welt, in der man keinen Streit suchte, aber jeden Kampf, der einem aufgezwungen wurde, zu Ende brachte - siegreich beendete". Gewalt ist nicht erstrebenswert, aber eine Notwendigkeit, wenn man etwas Gutes erreichen will - man kann diese Einstellung fragwürdig finden, aber in der Welt, wie Lee Child sie sieht, braucht es einen Jack Reacher, um die Menschen zu schützen, die sich nicht wehren können oder wollen.

Reacher wird so zu einer Erlöserfigur, schweigsam und gradlinig wie ein klassischer Westernheld. Es gibt Kritiker, die Child vorwerfen, mit jedem Buch dieselbe Geschichte aufs Neue zu erzählen. Aber das wäre so, als würde man Mark Rothko vorwerfen, stets dasselbe gemalt zu haben. In der Kunst wie in der Literatur geht es nicht immer um Erneuerung, sondern um Verfeinerung, um Perfektionierung. Mit "Wespennest" hat Child einen perfekten Thriller geschrieben. Marcus Müntefering

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insgesamt 4 Beiträge
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Lankoron 25.06.2014
1. Man stelle sich vor..
Computerspiele, Filme oder gar Fernsehserien würden mit einem solche Text beworben werdn... "Er schafft es, den Schmerz geradezu physisch spürbar zu machen, in dem er die Szenen zerdehnt, in einer Art literarischer Superzeitlupe schildert, wie Knochen brechen, Blut spritzt, Männer zu Boden gehen. "...Ich wette, die USK und tausende Foristen würden hier nach Verbot schreien. Aber weils ein Buch ist, ist es bestimmt Kunst.
lebowski2 25.06.2014
2. Auf Dauer öde
Ich habe die letzten drei Reacher Romane in Englisch gelesen und kann nur abraten. Sie starten jedesmal furios aber irgendwann fäll die Spannung ab. Reacher, eine Mischung aus Sherlock Holmes und Arnold Schwarzenegger, gehen die ebenbürtigen Gegner aus. Und wenn es eigentlich zum großen Showdown kommen müsste, sind seine Gegner längst geschlagen.
Boesor 25.06.2014
3.
Eigentlich werden jede Menge Computerspiele so beworben. Einfach mal eine entsprechende Zeitschrift lesen.
blabliblupp 25.06.2014
4. Lee Child
hat weit bessere Reacher Romane als Wespennest geschrieben. Empfehlenswert sind vor allem Größenwahn und Ausgeliefert.
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